Bibliotheken zwischen Bildungsboom und Bildungskrise. Zur Entwicklung des wissenschaftlichen Bibliothekswesens in den 1970er und 1980er Jahren
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Bibliotheken zwischen Bildungsboom und Bildungskrise. Zur Entwicklung des wissenschaftlichen Bibliothekswesens in den 1970er und 1980er Jahren
Humboldt-Universität zu Berlin
Philosophische Fakultät I
Institut für Geschichtswissenschaften (IfG)
Bibliotheken zwischen
Bildungsboom und Bildungskrise
Zur Entwicklung des wissenschaftlichen Bibliothekswesens
in den 1970er und 1980er Jahren
von
Matti Stöhr
Okerstr. 11, 12049 Berlin
Matr.Nr.: 196610
matti.stoehr@ibi.hu-berlin.de
Dozent: Prof. Dr. Hartmut Kaelble
Seminar: HS 51492 „Die 1970er und 1980er Jahre in Europa“
Wintersemester 2009/10
Abgabedatum: 01.03.2010
Philosophische Fakultät I
Institut für Geschichtswissenschaften (IfG)
Bibliotheken zwischen
Bildungsboom und Bildungskrise
Zur Entwicklung des wissenschaftlichen Bibliothekswesens
in den 1970er und 1980er Jahren
von
Matti Stöhr
Okerstr. 11, 12049 Berlin
Matr.Nr.: 196610
matti.stoehr@ibi.hu-berlin.de
Dozent: Prof. Dr. Hartmut Kaelble
Seminar: HS 51492 „Die 1970er und 1980er Jahre in Europa“
Wintersemester 2009/10
Abgabedatum: 01.03.2010
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Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung ..................................................................................................................... 2
2 Bibliotheken während des Bildungsbooms ............................................................... 4
2.1 Grundzüge der Bildungspolitik als Sozialpolitik ................................................... 4
2.2 Bibliothekspolitik – Boom der Bibliotheksplanung .............................................. 6
2.3 Bibliotheksstruktur – Die neue Einschichtigkeit ................................................... 9
2.4 Bibliotheksarbeit – Mehr Effizienz und Dienstleistung durch EDV ................... 11
3 Bibliotheken während der Bildungskrise ............................................................... 14
3.1 Grundzüge der Ursachen und Folgen der Bildungskrise ..................................... 14
3.2 Bibliothekspolitik – Wandel im Planungsverständnis ......................................... 16
3.3 Bibliotheksstruktur – Wunsch und Wirklichkeit der Umstrukturierungen .......... 17
3.4 Bibliotheksarbeit – Folgen der Ökonomisierung des Bibliotheksbetriebs .......... 19
4 Bibliotheken zwischen Boom und Krise in internationaler Perspektive – Die
Beispiele England und Schweden ............................................................................ 20
4.1 Bildungspolitik – Zwischen Gleichheitsanspruch und Effizienz ......................... 20
4.2 Bibliothekspolitik – Zwischen Förderung und Forderungen ............................... 24
4.3 Bibliotheksstruktur – Zwischen Autonomie und Kooperation ............................ 27
4.4 Bibliotheksarbeit – Zwischen Tradition und Innovation ..................................... 29
5 Schlussbetrachtung ................................................................................................... 32
6 Literaturverzeichnis ................................................................................................. 34
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung ..................................................................................................................... 2
2 Bibliotheken während des Bildungsbooms ............................................................... 4
2.1 Grundzüge der Bildungspolitik als Sozialpolitik ................................................... 4
2.2 Bibliothekspolitik – Boom der Bibliotheksplanung .............................................. 6
2.3 Bibliotheksstruktur – Die neue Einschichtigkeit ................................................... 9
2.4 Bibliotheksarbeit – Mehr Effizienz und Dienstleistung durch EDV ................... 11
3 Bibliotheken während der Bildungskrise ............................................................... 14
3.1 Grundzüge der Ursachen und Folgen der Bildungskrise ..................................... 14
3.2 Bibliothekspolitik – Wandel im Planungsverständnis ......................................... 16
3.3 Bibliotheksstruktur – Wunsch und Wirklichkeit der Umstrukturierungen .......... 17
3.4 Bibliotheksarbeit – Folgen der Ökonomisierung des Bibliotheksbetriebs .......... 19
4 Bibliotheken zwischen Boom und Krise in internationaler Perspektive – Die
Beispiele England und Schweden ............................................................................ 20
4.1 Bildungspolitik – Zwischen Gleichheitsanspruch und Effizienz ......................... 20
4.2 Bibliothekspolitik – Zwischen Förderung und Forderungen ............................... 24
4.3 Bibliotheksstruktur – Zwischen Autonomie und Kooperation ............................ 27
4.4 Bibliotheksarbeit – Zwischen Tradition und Innovation ..................................... 29
5 Schlussbetrachtung ................................................................................................... 32
6 Literaturverzeichnis ................................................................................................. 34
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1 Einleitung
Ab Mitte der 1960er Jahre erlebte der Bildungssektor in der Bundesrepublik Deutschland eine
Dekade lang einen regelrechten Boom, der strukturelle Reformen und weitreichende Investitio-
nen in diesen Sektor einschloss.1 Der Aufschwung im Bildungswesen nahm bereits Mitte der
70er Jahre ein jähes Ende, als Ölpreisschock und wirtschaftliche Rezession eine Verschiebung
der politischen Prioritäten zugunsten der Ökonomie einleitete. Angesichts fortwährender Bil-
dungsdebatten, welche im Kern seit jener Zeit von den gleichen Themen durchdrungen sind,
Demokratisierung von Bildungsstrukturen, Verbesserung von Bildungsbedingungen, Schaffung
von Chancengleichheit etc., ist das Thema hochaktuell. Bibliotheken, deren Kernaufgabe es ist,
Wissen und Informationen in jedweder Trägermedienform, sei es nun gedruckte Bücher, Zeit-
schriften, CD-ROMs, Datenbanken oder andere, zu sammeln, zu erschließen und verfügbar zu
machen, waren und sind direkt davon betroffen.
Mit der vorliegenden Arbeit ist daher das Ziel verbunden, die Entwicklung des westdeutschen
Bibliothekswesens in der Boom- wie in der Krisenphase daraufhin zu untersuchen, inwiefern
jene Perioden einen Umbruch für diese Bildungsinstitutionen darstellte. Mit einer beispielhaften
Betrachtung der Bildungs- und Bibliothekssysteme der Länder England und Schweden,2 soll
ferner überprüft werden, ob ein Wandel auch auf europäischer Ebene stattgefunden hat.
In der Darstellung wird der Schwerpunkt auf die Situation im wissenschaftlichen Bibliotheks-
wesen, insbesondere im Hochschulbibliothekswesen, gelegt. Um deutliche Entwicklungslinien
für den Untersuchungszeitraum von 1965 bis 1985 mit Fokus auf die 70er Jahre, herauszuarbei-
ten, liegt das Hauptaugenmerk der Untersuchung auf drei Aspekten:
1. Bibliothekspolitik – Welche Kontinuitäten und Veränderungen gab es bzgl. des planerischen
Handelns im wissenschaftlichen Bibliotheksbereich?
1 Vgl. zum deutschen Bildungswesen nach dem Zweiten Weltkrieg grundlegend Führ, C. (1997). Deut-
sches Bildungswesen seit 1945. Grundzüge und Probleme, Neuwied: Luchterhand.
2 Grund für diese Länderauswahl: England (Schottland und Nordirland haben autonome Bildungssyste-
me) und insbesondere Schweden gelten als Vorreiter und Vorbilder von Wohlfahrtsstaatlichkeit und Bil-
dungsreformen, an welchen sich die Bundesrepublik orientierte. Vgl. Kap. 4.1.
1 Einleitung
Ab Mitte der 1960er Jahre erlebte der Bildungssektor in der Bundesrepublik Deutschland eine
Dekade lang einen regelrechten Boom, der strukturelle Reformen und weitreichende Investitio-
nen in diesen Sektor einschloss.1 Der Aufschwung im Bildungswesen nahm bereits Mitte der
70er Jahre ein jähes Ende, als Ölpreisschock und wirtschaftliche Rezession eine Verschiebung
der politischen Prioritäten zugunsten der Ökonomie einleitete. Angesichts fortwährender Bil-
dungsdebatten, welche im Kern seit jener Zeit von den gleichen Themen durchdrungen sind,
Demokratisierung von Bildungsstrukturen, Verbesserung von Bildungsbedingungen, Schaffung
von Chancengleichheit etc., ist das Thema hochaktuell. Bibliotheken, deren Kernaufgabe es ist,
Wissen und Informationen in jedweder Trägermedienform, sei es nun gedruckte Bücher, Zeit-
schriften, CD-ROMs, Datenbanken oder andere, zu sammeln, zu erschließen und verfügbar zu
machen, waren und sind direkt davon betroffen.
Mit der vorliegenden Arbeit ist daher das Ziel verbunden, die Entwicklung des westdeutschen
Bibliothekswesens in der Boom- wie in der Krisenphase daraufhin zu untersuchen, inwiefern
jene Perioden einen Umbruch für diese Bildungsinstitutionen darstellte. Mit einer beispielhaften
Betrachtung der Bildungs- und Bibliothekssysteme der Länder England und Schweden,2 soll
ferner überprüft werden, ob ein Wandel auch auf europäischer Ebene stattgefunden hat.
In der Darstellung wird der Schwerpunkt auf die Situation im wissenschaftlichen Bibliotheks-
wesen, insbesondere im Hochschulbibliothekswesen, gelegt. Um deutliche Entwicklungslinien
für den Untersuchungszeitraum von 1965 bis 1985 mit Fokus auf die 70er Jahre, herauszuarbei-
ten, liegt das Hauptaugenmerk der Untersuchung auf drei Aspekten:
1. Bibliothekspolitik – Welche Kontinuitäten und Veränderungen gab es bzgl. des planerischen
Handelns im wissenschaftlichen Bibliotheksbereich?
1 Vgl. zum deutschen Bildungswesen nach dem Zweiten Weltkrieg grundlegend Führ, C. (1997). Deut-
sches Bildungswesen seit 1945. Grundzüge und Probleme, Neuwied: Luchterhand.
2 Grund für diese Länderauswahl: England (Schottland und Nordirland haben autonome Bildungssyste-
me) und insbesondere Schweden gelten als Vorreiter und Vorbilder von Wohlfahrtsstaatlichkeit und Bil-
dungsreformen, an welchen sich die Bundesrepublik orientierte. Vgl. Kap. 4.1.
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2. Bibliotheksstruktur – Mit welchem Ziel und Erfolg wurden neue Strukturkonzepte in Bib-
liotheken umgesetzt?
3. Bibliotheksarbeit – Welche Auswirkungen hatte die Entwicklung der Elektronischen Daten-
verarbeitung (EDV) auf die bibliothekarische Praxis?
Diese Auswahl sollte für die Untersuchung des Wandels im Bibliothekswesen im Rahmen einer Haus-
arbeit hinreichend sein. Dennoch sind weitere Aspekte für die Untersuchung denkbar: So zum Beispiel
die Entwicklungen der bibliothekarischen Ausbildung oder im Bibliotheksbau.
Für den betreffenden Zeitraum, spiegeln eine Fülle von Publikationen den bibliothekarischen Fachdis-
kurs wieder. In den Fachdebatten unzähliger Beiträge in bibliothekarischen Fachzeitschriften und Pla-
nungspapieren,3 welche zumeist von Bibliothekaren, also Praktikern, verfasst wurden, schlägt sich
eine fortlaufende, kritische Selbstreflexion des Berufsstandes nieder. Eine ernsthafte historische Aus-
einandersetzung ist jedoch erst mit zeitlichem Abstand möglich. So stütze ich mich insbesondere auf
die Beiträge eines 2008 erschienenen Sammelbandes, in welchem erstmals zusammenhängend die
Entwicklung der Bibliotheken in den beiden Dekaden diskutiert wurde.4 Dabei ist die Darstellung
subjektiv-persönlicher Erfahrungen der Autoren durch ihren Status als aktive Zeitzeugen, zu bedenken.
Unabhängig davon wird nachvollziehbar dargelegt, dass die heutige Bibliothekspraxis stark von den
Verhältnissen der 70er und 80er Jahre Entwicklung beeinflusst ist. Insofern ist von einem lang anhal-
tenden Wandel im Bibliothekswesen auszugehen.
Mit der vorliegenden Arbeit wird das Ziel verfolgt, die bibliothekarischen Entwicklungslinien im en-
gen Zusammenhang mit der allgemeinen Bildungspolitik zu betrachten. Aus diesem Grunde ist jedem
Kapitel, ein Abriss derselben vorangestellt.
3 Im Zentrum der vorliegenden Untersuchung steht die Entwicklung und Ergebnisse des Bibliotheksplans
von 1973. Vgl. Deutsche Bibliothekskonferenz (1973). Bibliotheksplan '73. Entwurf eines umfassenden
Bibliotheksnetzes für die Bundesrepublik Deutschland, Berlin: Deutsche Bibliothekskonferenz. URL:
http://www.bibliotheksportal.de/fileadmin/0bibliotheken/Bibliothek_der_Zukunft/dokumente/bibliothek
splan1973.pdf [Zuletzt geprüft am 19.02.2010].
4 Vodosek, P. und Arnold, W. (Hrsg.) (2008). Auf dem Wege in die Informationsgesellschaft. Bibliotheken
in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts, Wiesbaden: Harrassowitz.
2. Bibliotheksstruktur – Mit welchem Ziel und Erfolg wurden neue Strukturkonzepte in Bib-
liotheken umgesetzt?
3. Bibliotheksarbeit – Welche Auswirkungen hatte die Entwicklung der Elektronischen Daten-
verarbeitung (EDV) auf die bibliothekarische Praxis?
Diese Auswahl sollte für die Untersuchung des Wandels im Bibliothekswesen im Rahmen einer Haus-
arbeit hinreichend sein. Dennoch sind weitere Aspekte für die Untersuchung denkbar: So zum Beispiel
die Entwicklungen der bibliothekarischen Ausbildung oder im Bibliotheksbau.
Für den betreffenden Zeitraum, spiegeln eine Fülle von Publikationen den bibliothekarischen Fachdis-
kurs wieder. In den Fachdebatten unzähliger Beiträge in bibliothekarischen Fachzeitschriften und Pla-
nungspapieren,3 welche zumeist von Bibliothekaren, also Praktikern, verfasst wurden, schlägt sich
eine fortlaufende, kritische Selbstreflexion des Berufsstandes nieder. Eine ernsthafte historische Aus-
einandersetzung ist jedoch erst mit zeitlichem Abstand möglich. So stütze ich mich insbesondere auf
die Beiträge eines 2008 erschienenen Sammelbandes, in welchem erstmals zusammenhängend die
Entwicklung der Bibliotheken in den beiden Dekaden diskutiert wurde.4 Dabei ist die Darstellung
subjektiv-persönlicher Erfahrungen der Autoren durch ihren Status als aktive Zeitzeugen, zu bedenken.
Unabhängig davon wird nachvollziehbar dargelegt, dass die heutige Bibliothekspraxis stark von den
Verhältnissen der 70er und 80er Jahre Entwicklung beeinflusst ist. Insofern ist von einem lang anhal-
tenden Wandel im Bibliothekswesen auszugehen.
Mit der vorliegenden Arbeit wird das Ziel verfolgt, die bibliothekarischen Entwicklungslinien im en-
gen Zusammenhang mit der allgemeinen Bildungspolitik zu betrachten. Aus diesem Grunde ist jedem
Kapitel, ein Abriss derselben vorangestellt.
3 Im Zentrum der vorliegenden Untersuchung steht die Entwicklung und Ergebnisse des Bibliotheksplans
von 1973. Vgl. Deutsche Bibliothekskonferenz (1973). Bibliotheksplan '73. Entwurf eines umfassenden
Bibliotheksnetzes für die Bundesrepublik Deutschland, Berlin: Deutsche Bibliothekskonferenz. URL:
http://www.bibliotheksportal.de/fileadmin/0bibliotheken/Bibliothek_der_Zukunft/dokumente/bibliothek
splan1973.pdf [Zuletzt geprüft am 19.02.2010].
4 Vodosek, P. und Arnold, W. (Hrsg.) (2008). Auf dem Wege in die Informationsgesellschaft. Bibliotheken
in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts, Wiesbaden: Harrassowitz.
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2 Bibliotheken während des Bildungsbooms
2.1 Grundzüge der Bildungspolitik als Sozialpolitik
Wirtschaftliches Wachstum, Vollbeschäftigung und Preisstabilität sind im Zuge der Politik der
Sozialen Marktwirtschaft in der Adenauer-Ära selbstverständlich geworden. Die bundesdeut-
schen Bürger erholten sich zusehends von der Kriegs- bzw. Nachkriegszeit. Das sogenannte
Wirtschaftswunder brachte eine Verbesserung des Lebensstandards, an welchen man sich nur zu
gerne gewöhnte.
Vor diesem Hintergrund begann sich in den 60er Jahren das „sozialpolitische Anspruchsniveau“
auszuweiten. Damit verbunden, setzte ein grundlegender Wandel im geistig-kulturellen und
politischen Gesamtklima in der Bundesrepublik ein, der die Linien zwischen Bildungs- und
Sozialpolitik konvergieren ließ.5 Der Bildungssektor rückte in den Fokus wissenschaftlicher
sowie gesellschaftspolitischer Debatten und Handlungsweisen. In der Mitte der 60er Jahre ver-
öffentlichte Georg Picht seine Beschreibung einer drohenden „Bildungskatastrophe“ und formu-
lierte darin die These, dass Bildungsnotstand gleichzeitig Wirtschaftsnotstand hieße.6 Bildungs-
wissenschaftler wie Picht kamen anhand von Studien zur Bildungsökonomie und
Bildungsplanung zum Ergebnis, dass innerhalb weniger Jahre – gemessen an der festgestellten,
geringen Quote von Hochschulzugangsberechtigten sowie der hohen Zahl ungelernter Fachar-
beiter – ein irreversibles Bildungsdefizit drohe. Internationale Vergleiche des Europarats, der
Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und der Europäi-
schen Gemeinschaft (EG), hatten die deutsche Vorstellung von der Rückständigkeit des Bil-
dungswesens im Verhältnis zur wirtschaftlichen Entwicklung verstärkt. Der Soziologe und Poli-
tiker Ralf Dahrendorf mahnte in diesem Zusammenhang eine neue, „aktive Bildungspolitik“ an,
5 Vgl. Rudloff, W. (2008). Bildungspolitik als Sozial- und Gesellschaftspolitik. Die Bundesrepublik in den
1960er- und 1970er-Jahren im internationalen Vergleich. In Boll, F. und Kruke, A. (Hrsg.), Der Sozial-
staat in der Krise, Bonn: Dietz., S. 240.
6 Vgl. Picht, G. (1964). Die deutsche Bildungskatastrophe. Analyse und Dokumentation, Olten, Freiburg i.
Br.: Walter., S. 17.
2 Bibliotheken während des Bildungsbooms
2.1 Grundzüge der Bildungspolitik als Sozialpolitik
Wirtschaftliches Wachstum, Vollbeschäftigung und Preisstabilität sind im Zuge der Politik der
Sozialen Marktwirtschaft in der Adenauer-Ära selbstverständlich geworden. Die bundesdeut-
schen Bürger erholten sich zusehends von der Kriegs- bzw. Nachkriegszeit. Das sogenannte
Wirtschaftswunder brachte eine Verbesserung des Lebensstandards, an welchen man sich nur zu
gerne gewöhnte.
Vor diesem Hintergrund begann sich in den 60er Jahren das „sozialpolitische Anspruchsniveau“
auszuweiten. Damit verbunden, setzte ein grundlegender Wandel im geistig-kulturellen und
politischen Gesamtklima in der Bundesrepublik ein, der die Linien zwischen Bildungs- und
Sozialpolitik konvergieren ließ.5 Der Bildungssektor rückte in den Fokus wissenschaftlicher
sowie gesellschaftspolitischer Debatten und Handlungsweisen. In der Mitte der 60er Jahre ver-
öffentlichte Georg Picht seine Beschreibung einer drohenden „Bildungskatastrophe“ und formu-
lierte darin die These, dass Bildungsnotstand gleichzeitig Wirtschaftsnotstand hieße.6 Bildungs-
wissenschaftler wie Picht kamen anhand von Studien zur Bildungsökonomie und
Bildungsplanung zum Ergebnis, dass innerhalb weniger Jahre – gemessen an der festgestellten,
geringen Quote von Hochschulzugangsberechtigten sowie der hohen Zahl ungelernter Fachar-
beiter – ein irreversibles Bildungsdefizit drohe. Internationale Vergleiche des Europarats, der
Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und der Europäi-
schen Gemeinschaft (EG), hatten die deutsche Vorstellung von der Rückständigkeit des Bil-
dungswesens im Verhältnis zur wirtschaftlichen Entwicklung verstärkt. Der Soziologe und Poli-
tiker Ralf Dahrendorf mahnte in diesem Zusammenhang eine neue, „aktive Bildungspolitik“ an,
5 Vgl. Rudloff, W. (2008). Bildungspolitik als Sozial- und Gesellschaftspolitik. Die Bundesrepublik in den
1960er- und 1970er-Jahren im internationalen Vergleich. In Boll, F. und Kruke, A. (Hrsg.), Der Sozial-
staat in der Krise, Bonn: Dietz., S. 240.
6 Vgl. Picht, G. (1964). Die deutsche Bildungskatastrophe. Analyse und Dokumentation, Olten, Freiburg i.
Br.: Walter., S. 17.
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in welcher Bildung als Bürgerrecht aufgefasst werden solle.7 Die Sozialpolitik sollte nicht mehr
retroperspektives Verteilungsinstrument sein, sondern sich präventiv für Gesamtveränderungen
in der Gesellschaftsstruktur interessieren.8 Parallel dazu wurde der Bildungspolitik ein entschei-
dender Beitrag zur Beseitigung ungleicher Chancen, im Sinne des Abbaus sozialer Benachteili-
gungen, zugeschrieben. Der Abbau sozialer „Bildungsbarrieren“ wurde zur Standardforderung
des bildungspolitischen Fachdiskurses. Die neue Disziplin der „Bildungsökonomie“ vermittelte
mit Erfolg der Politik die Überzeugung, dass Bildungsausgaben nicht als Konsum, sondern als
Zukunftsinvestitionen zu betrachten seien.9
Ihren Höhepunkt erreichte die Bildungsexpansion während der von Bundeskanzler Willy Brandt
angeführten, sozial-liberalen Regierungsperiode zwischen 1969 und 1974. In seiner Regie-
rungserklärung am 28.10.1969 hob der SPD-Politiker Bildung, Wissenschaft und Forschung als
die primären Felder staatlicher Reformtätigkeit hervor.10 Das Statement Brandts setzte ein mar-
kantes Signal hinsichtlich eines zukunftsoptimistischen, von technokratischer Planbarkeit be-
stimmten, (bildungs-)politischen Handelns. Bereits vor dem Amtsantritt Brandts, erweiterte man
mit der Novellierung des Grundgesetz-Artikels GG 91b, die Kompetenzen des Bundes im Bil-
dungsbereich und machte so eine Zusammenarbeit mit den Ländern, Inhaberinnen der Bil-
dungshoheit, möglich. Ferner wurde am 1. September 1969 das Gesetz über die Gemeinschafts-
aufgabe Ausbau und Neubau von Hochschulen, auch Hochschulbauförderungsgesetz (HBFG)
genannt, aus der Taufe gehoben. Mit diesem Gesetz begann von Seiten des Bundes die flächen-
deckende Neustrukturierung der Finanzierung des Hochschulbildungswesens.11
7 Vgl. Dahrendorf, R. (1965). Bildung ist Bürgerrecht. Plädoyer für eine aktive Bildungspolitik, Nannen:
Hamburg.
8 Vgl. Rudloff2008, S. 242.
9 Vgl. ebd., S. 243f.
10 Vgl. Beyme, K. von (1979). Die großen Regierungserklärungen der deutschen Bundeskanzler von Ade-
nauer bis Schmidt, München u.a.: Hanser. S. 251-281.
11 Die staatlichen Bildungsausgaben verdreifachten sich von 15,7 Mrd. DM (1965) auf 44,6 Mrd. DM
(1973). Mit der Einrichtung Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft (1969) und der Bund-
Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (1970) wurden Instrumentarien ge-
schaffen, welche mit dem Deutschen Bildungsrat (1965), die Kulturministerkonferenz bei länderüber-
greifenden Aufgaben unterstützen und umfassende Strukturreformen einleiten sollte. Vgl. Anweiler, O.
(1996). Deutschland. In Anweiler, O.; Boos-Nünning, U.; Brinkmann, G.; Glowka, D. und Goetze, D.
(Hrsg.), Bildungssysteme in Europa, Weinheim: Beltz, S. 34f.
in welcher Bildung als Bürgerrecht aufgefasst werden solle.7 Die Sozialpolitik sollte nicht mehr
retroperspektives Verteilungsinstrument sein, sondern sich präventiv für Gesamtveränderungen
in der Gesellschaftsstruktur interessieren.8 Parallel dazu wurde der Bildungspolitik ein entschei-
dender Beitrag zur Beseitigung ungleicher Chancen, im Sinne des Abbaus sozialer Benachteili-
gungen, zugeschrieben. Der Abbau sozialer „Bildungsbarrieren“ wurde zur Standardforderung
des bildungspolitischen Fachdiskurses. Die neue Disziplin der „Bildungsökonomie“ vermittelte
mit Erfolg der Politik die Überzeugung, dass Bildungsausgaben nicht als Konsum, sondern als
Zukunftsinvestitionen zu betrachten seien.9
Ihren Höhepunkt erreichte die Bildungsexpansion während der von Bundeskanzler Willy Brandt
angeführten, sozial-liberalen Regierungsperiode zwischen 1969 und 1974. In seiner Regie-
rungserklärung am 28.10.1969 hob der SPD-Politiker Bildung, Wissenschaft und Forschung als
die primären Felder staatlicher Reformtätigkeit hervor.10 Das Statement Brandts setzte ein mar-
kantes Signal hinsichtlich eines zukunftsoptimistischen, von technokratischer Planbarkeit be-
stimmten, (bildungs-)politischen Handelns. Bereits vor dem Amtsantritt Brandts, erweiterte man
mit der Novellierung des Grundgesetz-Artikels GG 91b, die Kompetenzen des Bundes im Bil-
dungsbereich und machte so eine Zusammenarbeit mit den Ländern, Inhaberinnen der Bil-
dungshoheit, möglich. Ferner wurde am 1. September 1969 das Gesetz über die Gemeinschafts-
aufgabe Ausbau und Neubau von Hochschulen, auch Hochschulbauförderungsgesetz (HBFG)
genannt, aus der Taufe gehoben. Mit diesem Gesetz begann von Seiten des Bundes die flächen-
deckende Neustrukturierung der Finanzierung des Hochschulbildungswesens.11
7 Vgl. Dahrendorf, R. (1965). Bildung ist Bürgerrecht. Plädoyer für eine aktive Bildungspolitik, Nannen:
Hamburg.
8 Vgl. Rudloff2008, S. 242.
9 Vgl. ebd., S. 243f.
10 Vgl. Beyme, K. von (1979). Die großen Regierungserklärungen der deutschen Bundeskanzler von Ade-
nauer bis Schmidt, München u.a.: Hanser. S. 251-281.
11 Die staatlichen Bildungsausgaben verdreifachten sich von 15,7 Mrd. DM (1965) auf 44,6 Mrd. DM
(1973). Mit der Einrichtung Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft (1969) und der Bund-
Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (1970) wurden Instrumentarien ge-
schaffen, welche mit dem Deutschen Bildungsrat (1965), die Kulturministerkonferenz bei länderüber-
greifenden Aufgaben unterstützen und umfassende Strukturreformen einleiten sollte. Vgl. Anweiler, O.
(1996). Deutschland. In Anweiler, O.; Boos-Nünning, U.; Brinkmann, G.; Glowka, D. und Goetze, D.
(Hrsg.), Bildungssysteme in Europa, Weinheim: Beltz, S. 34f.
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Insbesondere die Hochschulen profitierten, nicht zuletzt im Zuge der Umsetzung des HBFG,
vom Bildungsboom.12 Zudem wurde in der zweiten Hälfte der 60er Jahre damit begonnen, neue
Hochschultypen zu erproben: Seit 1968/69 richtete man im großen Stil berufsbildungsbezogene
Fachhochschulen (FH) mit Konzentration auf die Lehre ein. Es waren außerdem Dutzende aus-
bildungsübergreifende Gesamthochschulen geplant, von denen später jedoch lediglich fünf –
vier in Nordrhein-Westfalen und eine in Hessen – realisiert wurden. Mit der Fern-Universität
Hagen wurde erstmals eine Einrichtung geschaffen, welche ein vollwertiges Studium unter-
schiedlichster Fächer von zu Hause aus ermöglichte.
Die Situation massiver Studierendenproteste an den „alten“ Universitäten, forcierte die Hoch-
schulreformen. Beispielhafte Ergebnisse des Strebens nach mehr Mitbestimmung und besseren
Studienbedingungen waren vielerorts die Einführung des Paritätsprinzips in der Entscheidungs-
findung sowie die Erarbeitung verbindlicher Studien- und Prüfungsordnungen. Letzteres wurde
vor allem deshalb nötig, weil die Anzahl der Schulabgänger mit Hochschulreife und damit ein-
hergehend die Studienanfänger rasant anstiegen.13 Bildung und Wissenschaft erhielten somit
eine neue Priorität, verknüpft mit hohen Erwartungen an Wirtschaftskraft und Leistungsfähig-
keit.
2.2 Bibliothekspolitik – Boom der Bibliotheksplanung
Durch das Wachstum der Studierendenzahlen bekamen die Hochschulbibliotheken zunehmend
Probleme, eine adäquate Literaturversorgung sicher zu stellen. Zudem stellten das exponentiell
wachsende Publikationsaufkommen und die offensichtlich zu dessen Bewältigung nicht mehr
ausreichenden, traditionellen Arbeitsinstrumentarien, das Bibliothekswesen in Frage.14 Der bil-
dungspolitische Zeitgeist hinsichtlich der Sozialutopie von einem besseren und gerechten Le-
ben, spiegelte sich gleichzeitig im bibliothekarischen Denken und Handeln wieder: Im Anspruch
12 Zwischen 1960 und 1980 wurden allein 24 Universitäten gegründet, zumeist mit dem Anspruch, Mo-
dellcharakter für die Reform von Lehre und Forschung zu entwickeln. Zur Entwicklung der Hochschu-
len vgl. überblicksartig: Teichler, U. (2005). Hochschulstrukturen im Umbruch. Eine Bilanz der Re-
formdynamik seit vier Jahrzehnten, Frankfurt: Campus-Verl.
13 Von 12% Mitte der 60er Jahre auf 20% im Jahre 1973. Vgl. ebd., S. 39.
14 Vgl. Mittler, E. (2008). Bibliotheksplan Baden-Württemberg. Ziele und Ergebnisse. In Vodosek, P. und
Arnold, W. (Hrsg.), Auf dem Wege in die Informationsgesellschaft, Wiesbaden: Harrassowitz, S. 82.
Insbesondere die Hochschulen profitierten, nicht zuletzt im Zuge der Umsetzung des HBFG,
vom Bildungsboom.12 Zudem wurde in der zweiten Hälfte der 60er Jahre damit begonnen, neue
Hochschultypen zu erproben: Seit 1968/69 richtete man im großen Stil berufsbildungsbezogene
Fachhochschulen (FH) mit Konzentration auf die Lehre ein. Es waren außerdem Dutzende aus-
bildungsübergreifende Gesamthochschulen geplant, von denen später jedoch lediglich fünf –
vier in Nordrhein-Westfalen und eine in Hessen – realisiert wurden. Mit der Fern-Universität
Hagen wurde erstmals eine Einrichtung geschaffen, welche ein vollwertiges Studium unter-
schiedlichster Fächer von zu Hause aus ermöglichte.
Die Situation massiver Studierendenproteste an den „alten“ Universitäten, forcierte die Hoch-
schulreformen. Beispielhafte Ergebnisse des Strebens nach mehr Mitbestimmung und besseren
Studienbedingungen waren vielerorts die Einführung des Paritätsprinzips in der Entscheidungs-
findung sowie die Erarbeitung verbindlicher Studien- und Prüfungsordnungen. Letzteres wurde
vor allem deshalb nötig, weil die Anzahl der Schulabgänger mit Hochschulreife und damit ein-
hergehend die Studienanfänger rasant anstiegen.13 Bildung und Wissenschaft erhielten somit
eine neue Priorität, verknüpft mit hohen Erwartungen an Wirtschaftskraft und Leistungsfähig-
keit.
2.2 Bibliothekspolitik – Boom der Bibliotheksplanung
Durch das Wachstum der Studierendenzahlen bekamen die Hochschulbibliotheken zunehmend
Probleme, eine adäquate Literaturversorgung sicher zu stellen. Zudem stellten das exponentiell
wachsende Publikationsaufkommen und die offensichtlich zu dessen Bewältigung nicht mehr
ausreichenden, traditionellen Arbeitsinstrumentarien, das Bibliothekswesen in Frage.14 Der bil-
dungspolitische Zeitgeist hinsichtlich der Sozialutopie von einem besseren und gerechten Le-
ben, spiegelte sich gleichzeitig im bibliothekarischen Denken und Handeln wieder: Im Anspruch
12 Zwischen 1960 und 1980 wurden allein 24 Universitäten gegründet, zumeist mit dem Anspruch, Mo-
dellcharakter für die Reform von Lehre und Forschung zu entwickeln. Zur Entwicklung der Hochschu-
len vgl. überblicksartig: Teichler, U. (2005). Hochschulstrukturen im Umbruch. Eine Bilanz der Re-
formdynamik seit vier Jahrzehnten, Frankfurt: Campus-Verl.
13 Von 12% Mitte der 60er Jahre auf 20% im Jahre 1973. Vgl. ebd., S. 39.
14 Vgl. Mittler, E. (2008). Bibliotheksplan Baden-Württemberg. Ziele und Ergebnisse. In Vodosek, P. und
Arnold, W. (Hrsg.), Auf dem Wege in die Informationsgesellschaft, Wiesbaden: Harrassowitz, S. 82.
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der Schaffung von Chancengleichheit durch unbeschränkten, möglichst barrierefreien Zugang
zu Information und Kultur.15
Daher wurden auch die Bemühungen um Koordinierung, Bündelung und Vereinigung bibliothe-
karischer Interessenvertretung und Vereinsarbeit, zwischen wissenschaftlichem und öffentli-
chem Bibliothekswesen, intensiviert. Es wuchs die Vision einer gemeinsamen Bibliothekspolitik
heran, die bis heute auf Planung und Organisation des Bibliothekswesens einwirkt.16 Die Ein-
sicht in den Sinn und Nutzen von spartenübergreifender, partnerschaftlicher Kooperation, schlug
sich in Folge der politischen Aufbruchsstimmung der 60er Jahre in konkreten Annäherungsbe-
strebungen nieder. Diese mündeten 1973 in der Gründung des Deutschen Bibliotheksverbandes
(DBV) und der Vorstellung eines nationalen Bibliotheksplans im selben Jahr.17
Die Planentwicklung hatte eine lange Vorgeschichte. 1966 war die vieldiskutierte Schrift
"Grundlagen für die bibliothekarische Regionalplanung" erschienen, welche die Kommission
der Arbeitsstelle für das Büchereiwesens des Deutschen Büchereiverbandes, herausgegeben
hatte.18 Diese Schrift behandelte sowohl bildungspolitische als auch raumplanerische Aspekte,
die sich jedoch vor allem auf öffentliche Bibliotheken und ihren Ausbau bezogen. Daneben
waren Staats-, wissenschaftliche Stadt- und Regionalbibliotheken als zu fördernde Teile einer
15 Forderungen solcher Art wurden besonders von der SPD-Kulturpolitik aufgegriffen. Angesichts der
starken staatlichen Finanzkraft zu Beginn der 70er Jahre, entstand die Programmatik „Kultur für Alle“
Vgl. Dankert, B. (2008). Von der Vielfalt zur Einheit. Von der Deutschen Bibliothekskonferenz zur
Bundesvereinigung Deutscher Bibliotheksverbände. In Vodosek, P. und Arnold, W. (Hrsg.), Auf dem
Wege in die Informationsgesellschaft, Wiesbaden: Harrassowitz, S. 239.
16 Vgl. ebd.
17 Die Deutsche Bibliothekskonferenz machte wenige Jahre zuvor die ersten Schritte zur Kooperation
zwischen Personal- und Institutionsverbänden sowie zwischen den Bibliothekssparten. Enge Grenzen
erfuhren sie in der föderativen und kommunalen Regulierung, deren Überwindung lange Zeit unmöglich
erschien. Die Vorgängerinstitution, der Deutsche Büchereiverband, in welchem sich ausschließlich die
öffentlichen Bibliotheken organisiert hatten, wurde zugunsten einer Organisation aller Bibliotheksspar-
ten „unter einem Dach“ in Sektionenstrukturen, aufgelöst. Vgl. zur Geschichte des DBV ausführlich
Kuhlmann, H. J. (1998). Vom deutschen Büchereiverband zum Deutschen Bibliotheksverband 1849 bis
1973. In Ruppelt, G. (Hrsg.), Bibliothekspolitik in Ost und West, Frankfurt a.M.: Klostermann, S. 5-32.
sowie Kuhlmann, H. J. (1998). Der Deutsche Bibliotheksverband 1973 bis 1991. In Ruppelt, G. (Hrsg.),
Bibliothekspolitik in Ost und West, Frankfurt a.M.: Klostermann, S. 33-64.
18 Ich folge hier der Analyse Konrad Umlaufs. Vgl. Umlauf, K. (2008). Bibliotheksplan 1969 und Biblio-
theksplan 1973. Anspruch und Realisierung. In Vodosek, P. und Arnold, W. (Hrsg.), Auf dem Wege in
die Informationsgesellschaft, Wiesbaden: Harrassowitz, S. 27–80., S. 27-36.
der Schaffung von Chancengleichheit durch unbeschränkten, möglichst barrierefreien Zugang
zu Information und Kultur.15
Daher wurden auch die Bemühungen um Koordinierung, Bündelung und Vereinigung bibliothe-
karischer Interessenvertretung und Vereinsarbeit, zwischen wissenschaftlichem und öffentli-
chem Bibliothekswesen, intensiviert. Es wuchs die Vision einer gemeinsamen Bibliothekspolitik
heran, die bis heute auf Planung und Organisation des Bibliothekswesens einwirkt.16 Die Ein-
sicht in den Sinn und Nutzen von spartenübergreifender, partnerschaftlicher Kooperation, schlug
sich in Folge der politischen Aufbruchsstimmung der 60er Jahre in konkreten Annäherungsbe-
strebungen nieder. Diese mündeten 1973 in der Gründung des Deutschen Bibliotheksverbandes
(DBV) und der Vorstellung eines nationalen Bibliotheksplans im selben Jahr.17
Die Planentwicklung hatte eine lange Vorgeschichte. 1966 war die vieldiskutierte Schrift
"Grundlagen für die bibliothekarische Regionalplanung" erschienen, welche die Kommission
der Arbeitsstelle für das Büchereiwesens des Deutschen Büchereiverbandes, herausgegeben
hatte.18 Diese Schrift behandelte sowohl bildungspolitische als auch raumplanerische Aspekte,
die sich jedoch vor allem auf öffentliche Bibliotheken und ihren Ausbau bezogen. Daneben
waren Staats-, wissenschaftliche Stadt- und Regionalbibliotheken als zu fördernde Teile einer
15 Forderungen solcher Art wurden besonders von der SPD-Kulturpolitik aufgegriffen. Angesichts der
starken staatlichen Finanzkraft zu Beginn der 70er Jahre, entstand die Programmatik „Kultur für Alle“
Vgl. Dankert, B. (2008). Von der Vielfalt zur Einheit. Von der Deutschen Bibliothekskonferenz zur
Bundesvereinigung Deutscher Bibliotheksverbände. In Vodosek, P. und Arnold, W. (Hrsg.), Auf dem
Wege in die Informationsgesellschaft, Wiesbaden: Harrassowitz, S. 239.
16 Vgl. ebd.
17 Die Deutsche Bibliothekskonferenz machte wenige Jahre zuvor die ersten Schritte zur Kooperation
zwischen Personal- und Institutionsverbänden sowie zwischen den Bibliothekssparten. Enge Grenzen
erfuhren sie in der föderativen und kommunalen Regulierung, deren Überwindung lange Zeit unmöglich
erschien. Die Vorgängerinstitution, der Deutsche Büchereiverband, in welchem sich ausschließlich die
öffentlichen Bibliotheken organisiert hatten, wurde zugunsten einer Organisation aller Bibliotheksspar-
ten „unter einem Dach“ in Sektionenstrukturen, aufgelöst. Vgl. zur Geschichte des DBV ausführlich
Kuhlmann, H. J. (1998). Vom deutschen Büchereiverband zum Deutschen Bibliotheksverband 1849 bis
1973. In Ruppelt, G. (Hrsg.), Bibliothekspolitik in Ost und West, Frankfurt a.M.: Klostermann, S. 5-32.
sowie Kuhlmann, H. J. (1998). Der Deutsche Bibliotheksverband 1973 bis 1991. In Ruppelt, G. (Hrsg.),
Bibliothekspolitik in Ost und West, Frankfurt a.M.: Klostermann, S. 33-64.
18 Ich folge hier der Analyse Konrad Umlaufs. Vgl. Umlauf, K. (2008). Bibliotheksplan 1969 und Biblio-
theksplan 1973. Anspruch und Realisierung. In Vodosek, P. und Arnold, W. (Hrsg.), Auf dem Wege in
die Informationsgesellschaft, Wiesbaden: Harrassowitz, S. 27–80., S. 27-36.
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8
regionalen Bibliothekslandschaft vorgesehen. Die in den „Grundlagen“ festgehaltenen quantita-
tiven Standards wurden jedoch kaum begründet und erscheinen recht willkürlich. Man verzich-
tete auf die Nennung konkreter Details; wohl um möglichst flexiblen Handlungsspielraum zu
haben. Dem Papier ist zu Gute zu halten, dass sich in ihm erstmals die Vorstellung von offener,
kooperativer Zusammenarbeit in netzartigen Strukturen entwickelte. Im Rückblick ist dieses
jedoch als illusorisch und realitätsfern zu werten.
Im Jahre 1969 wurde vom selben Gremium der nächste Plan veröffentlicht. Der Deutsche Bü-
chereiverband verfolgte als Auftraggeber das Ziel, mit der Schaffung neuer Kommunikations-
und Planungsstrukturen im öffentlichen Bibliothekswesen, auf die Akzeptanz von fachlichen
Standards seitens der Unterhalts- und Entscheidungsträger, einzuwirken.19 Der Verband deut-
scher Bibliothekare (VDB), zuständig für die Interessenvertretung des wissenschaftlichen Bi-
bliothekspersonals, befürwortete den Bibliotheksplan `69, verlangte aber zugleich, angesichts
der erneuten geringfügigen Berücksichtigung der wissenschaftlichen Bibliotheken, den Ausbau
der Forschungsbibliotheken bzw. des wissenschaftlichen Bibliothekswesens allgemein.20 Im
Plan wurde die Vorstellung eines arbeitsteiligen Netzes aus organisatorisch selbständig bleiben-
den Bibliotheken als gemeinschaftliche Aufgaben von Gemeinden, Kreisen und Länder weiter-
entwickelt, indem die Form und Art der Netzbildung den Unterhaltsträgern vorbehalten wurde.21
Mit dem Bibliotheksplan ´73 wurde schließlich das Planungskonzept geändert, da die Vorgänger
weitestgehend wirkungslos blieben. Die Perspektive einer allgemeinen Strukturplanung stand
nicht mehr im Zentrum, sondern die konkrete Aufzählung von Funktionen und quantitativen
Standards. Initiator und Urheber war erneut die Deutsche Bibliothekskonferenz mit der Bildung
einer Arbeitsgemeinschaft der bibliothekarischen Personal- und Institutionsverbände, welche
nun auch die wissenschaftlichen Bibliotheken einband.22 Damit war der Plan das erste nationale
19 Vgl. Umlauf2008, S. 38f.
20 Vgl. ebd.
21 Vgl. ebd. S. 41.
22 Konkrete Vorschläge zur Einbeziehung wissenschaftlicher Bibliotheken kamen vom VDB, bereits 1970
als Kommentar zum Bibliotheksplan ´69. Es waren außerdem Vertreter von DFG und vom Bildungsmi-
nisterium dabei. Die KMK hatte 1971 eine Empfehlung zum Ausbaus eines leistungsfähigen, kooperati-
ven Bibliotheksnetzes ungeachtet von Träger und Aufgaben" herausgegeben. Insofern ließe sich der
Plan als fachliche Konkretisierung der politischen Empfehlungen begreifen. Vgl. Umlauf2008, S. 44ff.
regionalen Bibliothekslandschaft vorgesehen. Die in den „Grundlagen“ festgehaltenen quantita-
tiven Standards wurden jedoch kaum begründet und erscheinen recht willkürlich. Man verzich-
tete auf die Nennung konkreter Details; wohl um möglichst flexiblen Handlungsspielraum zu
haben. Dem Papier ist zu Gute zu halten, dass sich in ihm erstmals die Vorstellung von offener,
kooperativer Zusammenarbeit in netzartigen Strukturen entwickelte. Im Rückblick ist dieses
jedoch als illusorisch und realitätsfern zu werten.
Im Jahre 1969 wurde vom selben Gremium der nächste Plan veröffentlicht. Der Deutsche Bü-
chereiverband verfolgte als Auftraggeber das Ziel, mit der Schaffung neuer Kommunikations-
und Planungsstrukturen im öffentlichen Bibliothekswesen, auf die Akzeptanz von fachlichen
Standards seitens der Unterhalts- und Entscheidungsträger, einzuwirken.19 Der Verband deut-
scher Bibliothekare (VDB), zuständig für die Interessenvertretung des wissenschaftlichen Bi-
bliothekspersonals, befürwortete den Bibliotheksplan `69, verlangte aber zugleich, angesichts
der erneuten geringfügigen Berücksichtigung der wissenschaftlichen Bibliotheken, den Ausbau
der Forschungsbibliotheken bzw. des wissenschaftlichen Bibliothekswesens allgemein.20 Im
Plan wurde die Vorstellung eines arbeitsteiligen Netzes aus organisatorisch selbständig bleiben-
den Bibliotheken als gemeinschaftliche Aufgaben von Gemeinden, Kreisen und Länder weiter-
entwickelt, indem die Form und Art der Netzbildung den Unterhaltsträgern vorbehalten wurde.21
Mit dem Bibliotheksplan ´73 wurde schließlich das Planungskonzept geändert, da die Vorgänger
weitestgehend wirkungslos blieben. Die Perspektive einer allgemeinen Strukturplanung stand
nicht mehr im Zentrum, sondern die konkrete Aufzählung von Funktionen und quantitativen
Standards. Initiator und Urheber war erneut die Deutsche Bibliothekskonferenz mit der Bildung
einer Arbeitsgemeinschaft der bibliothekarischen Personal- und Institutionsverbände, welche
nun auch die wissenschaftlichen Bibliotheken einband.22 Damit war der Plan das erste nationale
19 Vgl. Umlauf2008, S. 38f.
20 Vgl. ebd.
21 Vgl. ebd. S. 41.
22 Konkrete Vorschläge zur Einbeziehung wissenschaftlicher Bibliotheken kamen vom VDB, bereits 1970
als Kommentar zum Bibliotheksplan ´69. Es waren außerdem Vertreter von DFG und vom Bildungsmi-
nisterium dabei. Die KMK hatte 1971 eine Empfehlung zum Ausbaus eines leistungsfähigen, kooperati-
ven Bibliotheksnetzes ungeachtet von Träger und Aufgaben" herausgegeben. Insofern ließe sich der
Plan als fachliche Konkretisierung der politischen Empfehlungen begreifen. Vgl. Umlauf2008, S. 44ff.
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Steuerungsinstrument im westdeutschen Bibliothekswesen.23 Der Vernetzungsgedanke blieb
weiterhin Planungsgrundlage, man verfolgte nun jedoch einen zunehmend differenzierteren
Ansatz der institutionsbezogenen Literatur- und Informationsversorgung.24 Einerseits gab es
eine fallende Entwicklungslinie vom Konkreten zum Unkonkreten – von der Forderung neuer
Organisationsformen (regionale Büchereisysteme) über Kooperationskonzepte bis hin zu vagen
Kooperationsforderungen. Andererseits wurde das präsentierte Datenmaterial immer konkreter
und ausführlicher. Anhand von Richtzahlen (idealer Buchbestand pro Kopf usw.) wurde auf dem
Reißbrett das ideale Bibliothekswesen entwickelt. Der Bibliotheksplan `73 genoss in der Tat
eine breite Rezeption und Einbeziehung in Regional- und Lokalplanungen. Von der zeitgenössi-
schen Fachöffentlichkeit wurde der Plan gefeiert und auch Jahrzehnte später mehrheitlich als
positiv bewertet, nicht zuletzt deshalb, weil dieser nach der Wiedervereinigung im Zusammen-
hang mit der Eingliederung des Bibliotheken der ehemaligen DDR, adaptiert wurde.25
2.3 Bibliotheksstruktur – Die neue Einschichtigkeit
Die Bibliothekspläne sahen grundlegende Strukturveränderungen vor. Diese waren im wissen-
schaftlichen Bibliothekswesen nicht zuletzt deshalb notwendig geworden, weil sich das Hoch-
schulsystem insgesamt im Umbruch befand.26 An fast allen der neugegründeten Hochschulen
(Universitäten, Gesamthochschulen, Fachhochschulen), wurden einschichtige Bibliothekssys-
teme aufgebaut. Dieser neue Ansatz stellte eine mit weitreichenden Kompetenzen ausgestattete
Zentralbibliothek in den Mittelpunkt, welche die wichtigsten bibliothekarischen Aufgaben für
das gesamte Hochschulbibliothekssystem in Kooperation mit den Fach- bzw. Institutsbibliothe-
ken wahrnahm.27 Dieser Weg bedeutete in Theorie und Praxis für die Institutsbibliotheken einen
23 Vgl. Dankert2008, S. 250.
24 Vgl. Umlauf2008, S. 54f.
25 Dies geschah mit dem Papier Bibliotheken `93. Vgl. Bundesvereinigung Deutscher Bibliotheksver-
bände (1994). Bibliotheken '93. Strukturen - Aufgaben - Positionen, 1. Aufl., Berlin: Dt. Bibliotheksin-
stitut. URL:
http://www.bibliotheksportal.de/fileadmin/0bibliotheken/Bibliothek_der_Zukunft/dokumente/bibliothek
en93.pdf [Zuletzt geprüft am 19.02.2010].
26 Vgl. Kapitel 2.1.
27 Vgl. hierzu ausführlich Wang, J. (1990). Das Strukturkonzept einschichtiger Bibliothekssysteme. Idee
und Entwicklung neuerer wissenschaftlicher Hochschulbibliotheken in der Bundesrepublik Deutsch-
land, München: Saur. (Beiträge zur Bibliothekstheorie und Bibliotheksgeschichte; Band 4).
Steuerungsinstrument im westdeutschen Bibliothekswesen.23 Der Vernetzungsgedanke blieb
weiterhin Planungsgrundlage, man verfolgte nun jedoch einen zunehmend differenzierteren
Ansatz der institutionsbezogenen Literatur- und Informationsversorgung.24 Einerseits gab es
eine fallende Entwicklungslinie vom Konkreten zum Unkonkreten – von der Forderung neuer
Organisationsformen (regionale Büchereisysteme) über Kooperationskonzepte bis hin zu vagen
Kooperationsforderungen. Andererseits wurde das präsentierte Datenmaterial immer konkreter
und ausführlicher. Anhand von Richtzahlen (idealer Buchbestand pro Kopf usw.) wurde auf dem
Reißbrett das ideale Bibliothekswesen entwickelt. Der Bibliotheksplan `73 genoss in der Tat
eine breite Rezeption und Einbeziehung in Regional- und Lokalplanungen. Von der zeitgenössi-
schen Fachöffentlichkeit wurde der Plan gefeiert und auch Jahrzehnte später mehrheitlich als
positiv bewertet, nicht zuletzt deshalb, weil dieser nach der Wiedervereinigung im Zusammen-
hang mit der Eingliederung des Bibliotheken der ehemaligen DDR, adaptiert wurde.25
2.3 Bibliotheksstruktur – Die neue Einschichtigkeit
Die Bibliothekspläne sahen grundlegende Strukturveränderungen vor. Diese waren im wissen-
schaftlichen Bibliothekswesen nicht zuletzt deshalb notwendig geworden, weil sich das Hoch-
schulsystem insgesamt im Umbruch befand.26 An fast allen der neugegründeten Hochschulen
(Universitäten, Gesamthochschulen, Fachhochschulen), wurden einschichtige Bibliothekssys-
teme aufgebaut. Dieser neue Ansatz stellte eine mit weitreichenden Kompetenzen ausgestattete
Zentralbibliothek in den Mittelpunkt, welche die wichtigsten bibliothekarischen Aufgaben für
das gesamte Hochschulbibliothekssystem in Kooperation mit den Fach- bzw. Institutsbibliothe-
ken wahrnahm.27 Dieser Weg bedeutete in Theorie und Praxis für die Institutsbibliotheken einen
23 Vgl. Dankert2008, S. 250.
24 Vgl. Umlauf2008, S. 54f.
25 Dies geschah mit dem Papier Bibliotheken `93. Vgl. Bundesvereinigung Deutscher Bibliotheksver-
bände (1994). Bibliotheken '93. Strukturen - Aufgaben - Positionen, 1. Aufl., Berlin: Dt. Bibliotheksin-
stitut. URL:
http://www.bibliotheksportal.de/fileadmin/0bibliotheken/Bibliothek_der_Zukunft/dokumente/bibliothek
en93.pdf [Zuletzt geprüft am 19.02.2010].
26 Vgl. Kapitel 2.1.
27 Vgl. hierzu ausführlich Wang, J. (1990). Das Strukturkonzept einschichtiger Bibliothekssysteme. Idee
und Entwicklung neuerer wissenschaftlicher Hochschulbibliotheken in der Bundesrepublik Deutsch-
land, München: Saur. (Beiträge zur Bibliothekstheorie und Bibliotheksgeschichte; Band 4).
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10
Verlust an Autonomie, was zu einer ideologisch geprägten Auseinandersetzung unter den Bibli-
othekaren führte. Der Kampf entzündete sich nicht an der Notwendigkeit von Strukturverände-
rungen, sondern am Weg dorthin, welchen Umfang diese haben und welche Bereiche es treffen
sollte: Konservativ eingestellte Bibliothekare waren der Ansicht, dass diese im Rahmen der
Zweischichtigkeit passieren sollten. Progressive Fachkollegen waren der Meinung, einherge-
hend mit der Forderung von mehr empirischer Bibliotheksforschung, dass die Strukturverände-
rungen die Zweischichtigkeit selbst treffen müsse.28 Dabei waren zentrale Kernpunkte der Um-
strukturierungspläne und -maßnahmen bei beiden Parteien gleichermaßen die Aufstellung der
Bücher, Managementfragen sowie die Vernetzung.
In den neugegründeten Hochschulbibliotheken setzte man ausschließlich das einschichtige Sys-
tem um und führte flächendeckend die systematisch geordnete Freihandaufstellung ein. Auf
vorbereitenden Studienreisen, insbesondere in die USA, hatten sich leitende Bibliotheksdirekto-
ren vom "Naturrecht auf Autopsie" überzeugen lassen. Das Hauptziel in der Abkehr von der
überwiegenden Magazinierung des Bestandes bestand in der Stärkung des Selbstbestimmungs-
rechts der Nutzer bei der Literatursuche. Die Freihandaufstellung wurde zum generellen Trend,
dessen sich auch die „Altbibliotheken“ - trotz baulicher Einschränkungen – auf Dauer nicht
entziehen konnten.29 Die Freihandaufstellung war jedoch nur ein kleiner Teil des anvisierten
strukturellen Umbaus von Bibliotheken. Die Integration von Betriebsabläufen stand im Fokus.
Das Medium Buch wurde zu einem Werkstück im Arbeitsprozess, dessen Bearbeitungsstand
jederzeit verfolgt werden kann.30 Die Elektronische Datenverarbeitung (EDV) war der Nukleus
dieser Entwicklung. Diese beeinflusste zunehmend die internen Betriebsabläufe und Katalog-
formen. Der Sprung von lokalen Bibliothekssystemen zur Verbünden und eine internationale
Vernetzung zwecks gemeinsamer Datenbank- und Regelwerkpflege, wurden so möglich. Hier-
von waren die Neugründungen besonders beeinflusst, denn diese loteten das Verhältnis von
28 Vgl. Jochum, U. (2008). Erfolgreiches Scheitern. Alte und neue Bibliotheken in den 1970er und 1980er
Jahren. In Vodosek, P. und Arnold, W. (Hrsg.), Auf dem Wege in die Informationsgesellschaft, Wiesba-
den: Harrassowitz, S. 152f., sowie Jochum, U. (2007). Kleine Bibliotheksgeschichte, Reclams Univer-
sal-Bibliothek (Band 17667), 3., verb. und erw. Aufl., Stuttgart: Reclam., S. 187ff.
29 Vgl. Jochum2008, S. 154.
30 Vgl. ebd., S. 155f.
Verlust an Autonomie, was zu einer ideologisch geprägten Auseinandersetzung unter den Bibli-
othekaren führte. Der Kampf entzündete sich nicht an der Notwendigkeit von Strukturverände-
rungen, sondern am Weg dorthin, welchen Umfang diese haben und welche Bereiche es treffen
sollte: Konservativ eingestellte Bibliothekare waren der Ansicht, dass diese im Rahmen der
Zweischichtigkeit passieren sollten. Progressive Fachkollegen waren der Meinung, einherge-
hend mit der Forderung von mehr empirischer Bibliotheksforschung, dass die Strukturverände-
rungen die Zweischichtigkeit selbst treffen müsse.28 Dabei waren zentrale Kernpunkte der Um-
strukturierungspläne und -maßnahmen bei beiden Parteien gleichermaßen die Aufstellung der
Bücher, Managementfragen sowie die Vernetzung.
In den neugegründeten Hochschulbibliotheken setzte man ausschließlich das einschichtige Sys-
tem um und führte flächendeckend die systematisch geordnete Freihandaufstellung ein. Auf
vorbereitenden Studienreisen, insbesondere in die USA, hatten sich leitende Bibliotheksdirekto-
ren vom "Naturrecht auf Autopsie" überzeugen lassen. Das Hauptziel in der Abkehr von der
überwiegenden Magazinierung des Bestandes bestand in der Stärkung des Selbstbestimmungs-
rechts der Nutzer bei der Literatursuche. Die Freihandaufstellung wurde zum generellen Trend,
dessen sich auch die „Altbibliotheken“ - trotz baulicher Einschränkungen – auf Dauer nicht
entziehen konnten.29 Die Freihandaufstellung war jedoch nur ein kleiner Teil des anvisierten
strukturellen Umbaus von Bibliotheken. Die Integration von Betriebsabläufen stand im Fokus.
Das Medium Buch wurde zu einem Werkstück im Arbeitsprozess, dessen Bearbeitungsstand
jederzeit verfolgt werden kann.30 Die Elektronische Datenverarbeitung (EDV) war der Nukleus
dieser Entwicklung. Diese beeinflusste zunehmend die internen Betriebsabläufe und Katalog-
formen. Der Sprung von lokalen Bibliothekssystemen zur Verbünden und eine internationale
Vernetzung zwecks gemeinsamer Datenbank- und Regelwerkpflege, wurden so möglich. Hier-
von waren die Neugründungen besonders beeinflusst, denn diese loteten das Verhältnis von
28 Vgl. Jochum, U. (2008). Erfolgreiches Scheitern. Alte und neue Bibliotheken in den 1970er und 1980er
Jahren. In Vodosek, P. und Arnold, W. (Hrsg.), Auf dem Wege in die Informationsgesellschaft, Wiesba-
den: Harrassowitz, S. 152f., sowie Jochum, U. (2007). Kleine Bibliotheksgeschichte, Reclams Univer-
sal-Bibliothek (Band 17667), 3., verb. und erw. Aufl., Stuttgart: Reclam., S. 187ff.
29 Vgl. Jochum2008, S. 154.
30 Vgl. ebd., S. 155f.
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11
Geschäftsgang und EDV mit ihrem Bau aus, was zur sofortigen Einsicht in das neue Struktur-
modell der Einschichtigkeit führte.31
Die Entstehung der Fachhochschulbibliotheken war eng mit der Hochschulreform verknüpft, da
mit den Fachhochschulen eine neue Bildungsinstitution entstand, welche sich nahezu aus-
schließlich auf Lehre bzw. Berufsausbildung konzentrierte.32 Der Zustand der Bibliotheken der
Vorgängereinrichtungen, vorwiegend Ingenieursschulen, wurde als verheerend bewertet: Perso-
nalmangel, unbrauchbare Kataloge, unzureichender Etat, chaotische Dreiteilung in Lehrbuch-
sammlung, Dozentenbücherei (auch zur Ausleihe für Studierende), Dozentenhandbücherei als
Präsenzbibliothek. Kurzum: Die Ausgangslage war mangelhaft.33 Eine hochdetaillierte Planung
sah in der Verbesserung der Literaturversorgung die Hauptaufgabe. Die traditionellen Merkmale
der Bibliothekstypologie (Trägerschaft, Rechtsform, Zielgruppe, Versorgungsbereich, Niveau,
Bestandsprofil, Dienst und Arbeitsrecht) reichten nicht aus um die Fachhochschulbibliotheken
von den Universitätsbibliotheken zu unterscheiden, daher sind weitere Ausprägungen zu nen-
nen.34 Einschichtigkeit als Grundprinzip und die sofortige Freihandaufstellung waren die Eck-
pfeiler. Die Hauptunterschiedsmerkmale bildeten sich im Rahmen des eingeschränkten Fächer-
spektrum der FHs hinsichtlich der Erwerbung aktueller, praxisbezogener Literatur, regel-
mäßigen Aussonderungen und eine enge Kooperation mit den Fachbereichen, heraus.
2.4 Bibliotheksarbeit – Mehr Effizienz und Dienstleistung durch EDV
Die Einführung der elektronischen Datenverarbeitung (EDV) begann an wissenschaftlichen
Bibliotheken Anfang der 60er Jahre mit den ersten Projekten zur Automatisierung von instituti-
onellen Geschäftsabläufen.35 Die UB Bochum, welche 1962 gegründet wurde, war 1965 in der
31 Vgl. ebd., S. 158ff.
32 Vgl. Altenhöner, R. (2008). Ein neuer Bibliothekstyp entsteht. Die Fachhochschulbibliotheken. In
Vodosek, P. und Arnold, W. (Hrsg.), Auf dem Wege in die Informationsgesellschaft, Wiesbaden:
Harrassowitz, S. 168.
33 Vgl. ebd., S. 183.
34 Vgl. ebd., S. 134.
35 Erste Impulse zur Automatisierung bibliothekarischer. Arbeitsvorgänge gab es bereits Anfang der 50er
Jahre von der Dokumentation, aber es fehlte noch die Rationalisierungsmotivation bzw. die Überzeu-
gung anders zu Handeln, die mit der Gründung des Unterausschusses für Bibliotheksrationalisierung
beim Bibliotheksausschuss der DFG Anfang der 60er Jahre erfolgte. Vgl. Schmidt, S. (2008). Siegeszug
Geschäftsgang und EDV mit ihrem Bau aus, was zur sofortigen Einsicht in das neue Struktur-
modell der Einschichtigkeit führte.31
Die Entstehung der Fachhochschulbibliotheken war eng mit der Hochschulreform verknüpft, da
mit den Fachhochschulen eine neue Bildungsinstitution entstand, welche sich nahezu aus-
schließlich auf Lehre bzw. Berufsausbildung konzentrierte.32 Der Zustand der Bibliotheken der
Vorgängereinrichtungen, vorwiegend Ingenieursschulen, wurde als verheerend bewertet: Perso-
nalmangel, unbrauchbare Kataloge, unzureichender Etat, chaotische Dreiteilung in Lehrbuch-
sammlung, Dozentenbücherei (auch zur Ausleihe für Studierende), Dozentenhandbücherei als
Präsenzbibliothek. Kurzum: Die Ausgangslage war mangelhaft.33 Eine hochdetaillierte Planung
sah in der Verbesserung der Literaturversorgung die Hauptaufgabe. Die traditionellen Merkmale
der Bibliothekstypologie (Trägerschaft, Rechtsform, Zielgruppe, Versorgungsbereich, Niveau,
Bestandsprofil, Dienst und Arbeitsrecht) reichten nicht aus um die Fachhochschulbibliotheken
von den Universitätsbibliotheken zu unterscheiden, daher sind weitere Ausprägungen zu nen-
nen.34 Einschichtigkeit als Grundprinzip und die sofortige Freihandaufstellung waren die Eck-
pfeiler. Die Hauptunterschiedsmerkmale bildeten sich im Rahmen des eingeschränkten Fächer-
spektrum der FHs hinsichtlich der Erwerbung aktueller, praxisbezogener Literatur, regel-
mäßigen Aussonderungen und eine enge Kooperation mit den Fachbereichen, heraus.
2.4 Bibliotheksarbeit – Mehr Effizienz und Dienstleistung durch EDV
Die Einführung der elektronischen Datenverarbeitung (EDV) begann an wissenschaftlichen
Bibliotheken Anfang der 60er Jahre mit den ersten Projekten zur Automatisierung von instituti-
onellen Geschäftsabläufen.35 Die UB Bochum, welche 1962 gegründet wurde, war 1965 in der
31 Vgl. ebd., S. 158ff.
32 Vgl. Altenhöner, R. (2008). Ein neuer Bibliothekstyp entsteht. Die Fachhochschulbibliotheken. In
Vodosek, P. und Arnold, W. (Hrsg.), Auf dem Wege in die Informationsgesellschaft, Wiesbaden:
Harrassowitz, S. 168.
33 Vgl. ebd., S. 183.
34 Vgl. ebd., S. 134.
35 Erste Impulse zur Automatisierung bibliothekarischer. Arbeitsvorgänge gab es bereits Anfang der 50er
Jahre von der Dokumentation, aber es fehlte noch die Rationalisierungsmotivation bzw. die Überzeu-
gung anders zu Handeln, die mit der Gründung des Unterausschusses für Bibliotheksrationalisierung
beim Bibliotheksausschuss der DFG Anfang der 60er Jahre erfolgte. Vgl. Schmidt, S. (2008). Siegeszug
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12
Automatisierung von Katalogisierung und Ausleihverbuchung die Vorreiterin. Angesichts der
erstmaligen Entwicklung eines elektronischen Formates zur Erfassung bibliographischer Daten,
sprach man vom „Bochumer Modell“. Die Rationalisierung der Ausleihvorgänge stand aufgrund
des Leseransturms im Hauptinteresse. Problemlösungen wurden jedoch zunächst ausschließlich
auf lokaler Ebene gesucht. Die Maschinen hatten nur eine geringe Leistungsfähigkeit, so dass
fachliche Anforderungen oftmals hinter den technischen Möglichkeiten zurückstehen mussten
und die tatsächlichen Ergebnisse nur selten den Erwartungen genügten.36 Vor dem Hintergrund
der zeitgenössischen Machbarkeitseuphorie war das Vorgehen dennoch attraktiv, denn eine ein-
fache Formel versprach: Automatisierung = Rationalisierung. So führte Die Deutsche Bibliothek
(DDB) in Frankfurt am Main 1966 die elektronische Erfassung der Titel der Deutschen Biblio-
graphie ein. Die lokalen Datenbestände der Vorreiterbibliotheken wuchsen beständig, was die
Begehrlichkeiten anderer Bibliotheken weckte. Je mehr Bibliotheken sich für die EDV interes-
sierten, umso mehr stellte sich die Frage nach Kooperationsmöglichkeiten, denn die Technik
war in Anschaffung und Betrieb ausgesprochen teuer.
Standardisierte Datenformate stellten dabei die Grundvoraussetzung für den Datenaustausch dar.
Diese wurden damit ein wesentlicher Faktor für die Rationalisierungsbestrebungen der Biblio-
theken durch Vernetzung. Ein Meilenstein war dafür die Entwicklung des Maschinellen Aus-
tauschformates für Bibliotheken (MAB1), welches 1973 zeitgleich zu den neuen, die Preußi-
schen Instruktionen ablösenden, Regeln für die alphabetische Katalogisierung (RAK) fertig
gestellt wurde.37 Das damit ermöglichte kooperative Katalogisieren, entwickelte sich zur Kern-
motivation für die Gründung von Verbundsystemen.
Die Idee und Umsetzung eines Gesamtdeutschen Kataloges der Bestände wissenschaftlicher
Bibliotheken hatte seinen Ursprung Jahrzehnte vor der EDV-Einführung. In den 30er Jahren
erschienen die ersten Bände des "Jahrhundertprojektes", welches mit Kriegsausbruch nicht mehr
der EDV. Revolutionierung der Bibliotheken. In Vodosek, P. und Arnold, W. (Hrsg.), Auf dem Wege in
die Informationsgesellschaft, Wiesbaden: Harrassowitz, S. 259ff.
36 Vgl. ebd., S. 261
37 Vgl. ebd., S. 264.
Automatisierung von Katalogisierung und Ausleihverbuchung die Vorreiterin. Angesichts der
erstmaligen Entwicklung eines elektronischen Formates zur Erfassung bibliographischer Daten,
sprach man vom „Bochumer Modell“. Die Rationalisierung der Ausleihvorgänge stand aufgrund
des Leseransturms im Hauptinteresse. Problemlösungen wurden jedoch zunächst ausschließlich
auf lokaler Ebene gesucht. Die Maschinen hatten nur eine geringe Leistungsfähigkeit, so dass
fachliche Anforderungen oftmals hinter den technischen Möglichkeiten zurückstehen mussten
und die tatsächlichen Ergebnisse nur selten den Erwartungen genügten.36 Vor dem Hintergrund
der zeitgenössischen Machbarkeitseuphorie war das Vorgehen dennoch attraktiv, denn eine ein-
fache Formel versprach: Automatisierung = Rationalisierung. So führte Die Deutsche Bibliothek
(DDB) in Frankfurt am Main 1966 die elektronische Erfassung der Titel der Deutschen Biblio-
graphie ein. Die lokalen Datenbestände der Vorreiterbibliotheken wuchsen beständig, was die
Begehrlichkeiten anderer Bibliotheken weckte. Je mehr Bibliotheken sich für die EDV interes-
sierten, umso mehr stellte sich die Frage nach Kooperationsmöglichkeiten, denn die Technik
war in Anschaffung und Betrieb ausgesprochen teuer.
Standardisierte Datenformate stellten dabei die Grundvoraussetzung für den Datenaustausch dar.
Diese wurden damit ein wesentlicher Faktor für die Rationalisierungsbestrebungen der Biblio-
theken durch Vernetzung. Ein Meilenstein war dafür die Entwicklung des Maschinellen Aus-
tauschformates für Bibliotheken (MAB1), welches 1973 zeitgleich zu den neuen, die Preußi-
schen Instruktionen ablösenden, Regeln für die alphabetische Katalogisierung (RAK) fertig
gestellt wurde.37 Das damit ermöglichte kooperative Katalogisieren, entwickelte sich zur Kern-
motivation für die Gründung von Verbundsystemen.
Die Idee und Umsetzung eines Gesamtdeutschen Kataloges der Bestände wissenschaftlicher
Bibliotheken hatte seinen Ursprung Jahrzehnte vor der EDV-Einführung. In den 30er Jahren
erschienen die ersten Bände des "Jahrhundertprojektes", welches mit Kriegsausbruch nicht mehr
der EDV. Revolutionierung der Bibliotheken. In Vodosek, P. und Arnold, W. (Hrsg.), Auf dem Wege in
die Informationsgesellschaft, Wiesbaden: Harrassowitz, S. 259ff.
36 Vgl. ebd., S. 261
37 Vgl. ebd., S. 264.
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13
weitergeführt wurde.38 Nach 1945 wurde jedoch aufgrund zahlreicher Kriegsverluste, ein biblio-
theksübergreifende Bestandsnachweis immer wichtiger, um lokale Defizite auszugleichen. Der
mühsam angefangene Gesamtkatalog war aber bereits veraltet und so entschied man sich für
den Aufbau regionaler Zentralkataloge, welche den Ursprung kooperativer Bibliotheksarbeit
markierte. Jedes Bundesland beschritt auf diesem Gebiet eigene Wege. Bayern und Nordrhein-
Westfalen gingen voraus.
Die Entwicklung des sogenannten COM-Katalogs ermöglichte die Bewältigung und Vervielfäl-
tigung großer Datenmengen und bot damit die folgenden Vorteile kooperativer Verbundarbeit:
Fremddatenübernahme, Rationalisierung in Katalogisierung und Erwerbung, Erleichterung der
Fernleihe über Katalogdirektbestellung.39 Die Bibliotheken der neugegründeten Universitäten
von Regensburg und Augsburg schufen 1970 die erste Verbundstruktur. Vier Jahre später er-
schien die Ausgabe des bayerischen Verbundkatalogs in Form eines Bandkatalogs, bei dessen
Erstellung sich die Universitätsbibliotheken von Augsburg, Bayreuth, Bamberg und Regensburg
beteiligt hatten. Bis 1982 treten die großen alten Universitätsbibliotheken von Erlangen-
Nürnberg, der Technischen Universität München und Würzburg sowie die Bayerische Staatsbib-
liothek dem Bibliotheksverbund bei. Bayern hatte damit als erstes Bundesland ein einheitliches
Verbundsystem. In Nordrhein-Westfalen wurde nach der Gründung der neuen Gesamthochschu-
len im Jahre 1972 eine neue Form von Dienstleistungseinrichtung zur Beförderung der Biblio-
thekskooperation an Hochschulen eingerichtet. Das Hochschulbibliothekszentrum (HBZ), dem
Ministerium für Wissenschaft und Forschung direkt unterstellt, hatte die Aufgabe die Einfüh-
rung der EDV in den Bibliotheken zu koordinieren und eine Verbunddatenbank zu entwickeln.40
Allmählich erfolgte der Umstieg von Offline- zu Online-Verbünden. Die Netze waren jedoch
weithin lokal begrenzt, auf geschlossene Anwendergruppe beschränkt, sowie stark hierarchisch
strukturiert.41 Sie waren de facto EDV-gestützte Katalogisierungssysteme zur anteiligen Aufga-
38 Vgl. hier und im Folgenden: R. Schmidt, R. M. (2008). Vom Zentralkatalog zum Verbund. Fernleih-
steuerungselemente und kooperative Katalogisierung. In Vodosek, P. und Arnold, W. (Hrsg.), Auf dem
Wege in die Informationsgesellschaft, Wiesbaden: Harrassowitz, S. 221-224.
39 Vgl. ebd., S. 227.
40 Vgl. ebd., S. 228f.
41 Vgl. S.Schmidt2008, S. 272.
weitergeführt wurde.38 Nach 1945 wurde jedoch aufgrund zahlreicher Kriegsverluste, ein biblio-
theksübergreifende Bestandsnachweis immer wichtiger, um lokale Defizite auszugleichen. Der
mühsam angefangene Gesamtkatalog war aber bereits veraltet und so entschied man sich für
den Aufbau regionaler Zentralkataloge, welche den Ursprung kooperativer Bibliotheksarbeit
markierte. Jedes Bundesland beschritt auf diesem Gebiet eigene Wege. Bayern und Nordrhein-
Westfalen gingen voraus.
Die Entwicklung des sogenannten COM-Katalogs ermöglichte die Bewältigung und Vervielfäl-
tigung großer Datenmengen und bot damit die folgenden Vorteile kooperativer Verbundarbeit:
Fremddatenübernahme, Rationalisierung in Katalogisierung und Erwerbung, Erleichterung der
Fernleihe über Katalogdirektbestellung.39 Die Bibliotheken der neugegründeten Universitäten
von Regensburg und Augsburg schufen 1970 die erste Verbundstruktur. Vier Jahre später er-
schien die Ausgabe des bayerischen Verbundkatalogs in Form eines Bandkatalogs, bei dessen
Erstellung sich die Universitätsbibliotheken von Augsburg, Bayreuth, Bamberg und Regensburg
beteiligt hatten. Bis 1982 treten die großen alten Universitätsbibliotheken von Erlangen-
Nürnberg, der Technischen Universität München und Würzburg sowie die Bayerische Staatsbib-
liothek dem Bibliotheksverbund bei. Bayern hatte damit als erstes Bundesland ein einheitliches
Verbundsystem. In Nordrhein-Westfalen wurde nach der Gründung der neuen Gesamthochschu-
len im Jahre 1972 eine neue Form von Dienstleistungseinrichtung zur Beförderung der Biblio-
thekskooperation an Hochschulen eingerichtet. Das Hochschulbibliothekszentrum (HBZ), dem
Ministerium für Wissenschaft und Forschung direkt unterstellt, hatte die Aufgabe die Einfüh-
rung der EDV in den Bibliotheken zu koordinieren und eine Verbunddatenbank zu entwickeln.40
Allmählich erfolgte der Umstieg von Offline- zu Online-Verbünden. Die Netze waren jedoch
weithin lokal begrenzt, auf geschlossene Anwendergruppe beschränkt, sowie stark hierarchisch
strukturiert.41 Sie waren de facto EDV-gestützte Katalogisierungssysteme zur anteiligen Aufga-
38 Vgl. hier und im Folgenden: R. Schmidt, R. M. (2008). Vom Zentralkatalog zum Verbund. Fernleih-
steuerungselemente und kooperative Katalogisierung. In Vodosek, P. und Arnold, W. (Hrsg.), Auf dem
Wege in die Informationsgesellschaft, Wiesbaden: Harrassowitz, S. 221-224.
39 Vgl. ebd., S. 227.
40 Vgl. ebd., S. 228f.
41 Vgl. S.Schmidt2008, S. 272.
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benteilung. Die Entwicklungen und Ergebnisse gestalteten sich jedoch höchst unterschiedlich.
Wunsch und Wirklichkeit, Möglichkeiten und tatsächlich Realisiertes gingen vielfach auseinan-
der. Dies ist Thema des folgenden Kapitels.
3 Bibliotheken während der Bildungskrise
3.1 Grundzüge der Ursachen und Folgen der Bildungskrise
Bis 1973 war die wirtschaftliche Entwicklung Westdeutschlands von hohen Wachstumsraten
gekennzeichnet. Die erste Ölpreiskrise im selben Jahr sowie der Zusammenbruch von Bretton
Woods, veränderte die Weltwirtschaftslage negativ in Richtung Rezession und sogenannter
Stagflation.42 In den Folgejahren kam es zur deutlich spürbaren Verringerung der Finanzkraft
öffentlicher Haushalte bis hin zu hohen Haushaltsdefiziten. Die darauf reagierenden Sparmaß-
nahmen trafen insbesondere die kommunalen sowie die von Bund und Ländern gemeinsamen
finanzierten Einrichtungen in Kultur und Wissenschaft. Die Machbarkeitseuphorie, der Zu-
kunftsoptimismus war dahin. Einsicht in die Uneinlösbarkeit vieler Reformpostulate machte
sich breit. Die von der Krise hervorgerufene neue Grundeinstellung weiter Teile der geistigen
Elite war geprägt von Ernüchterung und Skepsis, Pessimismus und Resignation. Am Bildungs-
system wurde sicht- und greifbar, dass das Steuerungsvermögen staatlicher Politik geringer war,
als zuvor angenommen. Die Reformbestrebungen, welche mit dem Ziel verbunden waren, tief-
greifende Gesellschaftsveränderungen herbeizuführen, erzeugten zunehmend politische Span-
nungen vor allem seitens konservativer Kräfte.43 Dies zeigte sich besonders deutlich anhand des
Bildungsgesamtplans (BGP), welcher noch im ersten Krisenjahr verabschiedet wurde. Nach
langem politischem Streit wurde der BGP schließlich 1982 aufgegeben, weil umfassende Bil-
dungsplanungen aus parteiideologischen und finanziellen Gründen nicht mehr konsensfähig
waren; der Glaube an die Möglichkeiten und organisatorischer Durchsetzung langfristiger Bil-
dungsplanung war verloren.44
42 Vgl. Steiner, A. (2008). Die siebziger Jahre als Kristallisationspunkt des wirtschaftlichen Strukturwan-
dels in West und Ost? In Jarausch, Konrad(Hrsg.), Das Ende der Zuversicht?, Göttingen: Vandenhoeck
& Ruprecht, S. 29-48.
43 Vgl. Rudloff, S. 262ff.
44 Vgl. ebd., S. 267f.
benteilung. Die Entwicklungen und Ergebnisse gestalteten sich jedoch höchst unterschiedlich.
Wunsch und Wirklichkeit, Möglichkeiten und tatsächlich Realisiertes gingen vielfach auseinan-
der. Dies ist Thema des folgenden Kapitels.
3 Bibliotheken während der Bildungskrise
3.1 Grundzüge der Ursachen und Folgen der Bildungskrise
Bis 1973 war die wirtschaftliche Entwicklung Westdeutschlands von hohen Wachstumsraten
gekennzeichnet. Die erste Ölpreiskrise im selben Jahr sowie der Zusammenbruch von Bretton
Woods, veränderte die Weltwirtschaftslage negativ in Richtung Rezession und sogenannter
Stagflation.42 In den Folgejahren kam es zur deutlich spürbaren Verringerung der Finanzkraft
öffentlicher Haushalte bis hin zu hohen Haushaltsdefiziten. Die darauf reagierenden Sparmaß-
nahmen trafen insbesondere die kommunalen sowie die von Bund und Ländern gemeinsamen
finanzierten Einrichtungen in Kultur und Wissenschaft. Die Machbarkeitseuphorie, der Zu-
kunftsoptimismus war dahin. Einsicht in die Uneinlösbarkeit vieler Reformpostulate machte
sich breit. Die von der Krise hervorgerufene neue Grundeinstellung weiter Teile der geistigen
Elite war geprägt von Ernüchterung und Skepsis, Pessimismus und Resignation. Am Bildungs-
system wurde sicht- und greifbar, dass das Steuerungsvermögen staatlicher Politik geringer war,
als zuvor angenommen. Die Reformbestrebungen, welche mit dem Ziel verbunden waren, tief-
greifende Gesellschaftsveränderungen herbeizuführen, erzeugten zunehmend politische Span-
nungen vor allem seitens konservativer Kräfte.43 Dies zeigte sich besonders deutlich anhand des
Bildungsgesamtplans (BGP), welcher noch im ersten Krisenjahr verabschiedet wurde. Nach
langem politischem Streit wurde der BGP schließlich 1982 aufgegeben, weil umfassende Bil-
dungsplanungen aus parteiideologischen und finanziellen Gründen nicht mehr konsensfähig
waren; der Glaube an die Möglichkeiten und organisatorischer Durchsetzung langfristiger Bil-
dungsplanung war verloren.44
42 Vgl. Steiner, A. (2008). Die siebziger Jahre als Kristallisationspunkt des wirtschaftlichen Strukturwan-
dels in West und Ost? In Jarausch, Konrad(Hrsg.), Das Ende der Zuversicht?, Göttingen: Vandenhoeck
& Ruprecht, S. 29-48.
43 Vgl. Rudloff, S. 262ff.
44 Vgl. ebd., S. 267f.
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Die massive Verknappung der öffentlichen Finanzmittel schuf ein Klima zunehmender
Ökonomisierung der politischen Interessen. „Kontinuität und Konzentration“ war der zentrale
Punkt in der Regierungserklärung Helmut Schmidts im Jahre 1974. Dem Bundeskanzler-
Nachfolger Willi Brandts ging es in seinem Kurswechsel mit einer Abkehr vom Zukunftsopti-
mismus darum, die Grenzen des Machbaren zu erkennen und in der Gegenwart umzusetzen
bzw. festzuhalten.45
Dementsprechend wandelte sich die Bildungspolitik. Die Kultusministerkonferenz erstarkte
gegenüber der 1970 gegründeten Bund-Länder-Kommission wieder zum entscheidenden bil-
dungspolitischen Akteur. Der Deutsche Bildungsrat wurde 1975 aufgelöst. Wissenschaftsrat und
Rektorenkonferenz distanzierten sich vom Modell Gesamthochschule und betonten die unter-
schiedlichen Berufsaufgaben von Fachhochschule und Universität.46 Mit dem Hochschulrah-
mengesetz (1976) und der gesetzlichen Stärkung der Professoren gegenüber anderen Hoch-
schulgruppen, endete eine Wachstums-, Experimentier- und Modernisierungsphase der
Universitäten. Die zweite Hälfte der 70er Jahre waren geprägt von Reparaturversuchen an den
Reformhochschulen sowie auch bei den alten Unistrukturen. Die Handlungen waren von zu-
nehmendem Krisen- und Mangelbewusstsein gekennzeichnet: Der Arbeitsmarkt hatte nicht den
erwarteten Bedarf an Akademikern decken können. Dies führte zu Einschnitten im Ausbau der
Hochschulen und zum Bruch bei den Neugründungen. Die Planungen und Visionen korrelierten
nicht mit dem finanziellen Spielraum. Eine vollkommene Abkehr von den in Gang gebrachten
Hochschulreformen war dennoch nicht gewollt und auch nicht möglich. Differenzierungs- und
Spezialisierungsprozesse gab es nahezu in allen Wissenschaftsbereichen. Hinzu kam, dass die
Hochschulen seit 1977 den sogenannten Öffnungsbeschluss praktizierten, in dem weitaus mehr
Studierende angenommen wurden, als Studienplätze zu vergeben waren. Das bis heute andau-
ernde Überlastprogramm der Universitäten wurde Normalität.
45 Vgl. Beyme1979, S. 282ff.
46 Vgl. Altenhöner2008, S. 110.
Die massive Verknappung der öffentlichen Finanzmittel schuf ein Klima zunehmender
Ökonomisierung der politischen Interessen. „Kontinuität und Konzentration“ war der zentrale
Punkt in der Regierungserklärung Helmut Schmidts im Jahre 1974. Dem Bundeskanzler-
Nachfolger Willi Brandts ging es in seinem Kurswechsel mit einer Abkehr vom Zukunftsopti-
mismus darum, die Grenzen des Machbaren zu erkennen und in der Gegenwart umzusetzen
bzw. festzuhalten.45
Dementsprechend wandelte sich die Bildungspolitik. Die Kultusministerkonferenz erstarkte
gegenüber der 1970 gegründeten Bund-Länder-Kommission wieder zum entscheidenden bil-
dungspolitischen Akteur. Der Deutsche Bildungsrat wurde 1975 aufgelöst. Wissenschaftsrat und
Rektorenkonferenz distanzierten sich vom Modell Gesamthochschule und betonten die unter-
schiedlichen Berufsaufgaben von Fachhochschule und Universität.46 Mit dem Hochschulrah-
mengesetz (1976) und der gesetzlichen Stärkung der Professoren gegenüber anderen Hoch-
schulgruppen, endete eine Wachstums-, Experimentier- und Modernisierungsphase der
Universitäten. Die zweite Hälfte der 70er Jahre waren geprägt von Reparaturversuchen an den
Reformhochschulen sowie auch bei den alten Unistrukturen. Die Handlungen waren von zu-
nehmendem Krisen- und Mangelbewusstsein gekennzeichnet: Der Arbeitsmarkt hatte nicht den
erwarteten Bedarf an Akademikern decken können. Dies führte zu Einschnitten im Ausbau der
Hochschulen und zum Bruch bei den Neugründungen. Die Planungen und Visionen korrelierten
nicht mit dem finanziellen Spielraum. Eine vollkommene Abkehr von den in Gang gebrachten
Hochschulreformen war dennoch nicht gewollt und auch nicht möglich. Differenzierungs- und
Spezialisierungsprozesse gab es nahezu in allen Wissenschaftsbereichen. Hinzu kam, dass die
Hochschulen seit 1977 den sogenannten Öffnungsbeschluss praktizierten, in dem weitaus mehr
Studierende angenommen wurden, als Studienplätze zu vergeben waren. Das bis heute andau-
ernde Überlastprogramm der Universitäten wurde Normalität.
45 Vgl. Beyme1979, S. 282ff.
46 Vgl. Altenhöner2008, S. 110.
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16
3.2 Bibliothekspolitik – Wandel im Planungsverständnis
Die Bibliotheken und Bibliothekare konnten ihre hochgesteckten Ziele in dieser Situation nur
schwer umsetzen. Die bibliothekspolitischen Planungen zu Beginn der 70er Jahre wurden vor
dem Hintergrund einer verzögerten Rezeption gesamtstaatlicher Planungsansätze sowie aus der
langjährigen Erfahrung wirtschaftlicher Aufwärtsentwicklung heraus hart erarbeitet. Dann folgte
jedoch kurz darauf der wirtschaftliche Einbruch. Durch die verschlechterte wirtschaftliche Lage,
bildete sich ein ungünstiges Klima für bibliothekarische Planungen. Zu lange wurden ge-
wünschte Qualitäten und Leistungen stillschweigend vorausgesetzt, als würden sie sich mit dem
Vorhandensein notwendiger Ressourcen von allein einstellen.47 Dementsprechend illusorisch
waren auch manche Aussagen im Bibliotheksplan `73. Hier ist insbesondere die Vorstellung des
unmittelbaren Zusammenwachsens von Bibliotheken und Bibliothekssparten zu nennen. Laut
Konrad Umlauf wurden, analog zu den Überlegungen im Bildungsgesamtplan, historisch ge-
wachsene Strukturen und Kulturräume, vielfach unterschätzt.48 Die Haushaltszwänge, welche
vor allem die Bereiche Bestandsaufbau und Personal belasteten, taten ihr übriges.
So war eine Abkehr von umfassenden, perfektionistischen Planungsansprüchen zu qualitativ
formulierten Perspektiven und Szenarios unausweichlich. Die sozialutopischen Elemente der
Planungsinstrumente konnten nicht hinreichend in ein nachhaltig wirksames Organisationsgefü-
ge verankert werden, zumal keine Bibliotheksgesetzgebung existierte und damit auch keine
bundesweit einheitlichen Regelungen getroffen werden konnten.49 Es erwuchs zudem die Er-
kenntnis und Erfahrung, dass einerseits nicht alles finanzierbar war und andererseits erreichte
Ziele nicht zwangsläufig mit der Lebensqualität und Akzeptanz der Bürger einhergingen. Die
Schlussfolgerung war eine Konzentration auf beispielhafte Projekte mit der Hoffnung auf im-
pulshafte Wirkung. Dankert spricht vom Einzug einer Ökonomieutopie vom maximalen Einsatz
der Ressourcen, nicht ausschließlich als Folge von Reformmüdigkeit und des Rückgangs von
47 Vgl. Umlauf2008, S. 79.
48 Vgl. ebd., S. 45ff.
49 Vgl. Dankert2008, S. 239.
3.2 Bibliothekspolitik – Wandel im Planungsverständnis
Die Bibliotheken und Bibliothekare konnten ihre hochgesteckten Ziele in dieser Situation nur
schwer umsetzen. Die bibliothekspolitischen Planungen zu Beginn der 70er Jahre wurden vor
dem Hintergrund einer verzögerten Rezeption gesamtstaatlicher Planungsansätze sowie aus der
langjährigen Erfahrung wirtschaftlicher Aufwärtsentwicklung heraus hart erarbeitet. Dann folgte
jedoch kurz darauf der wirtschaftliche Einbruch. Durch die verschlechterte wirtschaftliche Lage,
bildete sich ein ungünstiges Klima für bibliothekarische Planungen. Zu lange wurden ge-
wünschte Qualitäten und Leistungen stillschweigend vorausgesetzt, als würden sie sich mit dem
Vorhandensein notwendiger Ressourcen von allein einstellen.47 Dementsprechend illusorisch
waren auch manche Aussagen im Bibliotheksplan `73. Hier ist insbesondere die Vorstellung des
unmittelbaren Zusammenwachsens von Bibliotheken und Bibliothekssparten zu nennen. Laut
Konrad Umlauf wurden, analog zu den Überlegungen im Bildungsgesamtplan, historisch ge-
wachsene Strukturen und Kulturräume, vielfach unterschätzt.48 Die Haushaltszwänge, welche
vor allem die Bereiche Bestandsaufbau und Personal belasteten, taten ihr übriges.
So war eine Abkehr von umfassenden, perfektionistischen Planungsansprüchen zu qualitativ
formulierten Perspektiven und Szenarios unausweichlich. Die sozialutopischen Elemente der
Planungsinstrumente konnten nicht hinreichend in ein nachhaltig wirksames Organisationsgefü-
ge verankert werden, zumal keine Bibliotheksgesetzgebung existierte und damit auch keine
bundesweit einheitlichen Regelungen getroffen werden konnten.49 Es erwuchs zudem die Er-
kenntnis und Erfahrung, dass einerseits nicht alles finanzierbar war und andererseits erreichte
Ziele nicht zwangsläufig mit der Lebensqualität und Akzeptanz der Bürger einhergingen. Die
Schlussfolgerung war eine Konzentration auf beispielhafte Projekte mit der Hoffnung auf im-
pulshafte Wirkung. Dankert spricht vom Einzug einer Ökonomieutopie vom maximalen Einsatz
der Ressourcen, nicht ausschließlich als Folge von Reformmüdigkeit und des Rückgangs von
47 Vgl. Umlauf2008, S. 79.
48 Vgl. ebd., S. 45ff.
49 Vgl. Dankert2008, S. 239.
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17
Finanzressourcen, sondern vielmehr als "ein Schritt zur Realisierung programmatischer Vorstel-
lungen unter den gegebenen politischen wie wirtschaftlichen Bedingungen".50
Dementsprechend wurden wirtschaftliches Handeln und Methoden zur Etatverwaltung, effizien-
te Organisationsstrukturen, optimale Kosten-Nutzen-Verhältnisse, evaluierbare Leistungsindika-
toren sowie Methoden der Vergleichbarkeit und Standardisierung, zentrale Themen der Biblio-
thekspraxis und in zahlreichen Kongressen, Publikationen und Fortbildungsveranstaltungen
aufgegriffen.51
3.3 Bibliotheksstruktur – Wunsch und Wirklichkeit der Umstrukturierungen
Der Wandel in der Bibliothekspolitik, der eine Hinwendung zu betriebswirtschaftlichem Planen
und Handeln bedeutete, machte sich auch in den bibliothekarischen Strukturen bemerkbar. Hier
gab es zwei Tendenzen: Die Abkehr von Umstrukturierungsplänen und -maßnahmen sowie eine
deutlich verlangsamte Etablierung neuer Strukturen. Die Haushaltsdefizite der Länder wurden
durch Kürzungsmaßnahmen in den Hochschulbibliotheken zunehmend spürbar. Dazu gehörten
vor allem, entgegen aller vorheriger Planungen, die Senkung der Erwerbungsetats sowie die
Stagnation des personellen Ausbaus, was angesichts der zunehmenden Studierenden- bzw. Nut-
zerzahlen in vielen Bibliotheken, zu einer Verschlechterung der Literaturversorgung führte.52
Partiell konnten die Defizite durch den Aufbau von sogenannten Büchergrundbeständen aufge-
fangen werden. Die Planbarkeit der Erwerbung wurde jedoch immer schwieriger, da die Zuwei-
sung von Sondermitteln sehr kurzfristig war und von Jahr zu Jahr unsicherer wurde.53
Die neugegründeten Fachhochschulbibliotheken bauten daher ihre eigenes Austauschgremium,
die Arbeitsgemeinschaft der Fachhochschulbibliotheken (AG FHBD), auf.54 Nachdem es bereits
seit 1972 regelmäßige Treffen der Bibliotheksleiter gegeben hatte, wurde diese 1977 gegründet
50 Vgl. ebd., S. 240.
51 Hier ist insbesondere die Reihe „Bibliothekspraxis“ zu nennen.
52Die individuelle Bibliothekssituation ist stets zu berücksichtigen, denn regional gab bzw. gibt es ein
Ausstattungsgefälle. Denn: Eine strukturelle Verdichtung in einem einschichtigen Bibliothekssystem
war nicht automatisch mit einer räumlichen Verdichtung verbunden.
53 Vgl. Altenhöner2008, S. 189.
54 Vgl. ebd, S. 190.
Finanzressourcen, sondern vielmehr als "ein Schritt zur Realisierung programmatischer Vorstel-
lungen unter den gegebenen politischen wie wirtschaftlichen Bedingungen".50
Dementsprechend wurden wirtschaftliches Handeln und Methoden zur Etatverwaltung, effizien-
te Organisationsstrukturen, optimale Kosten-Nutzen-Verhältnisse, evaluierbare Leistungsindika-
toren sowie Methoden der Vergleichbarkeit und Standardisierung, zentrale Themen der Biblio-
thekspraxis und in zahlreichen Kongressen, Publikationen und Fortbildungsveranstaltungen
aufgegriffen.51
3.3 Bibliotheksstruktur – Wunsch und Wirklichkeit der Umstrukturierungen
Der Wandel in der Bibliothekspolitik, der eine Hinwendung zu betriebswirtschaftlichem Planen
und Handeln bedeutete, machte sich auch in den bibliothekarischen Strukturen bemerkbar. Hier
gab es zwei Tendenzen: Die Abkehr von Umstrukturierungsplänen und -maßnahmen sowie eine
deutlich verlangsamte Etablierung neuer Strukturen. Die Haushaltsdefizite der Länder wurden
durch Kürzungsmaßnahmen in den Hochschulbibliotheken zunehmend spürbar. Dazu gehörten
vor allem, entgegen aller vorheriger Planungen, die Senkung der Erwerbungsetats sowie die
Stagnation des personellen Ausbaus, was angesichts der zunehmenden Studierenden- bzw. Nut-
zerzahlen in vielen Bibliotheken, zu einer Verschlechterung der Literaturversorgung führte.52
Partiell konnten die Defizite durch den Aufbau von sogenannten Büchergrundbeständen aufge-
fangen werden. Die Planbarkeit der Erwerbung wurde jedoch immer schwieriger, da die Zuwei-
sung von Sondermitteln sehr kurzfristig war und von Jahr zu Jahr unsicherer wurde.53
Die neugegründeten Fachhochschulbibliotheken bauten daher ihre eigenes Austauschgremium,
die Arbeitsgemeinschaft der Fachhochschulbibliotheken (AG FHBD), auf.54 Nachdem es bereits
seit 1972 regelmäßige Treffen der Bibliotheksleiter gegeben hatte, wurde diese 1977 gegründet
50 Vgl. ebd., S. 240.
51 Hier ist insbesondere die Reihe „Bibliothekspraxis“ zu nennen.
52Die individuelle Bibliothekssituation ist stets zu berücksichtigen, denn regional gab bzw. gibt es ein
Ausstattungsgefälle. Denn: Eine strukturelle Verdichtung in einem einschichtigen Bibliothekssystem
war nicht automatisch mit einer räumlichen Verdichtung verbunden.
53 Vgl. Altenhöner2008, S. 189.
54 Vgl. ebd, S. 190.
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18
und 1982 in der Sektion 4 des DBV offiziell anerkannt. Die AG beschäftigte sich als nützliches
Organ zur Besprechung von Problemen und Herausforderungen, schwerpunktmäßig mit den
folgenden Themenbereichen: Information- und Führungsprobleme durch dezentralen Aufbau
der Bibliothekssysteme, Etatsituation, Fragen zur EDV-Einführung, Verbundteilnahme und Bi-
bliotheksbau. Für die Fachhochschulbibliotheken war es ein langwieriger Prozess bis weit in die
90er Jahre hinein, sich durchzusetzen.55 Obwohl die Mehrheit den tradierten Arbeitsmethoden
und Angebotsprofilen des wissenschaftlichen Hochschulbibliothekswesens folgte, bildeten die
70er und 80er Jahre eine Voraussetzung dafür, eine besonders nah an die Nutzerbedürfnisse
orientierte Organisationsstruktur mit Innovationspotential zu entwickeln. Je nach fachlicher
Ausrichtung, bekamen die Fachhochschulbibliotheken die Funktion einer regionalen Literatur-
versorgung. Doch die unterschiedliche Intensität in der Einführung der EDV wirkte sich unein-
heitlich in der Bedeutung der einzelnen Einrichtungen aus. Die Fachhochschulbibliotheken in
Nordrhein-Westfalen und in Baden-Württemberg waren hier führend.
Zur gleichen Zeit wurde der Auf- und Ausbau von Bibliotheksverbünden immer wichtiger. Der
größte deutsche Forschungsförderer, die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), erkannte
deren Notwendigkeit zur überregionalen Literaturversorgung und nahm sich im Jahre 1980 mit
speziellen Empfehlungen zum Aufbau regionaler Verbundsysteme des Themas an.56 Bereits seit
1973 förderte der Bibliotheksausschuss der DFG Entwicklungsprojekte auf dem Gebiet der
EDV in Bibliotheken, z.B. zur Einrichtung von Bibliotheksrechenzentren als zentrale Dienst-
leistungseinrichtungen. Im Rahmen des Informations- und Dokumentations-Programms der
Bundesregierung (kurz: IuD-Programm) wurden zwar Fachinformationszentren gefördert, die
Bestandsnachweise fehlten jedoch.57 Daher sollten Bibliotheken mit dem IuD-Bereich besser
zusammenarbeiten. So kam es seitens der DFG zur Forderung nach einem nationalen Informati-
55 Vgl. ebd., S. 191ff.
56 Vgl. Deutsche Forschungsgemeinschaft. Bibliotheksausschuß. Unterausschuß für Datenverarbeitung.
(1980). Empfehlungen zum Aufbau regionaler Verbundsysteme und zur Einrichtung regionaler Biblio-
thekszentren. Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie (27), (S. 189–204).
57 Vgl. hier und folgend R.Schmidt2008, S.233-237. Zur Interpretation des IuD-Programms vgl. Herget, J.
(2005). Das Programm der Bundesregierung zur Förderung der Information und Dokumentation (IuD-
Programm) 1974-1977 (Eine Kurzfassung). In Herget, J.; Hierl, S. und Seeger, T. (Hrsg.), Informations-
politik ist machbar?!, Frankfurt am Main: DGI, S. 63–108.
und 1982 in der Sektion 4 des DBV offiziell anerkannt. Die AG beschäftigte sich als nützliches
Organ zur Besprechung von Problemen und Herausforderungen, schwerpunktmäßig mit den
folgenden Themenbereichen: Information- und Führungsprobleme durch dezentralen Aufbau
der Bibliothekssysteme, Etatsituation, Fragen zur EDV-Einführung, Verbundteilnahme und Bi-
bliotheksbau. Für die Fachhochschulbibliotheken war es ein langwieriger Prozess bis weit in die
90er Jahre hinein, sich durchzusetzen.55 Obwohl die Mehrheit den tradierten Arbeitsmethoden
und Angebotsprofilen des wissenschaftlichen Hochschulbibliothekswesens folgte, bildeten die
70er und 80er Jahre eine Voraussetzung dafür, eine besonders nah an die Nutzerbedürfnisse
orientierte Organisationsstruktur mit Innovationspotential zu entwickeln. Je nach fachlicher
Ausrichtung, bekamen die Fachhochschulbibliotheken die Funktion einer regionalen Literatur-
versorgung. Doch die unterschiedliche Intensität in der Einführung der EDV wirkte sich unein-
heitlich in der Bedeutung der einzelnen Einrichtungen aus. Die Fachhochschulbibliotheken in
Nordrhein-Westfalen und in Baden-Württemberg waren hier führend.
Zur gleichen Zeit wurde der Auf- und Ausbau von Bibliotheksverbünden immer wichtiger. Der
größte deutsche Forschungsförderer, die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), erkannte
deren Notwendigkeit zur überregionalen Literaturversorgung und nahm sich im Jahre 1980 mit
speziellen Empfehlungen zum Aufbau regionaler Verbundsysteme des Themas an.56 Bereits seit
1973 förderte der Bibliotheksausschuss der DFG Entwicklungsprojekte auf dem Gebiet der
EDV in Bibliotheken, z.B. zur Einrichtung von Bibliotheksrechenzentren als zentrale Dienst-
leistungseinrichtungen. Im Rahmen des Informations- und Dokumentations-Programms der
Bundesregierung (kurz: IuD-Programm) wurden zwar Fachinformationszentren gefördert, die
Bestandsnachweise fehlten jedoch.57 Daher sollten Bibliotheken mit dem IuD-Bereich besser
zusammenarbeiten. So kam es seitens der DFG zur Forderung nach einem nationalen Informati-
55 Vgl. ebd., S. 191ff.
56 Vgl. Deutsche Forschungsgemeinschaft. Bibliotheksausschuß. Unterausschuß für Datenverarbeitung.
(1980). Empfehlungen zum Aufbau regionaler Verbundsysteme und zur Einrichtung regionaler Biblio-
thekszentren. Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie (27), (S. 189–204).
57 Vgl. hier und folgend R.Schmidt2008, S.233-237. Zur Interpretation des IuD-Programms vgl. Herget, J.
(2005). Das Programm der Bundesregierung zur Förderung der Information und Dokumentation (IuD-
Programm) 1974-1977 (Eine Kurzfassung). In Herget, J.; Hierl, S. und Seeger, T. (Hrsg.), Informations-
politik ist machbar?!, Frankfurt am Main: DGI, S. 63–108.
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onsverbund auf der Grundlage regionaler Verbünde. Man stellte sich die Errichtung und Stär-
kung von sieben eng zusammenarbeitenden Online-Verbundsystemen, analog zu Leihverkehrs-
regionen, vor. So entstanden nach und nach neue Verbundstrukturen: Der Südwestdeutsche
bliotheksverbund (SWB) ging nach siebenjähriger Entwicklungsphase 1985 in den Probebe-
Probebetrieb. Die Aufnahme des Routinebetriebs folgte 1986. Bayern stellte 1987 auf ein Onli-
ne-Verbundsystem um. Der Hessische Bibliotheksverbund HeBiS bot im selben Jahr seine
Dienstleistungen an. Die Stadtstaaten Berlin und Hamburg waren ebenso im Aufbau ihrer
bliotheksverbünde begriffen.
3.4 Bibliotheksarbeit – Folgen der Ökonomisierung des Bibliotheksbetriebs
Der Aufbau der Verbund- bzw. Kooperationsstrukturen machte folglich einen Großteil der bibli-
othekarischen Arbeit aus. „Online“ und „Integrierte Systeme“ wurden zu den häufigsten Begrif-
fen der Fachdiskussion. Unzählige Pionierarbeiten und Experimente trugen den unzureichenden
fachlichen Standards Rechnung, bis sich kommerzielle Anbieter professioneller Bibliotheks-
software herausbildeten. Neue Speichermedien (CD-ROMS) und Datennetze (Datenbanken)
machten neue Bibliotheksservices möglich. So wurden beispielsweise Informations-
vermittlungsstellen (IVS) eingerichtet, die Recherchen zentral nach Auftragsprinzip bear-
beiten.58 Je mehr Bibliotheken sich für EDV interessierten, umso mehr stellte sich die Frage
nach Kooperation, denn die Anschaffung der Technik bedeutete teure Großinvestitionen.
Über Chancen und Konsequenzen von Investitionen machte man sich in den Bibliotheken, wie
schon im Kapitel 3.2 angedeutet, zunehmend Gedanken. Sie mussten dabei die Balance zwi-
schen effizienter Bibliotheksverwaltung (Stichwort Kostenkontrolle) und attraktivem Dienstleis-
tungsangebot im Sinne einer nutzerorientierten Literaturversorgung finden. So wurde festge-
stellt, dass die wiederentdeckte Freihandaufstellung im Vergleich zur deutlich billigeren Mag-
azinierung des Bestands, im Widerspruch zum Managementgedanken der Bibliotheken stand:
Während sich eine Magazinierung aus betriebswirtschaftlicher Sicht für die Bibliotheken kos-
tengünstiger darstellte und damit als beste Lösung erschien, wäre jedoch gleichzeitig die Wir-
58 Vgl. S.Schmidt2008, S. 271f.
onsverbund auf der Grundlage regionaler Verbünde. Man stellte sich die Errichtung und Stär-
kung von sieben eng zusammenarbeitenden Online-Verbundsystemen, analog zu Leihverkehrs-
regionen, vor. So entstanden nach und nach neue Verbundstrukturen: Der Südwestdeutsche
bliotheksverbund (SWB) ging nach siebenjähriger Entwicklungsphase 1985 in den Probebe-
Probebetrieb. Die Aufnahme des Routinebetriebs folgte 1986. Bayern stellte 1987 auf ein Onli-
ne-Verbundsystem um. Der Hessische Bibliotheksverbund HeBiS bot im selben Jahr seine
Dienstleistungen an. Die Stadtstaaten Berlin und Hamburg waren ebenso im Aufbau ihrer
bliotheksverbünde begriffen.
3.4 Bibliotheksarbeit – Folgen der Ökonomisierung des Bibliotheksbetriebs
Der Aufbau der Verbund- bzw. Kooperationsstrukturen machte folglich einen Großteil der bibli-
othekarischen Arbeit aus. „Online“ und „Integrierte Systeme“ wurden zu den häufigsten Begrif-
fen der Fachdiskussion. Unzählige Pionierarbeiten und Experimente trugen den unzureichenden
fachlichen Standards Rechnung, bis sich kommerzielle Anbieter professioneller Bibliotheks-
software herausbildeten. Neue Speichermedien (CD-ROMS) und Datennetze (Datenbanken)
machten neue Bibliotheksservices möglich. So wurden beispielsweise Informations-
vermittlungsstellen (IVS) eingerichtet, die Recherchen zentral nach Auftragsprinzip bear-
beiten.58 Je mehr Bibliotheken sich für EDV interessierten, umso mehr stellte sich die Frage
nach Kooperation, denn die Anschaffung der Technik bedeutete teure Großinvestitionen.
Über Chancen und Konsequenzen von Investitionen machte man sich in den Bibliotheken, wie
schon im Kapitel 3.2 angedeutet, zunehmend Gedanken. Sie mussten dabei die Balance zwi-
schen effizienter Bibliotheksverwaltung (Stichwort Kostenkontrolle) und attraktivem Dienstleis-
tungsangebot im Sinne einer nutzerorientierten Literaturversorgung finden. So wurde festge-
stellt, dass die wiederentdeckte Freihandaufstellung im Vergleich zur deutlich billigeren Mag-
azinierung des Bestands, im Widerspruch zum Managementgedanken der Bibliotheken stand:
Während sich eine Magazinierung aus betriebswirtschaftlicher Sicht für die Bibliotheken kos-
tengünstiger darstellte und damit als beste Lösung erschien, wäre jedoch gleichzeitig die Wir-
58 Vgl. S.Schmidt2008, S. 271f.
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20
kung und das Ansehen der Bildungsinstitutionen in Mitleidenschaft gezogen.59 Insofern standen
die Bibliotheken im Spannungsfeld zwischen dem Angebot von Serviceleistungen und der Ef-
fektivierung der eigenen Betriebsabläufe. In dieser Situation waren (und sind) die Bibliotheken
dazu angehalten, mit tendenziell sinkendem Budget ein Höchstmaß an Service mit steigendem
Niveau anzubieten. Der Berufstand konnte sich jedoch nur schwer darauf einstellen. Diesbezüg-
lich kritisiert Jochum rückblickend, dass der bibliothekarische Nachwuchs zwar auf bestehende
Verhältnisse angepasst, aber nicht angeleitet wurde, auf Veränderungen von Bibliotheks- und
Katalogpraxis adäquat reagieren zu können.60 Es wurde zwar eine glühende Berufsbilddebatte
geführt, aber personelle und berufliche Konsequenzen, also eine Reform der Abteilungs- und
Laufbahnstrukturen, blieb aus. 61 Dies ist vor allem vor dem Hintergrund der vor der rasanten
Entwicklung der EDV zu betrachten. In der Mitte der 80er Jahre setzte der Personal Computer
(PC) neue Impulse für die flächendeckende Verbreitung von automatisierten Bibliotheksabläu-
fen. Die Mikroelektronik kippte das Kräfteverhältnis zwischen den Einrichtungen mit langjähri-
ger und denjenigen ohne EDV-Erfahrung. Eine deutliche Verbesserung von Effektivität und
Effizienz im Sinne von Kostenersparnis, ließ sich damit jedoch nur bedingt erreichen, denn im
Zuge der digitalen Revolution stand und steht die Bibliotheksarbeit vor immer wieder neuen
Herausforderungen, die Mittelkürzungen kaum rechtfertigen.
4 Bibliotheken zwischen Boom und Krise in internationaler Perspektive – Die
Beispiele England und Schweden
4.1 Bildungspolitik – Zwischen Gleichheitsanspruch und Effizienz
Sowohl In England als auch in Schweden entwickelte sich nach dem zweiten Weltkrieg eine
Strukturanalogie zwischen sozialem Sicherungssystem und Bildungswesen. Nach dem Grund-
satz sozialer Gleichheit sollte eine Grundversorgung an Bildung erreicht werden.62 Diese bil-
dungspolitische Gleichheitstendenz, die auch im Hochschulwesen zum Tragen kam, soll zum
59 Vgl. Jochum2008, S. 155.
60 Vgl. Jochum2008, S. 157f.
61 Vgl. ebd.
62 Vgl. Rudloff2008, S. 252f.
kung und das Ansehen der Bildungsinstitutionen in Mitleidenschaft gezogen.59 Insofern standen
die Bibliotheken im Spannungsfeld zwischen dem Angebot von Serviceleistungen und der Ef-
fektivierung der eigenen Betriebsabläufe. In dieser Situation waren (und sind) die Bibliotheken
dazu angehalten, mit tendenziell sinkendem Budget ein Höchstmaß an Service mit steigendem
Niveau anzubieten. Der Berufstand konnte sich jedoch nur schwer darauf einstellen. Diesbezüg-
lich kritisiert Jochum rückblickend, dass der bibliothekarische Nachwuchs zwar auf bestehende
Verhältnisse angepasst, aber nicht angeleitet wurde, auf Veränderungen von Bibliotheks- und
Katalogpraxis adäquat reagieren zu können.60 Es wurde zwar eine glühende Berufsbilddebatte
geführt, aber personelle und berufliche Konsequenzen, also eine Reform der Abteilungs- und
Laufbahnstrukturen, blieb aus. 61 Dies ist vor allem vor dem Hintergrund der vor der rasanten
Entwicklung der EDV zu betrachten. In der Mitte der 80er Jahre setzte der Personal Computer
(PC) neue Impulse für die flächendeckende Verbreitung von automatisierten Bibliotheksabläu-
fen. Die Mikroelektronik kippte das Kräfteverhältnis zwischen den Einrichtungen mit langjähri-
ger und denjenigen ohne EDV-Erfahrung. Eine deutliche Verbesserung von Effektivität und
Effizienz im Sinne von Kostenersparnis, ließ sich damit jedoch nur bedingt erreichen, denn im
Zuge der digitalen Revolution stand und steht die Bibliotheksarbeit vor immer wieder neuen
Herausforderungen, die Mittelkürzungen kaum rechtfertigen.
4 Bibliotheken zwischen Boom und Krise in internationaler Perspektive – Die
Beispiele England und Schweden
4.1 Bildungspolitik – Zwischen Gleichheitsanspruch und Effizienz
Sowohl In England als auch in Schweden entwickelte sich nach dem zweiten Weltkrieg eine
Strukturanalogie zwischen sozialem Sicherungssystem und Bildungswesen. Nach dem Grund-
satz sozialer Gleichheit sollte eine Grundversorgung an Bildung erreicht werden.62 Diese bil-
dungspolitische Gleichheitstendenz, die auch im Hochschulwesen zum Tragen kam, soll zum
59 Vgl. Jochum2008, S. 155.
60 Vgl. Jochum2008, S. 157f.
61 Vgl. ebd.
62 Vgl. Rudloff2008, S. 252f.
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Anlass genommen werden, beide Länder mit vergleichendem Blick nach Deutschland, näher zu
untersuchen.
In England wurde dieser Anspruch erstmals im Erziehungsgesetz (Education Act) von 1944
ausgesprochen, konnte jedoch nicht zeitnah eingelöst werden. In den 60ern und 70er Jahren war
daher die comprehensivation von Schulstrukturen und höherer Bildung das große Reformthema,
indem – wie in den meisten europäischen Ländern – die „Interdependenzen von Klassenstruktur
und Bildungschancen“ im Mittelpunkt standen.63 Neben intensiven Aktivitäten im Schulbereich,
wurde die soziale Öffnung auch im Hochschulwesen angestrebt. Das englische Hochschulwesen
war traditionell von einer hochgradigen Organisation des Studiums mit strukturierter Abfolge
von Kursen und genau definierten Anforderungen gekennzeichnet. Eine zentrale Zulassungsstel-
le koordinierte mit dem Ziel einer besseren und gerechteren Verteilung die Studienplätze; den-
noch konnten die Universitäten zusätzlich, aufgrund ihrer Autonomie mittels individueller Ver-
fahren, über die Auswahl der Studienanfänger selbst entscheiden.64 Bereits 1963 gab der
sogenannte Robbins-Report Impulse zur Erweiterung des Hochschulwesens und zur Diskussion
ihrer gesellschaftspolitischen Bedeutung. Innerhalb eines Jahrzehnts verdoppelten sich die Stu-
dentenzahlen und ein zweiter, stark berufsbezogener Hochschulsektor wurde ab 1966 mit den
Polytechnics und Colleges aufgebaut.65 Sie sind mit den deutschen Fachhochschulen vergleich-
bar. Die Polytechnics und Colleges unterstanden, da sie mehrheitlich aus den Institutionen der
Further Education hervorgegangen waren, den Local Education Authorities (LEA), also den
Kommunen. Als öffentliche Einrichtungen des Hochschulwesens mussten Kurse und Abschlüs-
se extra von den Universitäten validiert werden. Neben derartigen Einrichtungen spielte die
1971 gegründete Open University (OU) eine zunehmend wichtige Rolle in der Erwachsenenbil-
dung. Diese konnte einer wachsenden Zahl von bis zu 70.000 Studenten gleichzeitig, Kurse aus
63 Vgl. ebd.
64 Vgl. Glowka, D. (1996). England. In Anweiler, O.; Boos-Nünning, U.; Brinkmann, G.; Glowka, D. und
Goetze, D. (Hrsg.), Bildungssysteme in Europa, Weinheim: Beltz, S. 74.
65 Dazu gehörte auch, dass viele Colleges of Advanced Technology Universitätsstatus erhielten. Damit
wurde Mitte der 60er Jahre ein neuer Universitätszweig, die Technological Universities, begründet.
Anlass genommen werden, beide Länder mit vergleichendem Blick nach Deutschland, näher zu
untersuchen.
In England wurde dieser Anspruch erstmals im Erziehungsgesetz (Education Act) von 1944
ausgesprochen, konnte jedoch nicht zeitnah eingelöst werden. In den 60ern und 70er Jahren war
daher die comprehensivation von Schulstrukturen und höherer Bildung das große Reformthema,
indem – wie in den meisten europäischen Ländern – die „Interdependenzen von Klassenstruktur
und Bildungschancen“ im Mittelpunkt standen.63 Neben intensiven Aktivitäten im Schulbereich,
wurde die soziale Öffnung auch im Hochschulwesen angestrebt. Das englische Hochschulwesen
war traditionell von einer hochgradigen Organisation des Studiums mit strukturierter Abfolge
von Kursen und genau definierten Anforderungen gekennzeichnet. Eine zentrale Zulassungsstel-
le koordinierte mit dem Ziel einer besseren und gerechteren Verteilung die Studienplätze; den-
noch konnten die Universitäten zusätzlich, aufgrund ihrer Autonomie mittels individueller Ver-
fahren, über die Auswahl der Studienanfänger selbst entscheiden.64 Bereits 1963 gab der
sogenannte Robbins-Report Impulse zur Erweiterung des Hochschulwesens und zur Diskussion
ihrer gesellschaftspolitischen Bedeutung. Innerhalb eines Jahrzehnts verdoppelten sich die Stu-
dentenzahlen und ein zweiter, stark berufsbezogener Hochschulsektor wurde ab 1966 mit den
Polytechnics und Colleges aufgebaut.65 Sie sind mit den deutschen Fachhochschulen vergleich-
bar. Die Polytechnics und Colleges unterstanden, da sie mehrheitlich aus den Institutionen der
Further Education hervorgegangen waren, den Local Education Authorities (LEA), also den
Kommunen. Als öffentliche Einrichtungen des Hochschulwesens mussten Kurse und Abschlüs-
se extra von den Universitäten validiert werden. Neben derartigen Einrichtungen spielte die
1971 gegründete Open University (OU) eine zunehmend wichtige Rolle in der Erwachsenenbil-
dung. Diese konnte einer wachsenden Zahl von bis zu 70.000 Studenten gleichzeitig, Kurse aus
63 Vgl. ebd.
64 Vgl. Glowka, D. (1996). England. In Anweiler, O.; Boos-Nünning, U.; Brinkmann, G.; Glowka, D. und
Goetze, D. (Hrsg.), Bildungssysteme in Europa, Weinheim: Beltz, S. 74.
65 Dazu gehörte auch, dass viele Colleges of Advanced Technology Universitätsstatus erhielten. Damit
wurde Mitte der 60er Jahre ein neuer Universitätszweig, die Technological Universities, begründet.
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einer Kombination des Gebrauchs von Fernsehen, gedruckten Kursmaterialien, Sommerschulen
sowie lokale Tutorenarbeit, anbieten und genoss schnell internationale Anerkennung.66
Schweden galt (und gilt immer noch) als das Musterland skandinavischer Wohlfahrtsstaatlich-
keit mit gesellschaftspolitischer Ausrichtung der Bildungspolitik und -reformen. Diese ist in den
60er und 70er Jahren von deutschen Bildungsplanern interessiert rezipiert worden.67 Bildung
genoss auf höchster Regierungsebene in Schweden eine besondere Wertschätzung. Als Indiz
dafür, seien mehrere Ministerpräsidenten des Landes, welche zuvor Bildungsminister waren,
angeführt. Schweden stieß bereits kurz nach dem 2. Weltkrieg weitreichende Umstrukturierun-
gen des gesamten Bildungswesens an.68 Die Grundlagen für das günstige Reformklima bildeten,
laut Schäfer, die jahrzehntelang stabilen Mehrheitsverhältnisse zugunsten der Sozialdemokraten,
der zentralistische Staatsaufbau und einfache Verwaltungsstrukturen.69 Rudloff sieht jedoch
vielmehr die Soziale Gleichheit als Leitnorm für die schwedische Gesellschaft, als maßgebend
an.70 Es galt dabei das Prinzip des egalitären Universalismus, in dessen Zentrum die Erhöhung
der Durchlässigkeit zwischen den Bildungsinstitutionen, eine Entschärfung von Selektionsin-
strumenten, und damit der Ausgleich des Chancengefälles standen.71 Eine Reform des Hoch-
schulwesens stand in den 70er und 80er Jahren im Mittelpunkt, welche, analog zur früheren
Umgestaltung des Primar- und Sekundarschulwesens in den 50er und 60er Jahren, ein integrier-
tes Gesamthochschulwesen bzw. ein einziges Hochschulsystem (högskola) der sechs Universitä-
ten, 17 Fachhochschulen und 16 Spezialeinrichtungen zum Ziel hatte.72 Dennoch ist laut Schäfer
diese Integration formal geblieben, da zwischen Forschungs- und Lehreinrichtungen mitunter
große Profilunterschiede nicht zu beseitigen waren.73 1986 wurde mit der Einleitung einer Per-
sonalreform an Hochschulen und der Lehrerausbildung, ein jahrzehntelang währender Reform-
66 Vgl. Glowka1996, S. 73.
67 Vgl. Rudloff2008, S. 246.
68 Vgl. Schäfer, H.-P. (1996). Schweden. In Anweiler, O.; Boos-Nünning, U.; Brinkmann, G.; Glowka, D.
und Goetze, D. (Hrsg.), Bildungssysteme in Europa, Weinheim: Beltz, S. 194.
69 Vgl. Schäfer1996, S. 195.
70 Vgl. Rudloff2008, S. 248.
71 Vgl. ebd.
72 Vgl. Schäfer1996, S. 205f.
einer Kombination des Gebrauchs von Fernsehen, gedruckten Kursmaterialien, Sommerschulen
sowie lokale Tutorenarbeit, anbieten und genoss schnell internationale Anerkennung.66
Schweden galt (und gilt immer noch) als das Musterland skandinavischer Wohlfahrtsstaatlich-
keit mit gesellschaftspolitischer Ausrichtung der Bildungspolitik und -reformen. Diese ist in den
60er und 70er Jahren von deutschen Bildungsplanern interessiert rezipiert worden.67 Bildung
genoss auf höchster Regierungsebene in Schweden eine besondere Wertschätzung. Als Indiz
dafür, seien mehrere Ministerpräsidenten des Landes, welche zuvor Bildungsminister waren,
angeführt. Schweden stieß bereits kurz nach dem 2. Weltkrieg weitreichende Umstrukturierun-
gen des gesamten Bildungswesens an.68 Die Grundlagen für das günstige Reformklima bildeten,
laut Schäfer, die jahrzehntelang stabilen Mehrheitsverhältnisse zugunsten der Sozialdemokraten,
der zentralistische Staatsaufbau und einfache Verwaltungsstrukturen.69 Rudloff sieht jedoch
vielmehr die Soziale Gleichheit als Leitnorm für die schwedische Gesellschaft, als maßgebend
an.70 Es galt dabei das Prinzip des egalitären Universalismus, in dessen Zentrum die Erhöhung
der Durchlässigkeit zwischen den Bildungsinstitutionen, eine Entschärfung von Selektionsin-
strumenten, und damit der Ausgleich des Chancengefälles standen.71 Eine Reform des Hoch-
schulwesens stand in den 70er und 80er Jahren im Mittelpunkt, welche, analog zur früheren
Umgestaltung des Primar- und Sekundarschulwesens in den 50er und 60er Jahren, ein integrier-
tes Gesamthochschulwesen bzw. ein einziges Hochschulsystem (högskola) der sechs Universitä-
ten, 17 Fachhochschulen und 16 Spezialeinrichtungen zum Ziel hatte.72 Dennoch ist laut Schäfer
diese Integration formal geblieben, da zwischen Forschungs- und Lehreinrichtungen mitunter
große Profilunterschiede nicht zu beseitigen waren.73 1986 wurde mit der Einleitung einer Per-
sonalreform an Hochschulen und der Lehrerausbildung, ein jahrzehntelang währender Reform-
66 Vgl. Glowka1996, S. 73.
67 Vgl. Rudloff2008, S. 246.
68 Vgl. Schäfer, H.-P. (1996). Schweden. In Anweiler, O.; Boos-Nünning, U.; Brinkmann, G.; Glowka, D.
und Goetze, D. (Hrsg.), Bildungssysteme in Europa, Weinheim: Beltz, S. 194.
69 Vgl. Schäfer1996, S. 195.
70 Vgl. Rudloff2008, S. 248.
71 Vgl. ebd.
72 Vgl. Schäfer1996, S. 205f.
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23
prozess beendet, dessen Umfang und Geschlossenheit auf internationaler Ebene eine Ausnahme
bildete.74
Eine sozial- und gesellschaftspolitische Orientierung von Bildungspolitik für die 1960er und
frühen 1970er Jahre, war also auch international verbreitet. Somit gab es nicht nur in der Bun-
desrepublik einen Bildungsboom. Die Hochschulexpansion führte in allen Industriegesellschaf-
ten zur Stärkung der staatlichen Rolle in der Koordination und Sicherung der gesellschaftlichen
Relevanz der Hochschulen.75 Die soziale Öffnung der Hochschulen durch Zulassungsreformen,
die Abschwächung der Hochschulhierarchien sowie die Einführung neuer, integrativer Formen
des Studiums – insbesondere das Fernstudium – waren als bildungspolitische Ziele omnipräsent.
Dies blieb jedoch nicht lange so.
Mit dem politischen Wechsel im Jahre 1979, forderte die neue konservative Regierung Englands
die Universitäten dazu auf, nun verstärkt den Bedürfnissen der Wirtschaft zu genügen. Einer-
seits, um sich teilweise mit Einwerbung von Drittmitteln selbst zu finanzieren, andererseits um
zunehmend berufsqualifizierende Studienprogramme und Studienabschlüsse anzubieten. Somit
setzte 1979 eine grundlegende Veränderung des englischen Bildungssystems ein.76 Mit der Ab-
wertung der LEAs im Sinne einer Abkehr von der regionalen wahldemokratischen Grundlage
des Bildungswesens zu selbständig handelnden Einrichtungen, erweiterte die Regierung ihren
Wirkungskreis und setzte auf Standardisierung und Praxisorientierung. Zudem hielten Wirt-
schaftlichkeit und Marktorientierung bzw. das Beleben von Konkurrenz Einzug. Drastische
Sparmaßnahmen im Bildungsbereich führten in den 80er Jahren zur Verminderung bzw. Einstel-
lung von Angeboten der LEAs. Die „Manpower Services Commission“ wurde wichtigster
Geldgeber in der Erwachsenenbildung und gestalteten diese noch stärker berufsbezogen bzw.
begleitend.77 Nach dem Motto „payment on results“ bzw. „money for value“ wurde ein Beloh-
nungssystem unter der Verwendung von Leistungsindikatoren eingeführt. Man legte deutlich
73 Vgl. ebd., S. 206.
74 Vgl. ebd., S. 194.
75 Vgl. Rudloff2008, S. 239.
76 Vgl. Glowka1996, S. 76ff.
77 Vgl. ebd., S. 73.
prozess beendet, dessen Umfang und Geschlossenheit auf internationaler Ebene eine Ausnahme
bildete.74
Eine sozial- und gesellschaftspolitische Orientierung von Bildungspolitik für die 1960er und
frühen 1970er Jahre, war also auch international verbreitet. Somit gab es nicht nur in der Bun-
desrepublik einen Bildungsboom. Die Hochschulexpansion führte in allen Industriegesellschaf-
ten zur Stärkung der staatlichen Rolle in der Koordination und Sicherung der gesellschaftlichen
Relevanz der Hochschulen.75 Die soziale Öffnung der Hochschulen durch Zulassungsreformen,
die Abschwächung der Hochschulhierarchien sowie die Einführung neuer, integrativer Formen
des Studiums – insbesondere das Fernstudium – waren als bildungspolitische Ziele omnipräsent.
Dies blieb jedoch nicht lange so.
Mit dem politischen Wechsel im Jahre 1979, forderte die neue konservative Regierung Englands
die Universitäten dazu auf, nun verstärkt den Bedürfnissen der Wirtschaft zu genügen. Einer-
seits, um sich teilweise mit Einwerbung von Drittmitteln selbst zu finanzieren, andererseits um
zunehmend berufsqualifizierende Studienprogramme und Studienabschlüsse anzubieten. Somit
setzte 1979 eine grundlegende Veränderung des englischen Bildungssystems ein.76 Mit der Ab-
wertung der LEAs im Sinne einer Abkehr von der regionalen wahldemokratischen Grundlage
des Bildungswesens zu selbständig handelnden Einrichtungen, erweiterte die Regierung ihren
Wirkungskreis und setzte auf Standardisierung und Praxisorientierung. Zudem hielten Wirt-
schaftlichkeit und Marktorientierung bzw. das Beleben von Konkurrenz Einzug. Drastische
Sparmaßnahmen im Bildungsbereich führten in den 80er Jahren zur Verminderung bzw. Einstel-
lung von Angeboten der LEAs. Die „Manpower Services Commission“ wurde wichtigster
Geldgeber in der Erwachsenenbildung und gestalteten diese noch stärker berufsbezogen bzw.
begleitend.77 Nach dem Motto „payment on results“ bzw. „money for value“ wurde ein Beloh-
nungssystem unter der Verwendung von Leistungsindikatoren eingeführt. Man legte deutlich
73 Vgl. ebd., S. 206.
74 Vgl. ebd., S. 194.
75 Vgl. Rudloff2008, S. 239.
76 Vgl. Glowka1996, S. 76ff.
77 Vgl. ebd., S. 73.
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24
Wert auf von Effektivität geleitete, kontinuierliche Arbeit an konkreten Bildungszielen sowie
auf deren Kontrolle, was 1988 zum Education Reform Act führte. 78
Das schwedische Bildungswesen war zur gleichen Zeit von einer vergleichbaren Krise vorerst
verschont geblieben.79 Die langjährigen konsequenten und kontinuierlichen Bildungs- und Sozi-
alreformen sowie eine weitgehend gleichbleibende Stabilität der öffentlichen Haushalte, boten
offensichtlich ausreichend Planungssicherheit und Handlungsspielraum für fortlaufende Re-
formaktivitäten.
4.2 Bibliothekspolitik – Zwischen Förderung und Forderungen
In England gab es seit jeher keine zentrale, nationale Administration für das gesamte Biblio-
thekswesen. Die Bibliotheken standen stets in der Abhängigkeit der finanzierenden Institutionen
und Organisationen, dem sogenannten „parent body“.80 Für die englischen Universitätsbiblio-
theken bedeutete dies eine institutionell, politisch und wirtschaftliche Gebundenheit und Ab-
hängigkeit von der Trägeruniversität. Der Hochschulautonomie entsprechend, unterstanden die
Bibliotheken dem lokalen Library Committee, mit Mitgliedern aus Universitätssenat und Coun-
cil, unter anderem verantwortlich für die Bibliotheksordnung, für die Aufteilung des Etats und
für die Vertretung von Empfehlungen und Forderungen gegenüber anderen Universitätsgremi-
en.81 Das University Grand Commitee (UGC) hält seit 1921 nationale Kontrolle über Finanzen
der Universitäten und hatte bereits im Gründungsjahr die Bedeutung der Bibliotheken für die
Effektivität und Wirkung der Universitäten erkannt.82 Wie in Deutschland, bekamen jedoch auch
die britischen wissenschaftlichen Bibliotheken, im Zuge des Ausbaus des Bildungssektors, eine
größere Aufmerksamkeit. 1967 dokumentierte der Parry Report ein verändertes Selbstverständ-
nis der Bibliotheken von Wissensbewahrern zur Serviceinstitution und empfahl die Entwicklung
78 Vgl. ebd., S. 77.
79 Die öffentlichen Haushalte Schwedens gerieten in den 1990er Jahren in finanzielle Schieflage, was eine
neue Reformwelle des Gesetzgebers auslöste.
80 Vgl. Simon, E. (1985). Bibliothekswesen in England. Eine Einführung, München: Saur., S. 9ff.
81 Vgl. ebd., S. 30f.
82 Aufgrund der Universitätsautonomie, der wirtschaftlichen Rezessionen der 20er und 30er Jahre sowie
dem 2. Weltkrieg, kam es jedoch nicht zu signifikanten Verbesserungen. Vgl. Brophy, P. (2005). The
academic library, 2. Aufl., London: Facet Publ., S. 30.
Wert auf von Effektivität geleitete, kontinuierliche Arbeit an konkreten Bildungszielen sowie
auf deren Kontrolle, was 1988 zum Education Reform Act führte. 78
Das schwedische Bildungswesen war zur gleichen Zeit von einer vergleichbaren Krise vorerst
verschont geblieben.79 Die langjährigen konsequenten und kontinuierlichen Bildungs- und Sozi-
alreformen sowie eine weitgehend gleichbleibende Stabilität der öffentlichen Haushalte, boten
offensichtlich ausreichend Planungssicherheit und Handlungsspielraum für fortlaufende Re-
formaktivitäten.
4.2 Bibliothekspolitik – Zwischen Förderung und Forderungen
In England gab es seit jeher keine zentrale, nationale Administration für das gesamte Biblio-
thekswesen. Die Bibliotheken standen stets in der Abhängigkeit der finanzierenden Institutionen
und Organisationen, dem sogenannten „parent body“.80 Für die englischen Universitätsbiblio-
theken bedeutete dies eine institutionell, politisch und wirtschaftliche Gebundenheit und Ab-
hängigkeit von der Trägeruniversität. Der Hochschulautonomie entsprechend, unterstanden die
Bibliotheken dem lokalen Library Committee, mit Mitgliedern aus Universitätssenat und Coun-
cil, unter anderem verantwortlich für die Bibliotheksordnung, für die Aufteilung des Etats und
für die Vertretung von Empfehlungen und Forderungen gegenüber anderen Universitätsgremi-
en.81 Das University Grand Commitee (UGC) hält seit 1921 nationale Kontrolle über Finanzen
der Universitäten und hatte bereits im Gründungsjahr die Bedeutung der Bibliotheken für die
Effektivität und Wirkung der Universitäten erkannt.82 Wie in Deutschland, bekamen jedoch auch
die britischen wissenschaftlichen Bibliotheken, im Zuge des Ausbaus des Bildungssektors, eine
größere Aufmerksamkeit. 1967 dokumentierte der Parry Report ein verändertes Selbstverständ-
nis der Bibliotheken von Wissensbewahrern zur Serviceinstitution und empfahl die Entwicklung
78 Vgl. ebd., S. 77.
79 Die öffentlichen Haushalte Schwedens gerieten in den 1990er Jahren in finanzielle Schieflage, was eine
neue Reformwelle des Gesetzgebers auslöste.
80 Vgl. Simon, E. (1985). Bibliothekswesen in England. Eine Einführung, München: Saur., S. 9ff.
81 Vgl. ebd., S. 30f.
82 Aufgrund der Universitätsautonomie, der wirtschaftlichen Rezessionen der 20er und 30er Jahre sowie
dem 2. Weltkrieg, kam es jedoch nicht zu signifikanten Verbesserungen. Vgl. Brophy, P. (2005). The
academic library, 2. Aufl., London: Facet Publ., S. 30.
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25
einer nationalen Struktur des Bibliothekswesens.83 Im Report wurden, ähnlich den fortgeschrit-
tenen deutschen Bibliotheksplänen, konkrete Etatkennzahlen festgehalten. So sollten im Ideal-
fall sechs Prozent des universitären Gesamtetats für die Bibliothek aufgewandt werden.84 Ein
Highlight des Ausbaus des englischen Bibliothekswesens war im Jahre 1973 die Gründung der
British Library als Nationalbibliothek mit dem British Museum als Zentrum.85
Bald darauf gab es jedoch die ersten Einschnitte zu beklagen. Waren die 60er Jahre für die eng-
lischen Bibliotheken eine Dekade des Baus neuer Bibliotheksgebäude und hoher Bestandsex-
pansion, so spürten diese nur wenig später, den von Öl- und Wirtschaftskrise hervorgerufenen
ökonomischen Mangel. Durch fehlende Finanzmittel kam die Bestandsentwicklung zum Erlie-
gen und es gab große Probleme bei den Raumkapazitäten, sowohl bei alten als auch bei neu
gebauten Bibliotheken.86 Dieser Umstand wurde 1976 im Atkinson Report, benannt nach dem
Leiter einer vom UGC berufenen Arbeitsgruppe, kritisiert. In dem Bewusstsein, dass man bei
weitem nicht allen Wünschen nach baulichen Erweiterungen entsprechen könnte, drang die Ar-
beitsgruppe auf eine kontrovers aufgenommene, jedoch alternativlose „Selbsterneuerung“ der
Bibliotheken, welches massive Bestandsaussonderungen beinhaltete.87 Die angespannte Situati-
on sollte sich erst mit dem Follet Report im Jahre 1993 ändern. In der von
Billdungsförderinstitution in Auftrag gegebenen Untersuchung zur Situation der Hochschulbib-
liotheken, wurde vor dem Hintergrund des massiven Anstiegs von Studierendenzahlen – von
517.000 im September 1988 auf 811.000 im März 1992 – die dringende Notwendigkeit einer
Verbesserung bibliothekarischer Ausstattung und Literaturversorgung festgestellt und mit kon-
kreten Empfehlungen zur deutlich verbesserten Budgetierung untermauert.88
Die schwedische Wertschätzung und Förderung von (Volks-)Bildung und der ausdauernden
Umgestaltung derselben, war nicht zuletzt am Bibliothekswesen ablesbar. Die große
83 Vgl. Simon1985, S. 31.
84 Vgl. Brophy2005, S. 32.
85 Die British Library wurde zum Kristallisationspunkt des englischen Bibliothekswesens auf- und ausge-
baut. Vgl. Simon1985, S. 40-48.
86 Vgl. Brophy2005, S. 33.
87 Vgl. ebd.
88 Vgl. ebd. S. 34-40.
einer nationalen Struktur des Bibliothekswesens.83 Im Report wurden, ähnlich den fortgeschrit-
tenen deutschen Bibliotheksplänen, konkrete Etatkennzahlen festgehalten. So sollten im Ideal-
fall sechs Prozent des universitären Gesamtetats für die Bibliothek aufgewandt werden.84 Ein
Highlight des Ausbaus des englischen Bibliothekswesens war im Jahre 1973 die Gründung der
British Library als Nationalbibliothek mit dem British Museum als Zentrum.85
Bald darauf gab es jedoch die ersten Einschnitte zu beklagen. Waren die 60er Jahre für die eng-
lischen Bibliotheken eine Dekade des Baus neuer Bibliotheksgebäude und hoher Bestandsex-
pansion, so spürten diese nur wenig später, den von Öl- und Wirtschaftskrise hervorgerufenen
ökonomischen Mangel. Durch fehlende Finanzmittel kam die Bestandsentwicklung zum Erlie-
gen und es gab große Probleme bei den Raumkapazitäten, sowohl bei alten als auch bei neu
gebauten Bibliotheken.86 Dieser Umstand wurde 1976 im Atkinson Report, benannt nach dem
Leiter einer vom UGC berufenen Arbeitsgruppe, kritisiert. In dem Bewusstsein, dass man bei
weitem nicht allen Wünschen nach baulichen Erweiterungen entsprechen könnte, drang die Ar-
beitsgruppe auf eine kontrovers aufgenommene, jedoch alternativlose „Selbsterneuerung“ der
Bibliotheken, welches massive Bestandsaussonderungen beinhaltete.87 Die angespannte Situati-
on sollte sich erst mit dem Follet Report im Jahre 1993 ändern. In der von
Billdungsförderinstitution in Auftrag gegebenen Untersuchung zur Situation der Hochschulbib-
liotheken, wurde vor dem Hintergrund des massiven Anstiegs von Studierendenzahlen – von
517.000 im September 1988 auf 811.000 im März 1992 – die dringende Notwendigkeit einer
Verbesserung bibliothekarischer Ausstattung und Literaturversorgung festgestellt und mit kon-
kreten Empfehlungen zur deutlich verbesserten Budgetierung untermauert.88
Die schwedische Wertschätzung und Förderung von (Volks-)Bildung und der ausdauernden
Umgestaltung derselben, war nicht zuletzt am Bibliothekswesen ablesbar. Die große
83 Vgl. Simon1985, S. 31.
84 Vgl. Brophy2005, S. 32.
85 Die British Library wurde zum Kristallisationspunkt des englischen Bibliothekswesens auf- und ausge-
baut. Vgl. Simon1985, S. 40-48.
86 Vgl. Brophy2005, S. 33.
87 Vgl. ebd.
88 Vgl. ebd. S. 34-40.
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26
Annerkennung öffentlicher wie wissenschaftlicher Bibliotheken seit der Nachkriegszeit, spiegelt
das Konzept des lebenslangen Lernens (livslangt lärande) als Faktor für die Sicherung der wirt-
schaftlichen Stellung und technologischen Entwicklung Schwedens wieder. Hier nahm die Er-
wachsenenbildung eine deutliche bedeutsamere Rolle ein, als im deutschen Bildungswesen.89
Das Ideal für alle Bürger möglichst kostenfreien Zugang zu aller Art von Medien und Informa-
tion zu schaffen, drückte sich laut Doersing in der sozialdemokratischen Tradition Schwedens
und dem damit verbundenen „Volksheim“(folkhem)-Gedanken aus.90 Die Politik erkannte früh-
zeitig die Notwendigkeit des Ausbaus und der Zusammenarbeit von Bibliotheken unabhängig
von der Trägerschaft. Die Forderung und Förderung von Kooperation und Koordination war
(und ist) aufgrund der Landesstruktur (dünne Besiedelung, große Entfernungen) wichtiger Be-
standteil bibliothekspolitischen Agierens.91 Nach einer Konzentration auf die öffentlichen Bibli-
otheken in den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten, rückte daraufhin das wissenschaftliche
Bibliothekswesen in den Vordergrund. Ab 1965 tagte regelmäßig der Forschungsbibliotheksrat
(Forskningsbiblioteksradet - FBR), um sich über gemeinsame Interessen abzustimmen. Hier
ging es hauptsächlich um Arbeitsaufteilung, gemeinsame bibliographische Projekte, und Ratio-
nalisierungsmaßnahmen.92 Diese engen Abstimmungen wurden deshalb getroffen, weil den
sieben großen Universalbibliotheken des Landes, die Königliche Bibliothek (Kungliga
Biblioteket) und den sechs Universitätsbibliotheken, eine Doppelfunktion zugemessen wurde:
Sie hatten die lokale und regionale Informationsversorgung zu erfüllen und gleichzeitig die Ver-
pflichtung, auch national zu wirken.93 Dementsprechend wurden die Universitätsbibliotheken,
durch die finanzielle Anbindung an die Universitäten, im Zuge der Hochschulreform 1977 auf-
89 Vgl. Doersing, R. (2001). Das schwedische Bibliothekswesen. Bestandsaufnahme und aktuelle Tenden-
zen, Berliner Handreichungen zur Bibliothekswissenschaft (Band 93), Berlin: Institut für Bibliotheks-
wissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin. URL: http://www.ib.hu-
berlin.de/~kumlau/handreichungen/h93/ [Zuletzt geprüft am 04.02.2010], S. 24.
90 Vgl. ebd.
91 Dementsprechend fand das System große internationale, insbesondere deutsche, Beachtung. Vgl.
Wienholz, H. (2002). Umea oder die Exotik des Nordens. Ein Blick auf das wissenschaftliche Biblio-
thekswesen in Schweden. BuB (54), Nr. 2, S. 82.
92 Vgl. Callmer, C. (1983). Schweden. In Nielsen, T. und Callmer, C. (Hrsg.), Bibliotheken der nordischen
Länder in Vergangenheit und Gegenwart, Wiesbaden: Reichert, S. 215.
93 Vgl. ebd., S.216.
Annerkennung öffentlicher wie wissenschaftlicher Bibliotheken seit der Nachkriegszeit, spiegelt
das Konzept des lebenslangen Lernens (livslangt lärande) als Faktor für die Sicherung der wirt-
schaftlichen Stellung und technologischen Entwicklung Schwedens wieder. Hier nahm die Er-
wachsenenbildung eine deutliche bedeutsamere Rolle ein, als im deutschen Bildungswesen.89
Das Ideal für alle Bürger möglichst kostenfreien Zugang zu aller Art von Medien und Informa-
tion zu schaffen, drückte sich laut Doersing in der sozialdemokratischen Tradition Schwedens
und dem damit verbundenen „Volksheim“(folkhem)-Gedanken aus.90 Die Politik erkannte früh-
zeitig die Notwendigkeit des Ausbaus und der Zusammenarbeit von Bibliotheken unabhängig
von der Trägerschaft. Die Forderung und Förderung von Kooperation und Koordination war
(und ist) aufgrund der Landesstruktur (dünne Besiedelung, große Entfernungen) wichtiger Be-
standteil bibliothekspolitischen Agierens.91 Nach einer Konzentration auf die öffentlichen Bibli-
otheken in den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten, rückte daraufhin das wissenschaftliche
Bibliothekswesen in den Vordergrund. Ab 1965 tagte regelmäßig der Forschungsbibliotheksrat
(Forskningsbiblioteksradet - FBR), um sich über gemeinsame Interessen abzustimmen. Hier
ging es hauptsächlich um Arbeitsaufteilung, gemeinsame bibliographische Projekte, und Ratio-
nalisierungsmaßnahmen.92 Diese engen Abstimmungen wurden deshalb getroffen, weil den
sieben großen Universalbibliotheken des Landes, die Königliche Bibliothek (Kungliga
Biblioteket) und den sechs Universitätsbibliotheken, eine Doppelfunktion zugemessen wurde:
Sie hatten die lokale und regionale Informationsversorgung zu erfüllen und gleichzeitig die Ver-
pflichtung, auch national zu wirken.93 Dementsprechend wurden die Universitätsbibliotheken,
durch die finanzielle Anbindung an die Universitäten, im Zuge der Hochschulreform 1977 auf-
89 Vgl. Doersing, R. (2001). Das schwedische Bibliothekswesen. Bestandsaufnahme und aktuelle Tenden-
zen, Berliner Handreichungen zur Bibliothekswissenschaft (Band 93), Berlin: Institut für Bibliotheks-
wissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin. URL: http://www.ib.hu-
berlin.de/~kumlau/handreichungen/h93/ [Zuletzt geprüft am 04.02.2010], S. 24.
90 Vgl. ebd.
91 Dementsprechend fand das System große internationale, insbesondere deutsche, Beachtung. Vgl.
Wienholz, H. (2002). Umea oder die Exotik des Nordens. Ein Blick auf das wissenschaftliche Biblio-
thekswesen in Schweden. BuB (54), Nr. 2, S. 82.
92 Vgl. Callmer, C. (1983). Schweden. In Nielsen, T. und Callmer, C. (Hrsg.), Bibliotheken der nordischen
Länder in Vergangenheit und Gegenwart, Wiesbaden: Reichert, S. 215.
93 Vgl. ebd., S.216.
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27
gewertet, 94 auch wenn es zunächst nicht so aussah. Mit der Reform, die auch zahlreiche kleinere
Hochschulen und dazugehörige Bibliotheken hervorbrachte, kam nämlich die zunächst Befürch-
tung auf, dass durch die Veränderung der Trägerschaft die Bedeutung der Universitätsbibliothe-
ken und damit die Informationsversorgung, spürbar sinken würden. Mit dem Aufbau eines Sys-
tems von Sondersammelgebietsbibliotheken („ansvarsbiblioteken“), nach deutschem Vorbild
und der gesetzlichen Zusicherung des Pflichtexemplarrechts für die Universitätsbibliotheken
(1979), zerschlugen sich die Sorgen in der Folgezeit.95 Dazu trug auch die im Jahre 1988 ge-
gründete Abteilung der Königlichen Bibliothek für landesweite Planung und Koordination zur
Koordinierung und Verbesserung der landesweiten, dezentralen wissenschaftlichen Informati-
onsversorgung für Forschung und Lehre (BIBSAM - "Kungliga bibliotekets sekretariat för
nationell planering och samording"). Dies stellte eine weitere Institutionalisierung der Koopera-
tionsaktivitäten der schwedischen Bibliotheken dar.96
Das schwedische Bibliothekswesen kam im Gegensatz zu Deutschland und England erst in den
90er Jahren in Bedrängnis, da in dieser Zeit vor dem Hintergrund der vergleichsweise späten
Krise öffentlicher Haushalte, Bibliotheksschließungen und Privatisierungsdiskussionen aufka-
men. Der Staat reagierte 1996/97 mit der Verabschiedung des Schwedischen Bibliotheksgeset-
zes. Er schuf mit diesem einen rechtsverbindlichen Rahmen für den Unterhalt von Bibliotheken
und die Informationsversorgung der Bevölkerung.97
4.3 Bibliotheksstruktur – Zwischen Autonomie und Kooperation
Im Zuge des Ausbaus der englischen, akademischen Ausbildungsbildungseinrichtungen mit der
Gründung von Polytechnics, den neuen Fachhochschulen, entstanden an diesen natürlich auch
Bibliotheken. Die Pendants der Colleges und der örtlichen Institutes for Further Education gin-
gen oftmals in denen der Universitäten und denen der moderneren Polytechnics auf.98 Die Ein-
führung der strukturellen Einschichtigkeit gestaltete sich in englischen Unibibliotheken selbst-
94 Vgl. Doersing, S. 14.
95 Vgl. ebd.
96 Vgl. Wienholz2002, S. 83.
97 Vgl. Doersing, S. 16f.
98 Vgl. Simon1985, S. 29.
gewertet, 94 auch wenn es zunächst nicht so aussah. Mit der Reform, die auch zahlreiche kleinere
Hochschulen und dazugehörige Bibliotheken hervorbrachte, kam nämlich die zunächst Befürch-
tung auf, dass durch die Veränderung der Trägerschaft die Bedeutung der Universitätsbibliothe-
ken und damit die Informationsversorgung, spürbar sinken würden. Mit dem Aufbau eines Sys-
tems von Sondersammelgebietsbibliotheken („ansvarsbiblioteken“), nach deutschem Vorbild
und der gesetzlichen Zusicherung des Pflichtexemplarrechts für die Universitätsbibliotheken
(1979), zerschlugen sich die Sorgen in der Folgezeit.95 Dazu trug auch die im Jahre 1988 ge-
gründete Abteilung der Königlichen Bibliothek für landesweite Planung und Koordination zur
Koordinierung und Verbesserung der landesweiten, dezentralen wissenschaftlichen Informati-
onsversorgung für Forschung und Lehre (BIBSAM - "Kungliga bibliotekets sekretariat för
nationell planering och samording"). Dies stellte eine weitere Institutionalisierung der Koopera-
tionsaktivitäten der schwedischen Bibliotheken dar.96
Das schwedische Bibliothekswesen kam im Gegensatz zu Deutschland und England erst in den
90er Jahren in Bedrängnis, da in dieser Zeit vor dem Hintergrund der vergleichsweise späten
Krise öffentlicher Haushalte, Bibliotheksschließungen und Privatisierungsdiskussionen aufka-
men. Der Staat reagierte 1996/97 mit der Verabschiedung des Schwedischen Bibliotheksgeset-
zes. Er schuf mit diesem einen rechtsverbindlichen Rahmen für den Unterhalt von Bibliotheken
und die Informationsversorgung der Bevölkerung.97
4.3 Bibliotheksstruktur – Zwischen Autonomie und Kooperation
Im Zuge des Ausbaus der englischen, akademischen Ausbildungsbildungseinrichtungen mit der
Gründung von Polytechnics, den neuen Fachhochschulen, entstanden an diesen natürlich auch
Bibliotheken. Die Pendants der Colleges und der örtlichen Institutes for Further Education gin-
gen oftmals in denen der Universitäten und denen der moderneren Polytechnics auf.98 Die Ein-
führung der strukturellen Einschichtigkeit gestaltete sich in englischen Unibibliotheken selbst-
94 Vgl. Doersing, S. 14.
95 Vgl. ebd.
96 Vgl. Wienholz2002, S. 83.
97 Vgl. Doersing, S. 16f.
98 Vgl. Simon1985, S. 29.
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28
verständlicher und konsequenter als in Deutschland. Neuere Unibibliotheken wurden vorrangig
ohne Institutsbibliotheken geplant, denn diese wurden von Library Committees wegen höherer
Kosten ohne deutlich spürbaren Mehrwert sehr kritisch betracht und nur bei externen Fachbe-
reichscampus als Ergänzung in Betracht gezogen.99 Außerdem herauszuheben: Von den Biblio-
theken der Polytechnics kamen im Vergleich zu anderen Ländern stärkere Impulse zu neuen
Entwicklungen bzw. Innovationen, die auf die Universitätsbibliotheken übergingen. Dazu zähl-
ten unter anderem der Tutor Librarian, welcher die Funktion der Bibliothek als Bildungseinrich-
tung durch Vermittlung der bibliothekarischen Arbeit verkörperte und zusammen mit dem Sub-
ject Specialist (Fachreferenten) die Schnittstelle zwischen Bibliothek und Universität bildete,100
eine veränderte Personal- und Verwaltungsstruktur, angeregt durch sich wandelnde Studien- und
Lesebedürfnissen, die Einrichtung von Lernmittelzentren sowie eine verstärkte Einbindung von
Nichtbuchmaterialien in den Bestand.101 Mit der British Library entstand unter unabhängiger
Kontrolle und Management (British Library Board) erstmals ein Zentrum des nationalen Biblio-
thekswesens mit der Wahrnehmung grundlegender Funktionen: Zentrale Sammelstelle aller
Medien, Zentrale Ausleihe, Planung und Koordination des Leihverkehrs, Publikation nationaler
Bibliographien, Nationales Bibliographisches Zentrum, Nationales Magazin, Tauschzentrum
und weitere Funktionen u.a. die Erforschung neuer Bibliothekstechniken.102
Doch zunehmender ökonomischer Druck ließ nicht nur Bauvorhaben stagnieren, auch Koopera-
tionsstrukturen und -aktivitäten waren im Wandel begriffen. Die fortschreitende EDV-
Entwicklung, finanzielle Engpässe und der neuartige Einfluss der British Library auf Standardi-
sierung der Dienstleistungen, führten zu neuen Organisationsformen, den Verbünden. Insofern
gab es auch hier unter den Ländern Parallelen. Es entstanden „consortia“, „networks“, biblio-
graphical centres and coordinating committees“, „local and regional cooperative schemes –
lokale und regionale Verbundsysteme, z.B. SWALCAP, BLMCP oder LASER.103 Die Zusam-
menarbeit erforderte jedoch die Aufgabe der bis dato selbstverständlichen Autonomie. Hier war
99 Vgl. ebd., S. 36.
100 Vgl. ebd., S. 36f.
101 Vgl. ebd., S. 39.
102 Vgl. ebd., S. 41f.
103 Vgl. ebd.
verständlicher und konsequenter als in Deutschland. Neuere Unibibliotheken wurden vorrangig
ohne Institutsbibliotheken geplant, denn diese wurden von Library Committees wegen höherer
Kosten ohne deutlich spürbaren Mehrwert sehr kritisch betracht und nur bei externen Fachbe-
reichscampus als Ergänzung in Betracht gezogen.99 Außerdem herauszuheben: Von den Biblio-
theken der Polytechnics kamen im Vergleich zu anderen Ländern stärkere Impulse zu neuen
Entwicklungen bzw. Innovationen, die auf die Universitätsbibliotheken übergingen. Dazu zähl-
ten unter anderem der Tutor Librarian, welcher die Funktion der Bibliothek als Bildungseinrich-
tung durch Vermittlung der bibliothekarischen Arbeit verkörperte und zusammen mit dem Sub-
ject Specialist (Fachreferenten) die Schnittstelle zwischen Bibliothek und Universität bildete,100
eine veränderte Personal- und Verwaltungsstruktur, angeregt durch sich wandelnde Studien- und
Lesebedürfnissen, die Einrichtung von Lernmittelzentren sowie eine verstärkte Einbindung von
Nichtbuchmaterialien in den Bestand.101 Mit der British Library entstand unter unabhängiger
Kontrolle und Management (British Library Board) erstmals ein Zentrum des nationalen Biblio-
thekswesens mit der Wahrnehmung grundlegender Funktionen: Zentrale Sammelstelle aller
Medien, Zentrale Ausleihe, Planung und Koordination des Leihverkehrs, Publikation nationaler
Bibliographien, Nationales Bibliographisches Zentrum, Nationales Magazin, Tauschzentrum
und weitere Funktionen u.a. die Erforschung neuer Bibliothekstechniken.102
Doch zunehmender ökonomischer Druck ließ nicht nur Bauvorhaben stagnieren, auch Koopera-
tionsstrukturen und -aktivitäten waren im Wandel begriffen. Die fortschreitende EDV-
Entwicklung, finanzielle Engpässe und der neuartige Einfluss der British Library auf Standardi-
sierung der Dienstleistungen, führten zu neuen Organisationsformen, den Verbünden. Insofern
gab es auch hier unter den Ländern Parallelen. Es entstanden „consortia“, „networks“, biblio-
graphical centres and coordinating committees“, „local and regional cooperative schemes –
lokale und regionale Verbundsysteme, z.B. SWALCAP, BLMCP oder LASER.103 Die Zusam-
menarbeit erforderte jedoch die Aufgabe der bis dato selbstverständlichen Autonomie. Hier war
99 Vgl. ebd., S. 36.
100 Vgl. ebd., S. 36f.
101 Vgl. ebd., S. 39.
102 Vgl. ebd., S. 41f.
103 Vgl. ebd.
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29
eine ausgleichende Struktur und Organisation der Kooperationssysteme gefragt, gerade wenn
unterschiedliche Bibliothekstypen im Verbund aufeinandertrafen.
Auch in Schweden wurden in den 70er Jahren, als die Politik sich dem sekundären Bildungssek-
tor zuwandte, eine Reihe kleinerer Hochschulen gegründet, die ihre eigenen Bibliotheken auf-
bauten.104 Der Gefahr der Zersplitterung des wissenschaftlichen Bibliothekswesens Schwedens
wurde jedoch mit der Stärkung der großen Universalbibliotheken in Richtung einschichtiger
Struktur und verbesserter Ausstattung begegnet. Zwei Beispiele: Die Universität Stockholm
begründete mit der Zusammenführung mehrerer Bereichsbibliotheken 1971 eine große Zentral-
bibliothek auf einem Campus. Diese wurde 1977 organisatorisch von der Königlichen Biblio-
thek unabhängig und verschmolz ein Jahr später mit der Bibliothek der Schwedischen Akademie
der Wissenschaften.105 Die UB Linköping, gegründet 1969, zeichnete sich ebenso durch ein
modernes Organisations- und Managementkonzept aus, in Alternative zum traditionellen zwei-
schichtigen System aus und wurde unter dem Namen "Linköpingsmodellen" international be-
kannt.106 Ferner entstand mit dem integrierten Bibliothekssystem LIBRIS ab 1970 unter der
Leitung der königlichen Bibliothek, ein nationales Projekt zur kooperativen Katalogisierung, zur
Bereitstellung eines zentralen Instruments in den Beständen der angeschlossenen Bibliotheken
und zur Abwicklung der Fernleihe. Der Netzwerkbetrieb mit Online-Technologie nahm 1980
seine Arbeit auf.107
4.4 Bibliotheksarbeit – Zwischen Tradition und Innovation
Dem Einzug der elektronischen Datenverarbeitung war eine internationale Herausforderung,
deren sich Bibliotheken und Bibliothekare in ihrer Arbeit zu stellen hatten, ganz gleich ob in
Deutschland, England, Schweden oder anderswo.
104 Vgl. die Liste schwedischer wissenschaftlicher Bibliotheken bei Doersing2001, S. 55f.
105 Vgl. Callmer1983, S. 198f.
106 Dies ist deshalb bemerkenswert, weil die konventionelle hierarchische Struktur auch für die Wissen-
schaftlichen Bibliotheken in Schweden die Regel war, so bei den UB’s von Uppsala und Lund. Vgl.
Wienholz2002, S. 84
107 Vgl. Doersing, S. 34f.
eine ausgleichende Struktur und Organisation der Kooperationssysteme gefragt, gerade wenn
unterschiedliche Bibliothekstypen im Verbund aufeinandertrafen.
Auch in Schweden wurden in den 70er Jahren, als die Politik sich dem sekundären Bildungssek-
tor zuwandte, eine Reihe kleinerer Hochschulen gegründet, die ihre eigenen Bibliotheken auf-
bauten.104 Der Gefahr der Zersplitterung des wissenschaftlichen Bibliothekswesens Schwedens
wurde jedoch mit der Stärkung der großen Universalbibliotheken in Richtung einschichtiger
Struktur und verbesserter Ausstattung begegnet. Zwei Beispiele: Die Universität Stockholm
begründete mit der Zusammenführung mehrerer Bereichsbibliotheken 1971 eine große Zentral-
bibliothek auf einem Campus. Diese wurde 1977 organisatorisch von der Königlichen Biblio-
thek unabhängig und verschmolz ein Jahr später mit der Bibliothek der Schwedischen Akademie
der Wissenschaften.105 Die UB Linköping, gegründet 1969, zeichnete sich ebenso durch ein
modernes Organisations- und Managementkonzept aus, in Alternative zum traditionellen zwei-
schichtigen System aus und wurde unter dem Namen "Linköpingsmodellen" international be-
kannt.106 Ferner entstand mit dem integrierten Bibliothekssystem LIBRIS ab 1970 unter der
Leitung der königlichen Bibliothek, ein nationales Projekt zur kooperativen Katalogisierung, zur
Bereitstellung eines zentralen Instruments in den Beständen der angeschlossenen Bibliotheken
und zur Abwicklung der Fernleihe. Der Netzwerkbetrieb mit Online-Technologie nahm 1980
seine Arbeit auf.107
4.4 Bibliotheksarbeit – Zwischen Tradition und Innovation
Dem Einzug der elektronischen Datenverarbeitung war eine internationale Herausforderung,
deren sich Bibliotheken und Bibliothekare in ihrer Arbeit zu stellen hatten, ganz gleich ob in
Deutschland, England, Schweden oder anderswo.
104 Vgl. die Liste schwedischer wissenschaftlicher Bibliotheken bei Doersing2001, S. 55f.
105 Vgl. Callmer1983, S. 198f.
106 Dies ist deshalb bemerkenswert, weil die konventionelle hierarchische Struktur auch für die Wissen-
schaftlichen Bibliotheken in Schweden die Regel war, so bei den UB’s von Uppsala und Lund. Vgl.
Wienholz2002, S. 84
107 Vgl. Doersing, S. 34f.
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30
In einem persönlichen Rückblick schildert die britische Bibliothekarin Alison Wilson ihren Ein-
druck des Wandels. Für das Ende der 60er Jahre konstatiert sie noch, dass das Bibliothekswesen
charakterisiert sei durch „garantierte Anstellung für qualifiziertes Personal; langfristige Verträ-
ge, meistens lebenslang; unflexibles Personal, das aber sehr loyal gegenüber der Organisation
war; stark hierarchische Strukturen; konstante Arbeitsinhalte; eine technische Ausstattung, die
auf Schreibmaschinen und Mikrofilmlesegeräte beschränkt war sowie eine externe, garantierte
Finanzierung.108 Sie meint das gesamte Bibliothekswesen, wenn sie davon spricht, dass in der
EDV eine greifbare Chance zur Leistungssteigerung durch Reduzierung von Bürotätigkeiten
gesehen wurde, um die steigenden Anforderungen hinsichtlich Kataloganfragen und Ausleihen
zu bewältigen. Durch die Fokussierung auf Kosteneffektivität und Effizienz im Zuge des politi-
schen und wirtschaftlichen Wandels, kam es jedoch zu einem Zweifel an der Leistungsfähigkeit
von Bibliotheken und zum bis heute andauernden Rechtfertigungsdruck: „Wenn vorher ange-
nommen wurde, daß mehr Geld in Bibliotheken deren Standard verbessern und Benutzungsraten
erhöhen würde, dann führte die neue „Geschäftskultur" der Thatcher-Jahre die Bibliotheken
dazu, ihre Existenz rechtfertigen zu müssen. In den 80ern wurden wissenschaftliche und öffent-
liche Bibliotheken finanziell sehr stark eingeschränkt, und viele spezial libraries mußten schlie-
ßen.“109 Insgesamt stand das englische Bibliothekswesen vor weitreichenden Folgen: Reduzie-
rung des Personals, insbesondere der Professionellen Bibliothekare, Bevorzugung von
Managementstrukturen unter Anleitung von billigen, halbprofessionellen Kräften, der Verlust
von Arbeitnehmerloyalität mit der Folge von Zunahme von Stellenwechseln. Daraufhin entstand
eine Negativspirale: Engagierung externer Berater durch Verlust hausinterner Kenntnisse, be-
fristete Projektarbeit, Outsourcing genuin bibliothekarischer Dienste, Erhebung von Gebühren
für bestimmte Dienstleistungen, Atmosphäre steigenden Wettbewerbs unter starker Akzentuie-
rung des Kundenbedarfs; unter dem Strich ging es damals wie heute um „gutes Management,
die Einführung neuer Technologien, strategisches Planen und Budgetkontrolle.“110 Erst 1993
mit dem Follet Report wurde laut Wilson ein Durchbruch in der Erkenntnis der Bedeutung des
108 Vgl. Wilson, A. (1998). Aktuelle Entwicklungen in britischen Bibliotheken. Bibliotheksdienst (32), Nr.
10, URL: http://bibliotheksdienst.zlb.de/1998/1998_10_Ausland01.pdf [Zuletzt geprüft am
14.02.2010]., S. 1715.
109 Vgl. Wilson1998, S. 1715.
110 Vgl. ebd., S. 1716.
In einem persönlichen Rückblick schildert die britische Bibliothekarin Alison Wilson ihren Ein-
druck des Wandels. Für das Ende der 60er Jahre konstatiert sie noch, dass das Bibliothekswesen
charakterisiert sei durch „garantierte Anstellung für qualifiziertes Personal; langfristige Verträ-
ge, meistens lebenslang; unflexibles Personal, das aber sehr loyal gegenüber der Organisation
war; stark hierarchische Strukturen; konstante Arbeitsinhalte; eine technische Ausstattung, die
auf Schreibmaschinen und Mikrofilmlesegeräte beschränkt war sowie eine externe, garantierte
Finanzierung.108 Sie meint das gesamte Bibliothekswesen, wenn sie davon spricht, dass in der
EDV eine greifbare Chance zur Leistungssteigerung durch Reduzierung von Bürotätigkeiten
gesehen wurde, um die steigenden Anforderungen hinsichtlich Kataloganfragen und Ausleihen
zu bewältigen. Durch die Fokussierung auf Kosteneffektivität und Effizienz im Zuge des politi-
schen und wirtschaftlichen Wandels, kam es jedoch zu einem Zweifel an der Leistungsfähigkeit
von Bibliotheken und zum bis heute andauernden Rechtfertigungsdruck: „Wenn vorher ange-
nommen wurde, daß mehr Geld in Bibliotheken deren Standard verbessern und Benutzungsraten
erhöhen würde, dann führte die neue „Geschäftskultur" der Thatcher-Jahre die Bibliotheken
dazu, ihre Existenz rechtfertigen zu müssen. In den 80ern wurden wissenschaftliche und öffent-
liche Bibliotheken finanziell sehr stark eingeschränkt, und viele spezial libraries mußten schlie-
ßen.“109 Insgesamt stand das englische Bibliothekswesen vor weitreichenden Folgen: Reduzie-
rung des Personals, insbesondere der Professionellen Bibliothekare, Bevorzugung von
Managementstrukturen unter Anleitung von billigen, halbprofessionellen Kräften, der Verlust
von Arbeitnehmerloyalität mit der Folge von Zunahme von Stellenwechseln. Daraufhin entstand
eine Negativspirale: Engagierung externer Berater durch Verlust hausinterner Kenntnisse, be-
fristete Projektarbeit, Outsourcing genuin bibliothekarischer Dienste, Erhebung von Gebühren
für bestimmte Dienstleistungen, Atmosphäre steigenden Wettbewerbs unter starker Akzentuie-
rung des Kundenbedarfs; unter dem Strich ging es damals wie heute um „gutes Management,
die Einführung neuer Technologien, strategisches Planen und Budgetkontrolle.“110 Erst 1993
mit dem Follet Report wurde laut Wilson ein Durchbruch in der Erkenntnis der Bedeutung des
108 Vgl. Wilson, A. (1998). Aktuelle Entwicklungen in britischen Bibliotheken. Bibliotheksdienst (32), Nr.
10, URL: http://bibliotheksdienst.zlb.de/1998/1998_10_Ausland01.pdf [Zuletzt geprüft am
14.02.2010]., S. 1715.
109 Vgl. Wilson1998, S. 1715.
110 Vgl. ebd., S. 1716.
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31
Informationszeitalters erzielt und intensiver in Informationsstrukturen und –angeboten inves-
tiert.111 Auch wenn Wilson hier ein düsteres Bild zeichnet, hinsichtlich internationaler Koopera-
tionen waren englische Bibliotheken führend. 1977 kam der erste Schritt zur Angleichung der
Ausbildungsgänge auf europäischer Ebene vom britischen Projekt MEILLEUR (Mobility of
Employment International for Librarians in Europe. Professional Staff-Exchanges and Se-
condements between Libraries in Western Europe). 1982 kam es außerdem zur Gründung einer
Arbeitsgruppe zur europäischen Zusammenarbeit zwischen Bibliotheken, in dem englische Bib-
liotheken vielfach als Depositbibliotheken für Dokumente der EG fungierten.112
Die skandinavischen, darunter auch die schwedischen, wissenschaftlichen Bibliotheken und
Bibliothekare waren aufgrund der Landesstrukturen Vorreiter im Bereich des EDV-Einsatzes.113
Da diese neben lokalen, auch regionale und nationale Aufgaben wahrzunehmen hatten, lag der
gezielte Einsatz neuer Informationstechniken und enge Kooperation nahe. Es ging darum, trotz
der zentralen Organisation des Bibliothekswesens, die dezentrale Literaturversorgung stets zu
verbessern.114 Dies lief zwar nicht gänzlich ohne Probleme ab, 115 aber vor signifikanten Ein-
schränkungen blieben die schwedischen Bibliotheken bis weit in die 90er Jahre verschont. Es
lässt sich vielmehr eine Intensivierung der bibliothekarischen Arbeit, auch auf internationaler
Ebene, konstatieren. Die 1972 gegründete, inoffizielle Arbeitsgemeinschaft der Nordischen
Länder (NFBS) wurde 1977 von dem Verbund NORDINFO abgelöst und damit unter anderem
die Arbeit an einem gemeinsamen Erwerbungsplan, sowie am Nordischen Gesamtkatalog für
ausländische Periodika vorangetrieben.116
111 Vgl. ebd., S. 1717ff.
112 Vgl. Simon1985, S. 66.
113 Vgl. Wienholz2002, S. 86.
114 Vgl. ebd., S. 84
115 Zum Beispiel gab es vor allem nach der Hochschulreform von 1977, im schwedischen Leihverkehr
(fjärrlån) Ärger und teilweise heftige Debatten dadurch, dass eine geringe Anzahl von Bibliotheken bei
einem Großteil der Fernleihen als Geber fungierte, ohne finanziell dafür entschädigt zu werden. Vgl.
Doersing, S. 39.
116 Vgl. ebd. S. 43f.
Informationszeitalters erzielt und intensiver in Informationsstrukturen und –angeboten inves-
tiert.111 Auch wenn Wilson hier ein düsteres Bild zeichnet, hinsichtlich internationaler Koopera-
tionen waren englische Bibliotheken führend. 1977 kam der erste Schritt zur Angleichung der
Ausbildungsgänge auf europäischer Ebene vom britischen Projekt MEILLEUR (Mobility of
Employment International for Librarians in Europe. Professional Staff-Exchanges and Se-
condements between Libraries in Western Europe). 1982 kam es außerdem zur Gründung einer
Arbeitsgruppe zur europäischen Zusammenarbeit zwischen Bibliotheken, in dem englische Bib-
liotheken vielfach als Depositbibliotheken für Dokumente der EG fungierten.112
Die skandinavischen, darunter auch die schwedischen, wissenschaftlichen Bibliotheken und
Bibliothekare waren aufgrund der Landesstrukturen Vorreiter im Bereich des EDV-Einsatzes.113
Da diese neben lokalen, auch regionale und nationale Aufgaben wahrzunehmen hatten, lag der
gezielte Einsatz neuer Informationstechniken und enge Kooperation nahe. Es ging darum, trotz
der zentralen Organisation des Bibliothekswesens, die dezentrale Literaturversorgung stets zu
verbessern.114 Dies lief zwar nicht gänzlich ohne Probleme ab, 115 aber vor signifikanten Ein-
schränkungen blieben die schwedischen Bibliotheken bis weit in die 90er Jahre verschont. Es
lässt sich vielmehr eine Intensivierung der bibliothekarischen Arbeit, auch auf internationaler
Ebene, konstatieren. Die 1972 gegründete, inoffizielle Arbeitsgemeinschaft der Nordischen
Länder (NFBS) wurde 1977 von dem Verbund NORDINFO abgelöst und damit unter anderem
die Arbeit an einem gemeinsamen Erwerbungsplan, sowie am Nordischen Gesamtkatalog für
ausländische Periodika vorangetrieben.116
111 Vgl. ebd., S. 1717ff.
112 Vgl. Simon1985, S. 66.
113 Vgl. Wienholz2002, S. 86.
114 Vgl. ebd., S. 84
115 Zum Beispiel gab es vor allem nach der Hochschulreform von 1977, im schwedischen Leihverkehr
(fjärrlån) Ärger und teilweise heftige Debatten dadurch, dass eine geringe Anzahl von Bibliotheken bei
einem Großteil der Fernleihen als Geber fungierte, ohne finanziell dafür entschädigt zu werden. Vgl.
Doersing, S. 39.
116 Vgl. ebd. S. 43f.
Page 33
32
5 Schlussbetrachtung
Die Untersuchung hat gezeigt, dass die 70er und 80er Jahre des 20. Jahrhunderts Dekaden des
Wandels für das deutsche, wie für das internationale, wissenschaftliche Bibliothekswesen wa-
ren. Der Bildungsboom, der bereits Mitte der 60er Jahre eingesetzt hatte, bedeutete für die Bib-
liotheken eine grundsätzliche Um- und Aufwertung ihrer Aufgaben. In ihrem Anspruch der
Schaffung von Chancengleichheit durch unbeschränkten, möglichst barrierefreien Zugang zu
Information, wandelten sich die Bibliotheken zu modernen Bildungsdienstleistern zur Erfüllung
der Benutzerwünsche hinsichtlich einer auf diese ausgerichteten Informationsvermittlung. Die-
ser Anspruch kam in einer Reihe von Bibliotheksplänen zum tragen, dessen Realisierung durch
ein gut ausgestattetes, spartenübergreifendes, eng kooperierendes Bibliotheksnetz erreicht wer-
den sollte. Um den neuen Anforderungen, nicht zuletzt vor dem Hintergrund eines stark an-
wachsenden Publikationsaufkommens gerecht zu werden, sahen die Bibliotheksplaner mit dem
Ziel der Rationalisierung und Effektivierung der Bibliotheksverwaltung eine Umstrukturierung
des Hochschulbibliothekswesens, geprägt von der Durchsetzung einer strukturellen Einschich-
tigkeit mit für das jeweilige Hochschulbibliotheksystem gesamtverantwortlichen Zentralbiblio-
theken, vor. Die Einführung elektronischer Datenverarbeitung zur sukzessiven Automatisierung
und Integration der bibliothekarischen Geschäftsgänge (insbesondere Katalogisierung und Aus-
leihe) hatte hier eine Schlüsselrolle inne. Die EDV breitete sich seit den 60er Jahren in mehrfa-
cher Hinsicht aus: quantitativ, (Anzahl der Einrichtungen), funktional (Umfang der Arbeitsbe-
reiche) und qualitativ (Leistungsvermögen der Hard- und Software).117
Dieser gewollte, in der Fachdiskussion intensiv reflektierte Prozess, war aber nicht davon ge-
prägt, die Bibliotheken innerhalb von kürzester Zeit umzuwälzen. Es ist eher von einer allmäh-
lichen Durchdringung der Einrichtungen zu sprechen, da es neben Vorreiterbibliotheken, welche
z.B. Anfang der 70er Jahre in die elektronische Verbundkatalogisierung, auch Bibliotheken gab,
die erst Ende der 80er Jahre oder auch noch später damit begannen, ihre Arbeitsprozesse mit
EDV zu unterstützen. Das ist mit der wirtschaftlichen Krisensituation ab Mitte der 70er, sie
bedeutete das Ende der Bildungsexpansion und eine partielle Ab- und Umkehr von Reformen,
117 Vgl. S.Schmidt, S. 281.
5 Schlussbetrachtung
Die Untersuchung hat gezeigt, dass die 70er und 80er Jahre des 20. Jahrhunderts Dekaden des
Wandels für das deutsche, wie für das internationale, wissenschaftliche Bibliothekswesen wa-
ren. Der Bildungsboom, der bereits Mitte der 60er Jahre eingesetzt hatte, bedeutete für die Bib-
liotheken eine grundsätzliche Um- und Aufwertung ihrer Aufgaben. In ihrem Anspruch der
Schaffung von Chancengleichheit durch unbeschränkten, möglichst barrierefreien Zugang zu
Information, wandelten sich die Bibliotheken zu modernen Bildungsdienstleistern zur Erfüllung
der Benutzerwünsche hinsichtlich einer auf diese ausgerichteten Informationsvermittlung. Die-
ser Anspruch kam in einer Reihe von Bibliotheksplänen zum tragen, dessen Realisierung durch
ein gut ausgestattetes, spartenübergreifendes, eng kooperierendes Bibliotheksnetz erreicht wer-
den sollte. Um den neuen Anforderungen, nicht zuletzt vor dem Hintergrund eines stark an-
wachsenden Publikationsaufkommens gerecht zu werden, sahen die Bibliotheksplaner mit dem
Ziel der Rationalisierung und Effektivierung der Bibliotheksverwaltung eine Umstrukturierung
des Hochschulbibliothekswesens, geprägt von der Durchsetzung einer strukturellen Einschich-
tigkeit mit für das jeweilige Hochschulbibliotheksystem gesamtverantwortlichen Zentralbiblio-
theken, vor. Die Einführung elektronischer Datenverarbeitung zur sukzessiven Automatisierung
und Integration der bibliothekarischen Geschäftsgänge (insbesondere Katalogisierung und Aus-
leihe) hatte hier eine Schlüsselrolle inne. Die EDV breitete sich seit den 60er Jahren in mehrfa-
cher Hinsicht aus: quantitativ, (Anzahl der Einrichtungen), funktional (Umfang der Arbeitsbe-
reiche) und qualitativ (Leistungsvermögen der Hard- und Software).117
Dieser gewollte, in der Fachdiskussion intensiv reflektierte Prozess, war aber nicht davon ge-
prägt, die Bibliotheken innerhalb von kürzester Zeit umzuwälzen. Es ist eher von einer allmäh-
lichen Durchdringung der Einrichtungen zu sprechen, da es neben Vorreiterbibliotheken, welche
z.B. Anfang der 70er Jahre in die elektronische Verbundkatalogisierung, auch Bibliotheken gab,
die erst Ende der 80er Jahre oder auch noch später damit begannen, ihre Arbeitsprozesse mit
EDV zu unterstützen. Das ist mit der wirtschaftlichen Krisensituation ab Mitte der 70er, sie
bedeutete das Ende der Bildungsexpansion und eine partielle Ab- und Umkehr von Reformen,
117 Vgl. S.Schmidt, S. 281.
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zu begründen. Am Bildungssystem wurde sicht- und greifbar, dass das Steuerungsvermögen
staatlicher Politik im Bereich des gesellschaftlichen Wandels geringer war, als zuvor zukunfts-
optimistisch angenommen wurde. Die Politik setzte auf einen neuen Pragmatismus in Erken-
nung der Grenzen des Machbaren. Dies ist auch an der Bibliotheksplanung erkennbar. Das Ziel
eines kooperierenden Bibliotheksnetzes wurde zwar beibehalten, aber weitaus weniger visionär
unter Einbeziehung realistischerer, konkreter Kennzahlen formuliert. Durch die fortschreitende
Verschlechterung der Finanzsituation öffentlicher Haushalte kam es zu Mängeln in der Informa-
tionsversorgung und zwangsläufig zum Umdenken in den Bibliotheken, dass man dem hohen
Anspruch der Schaffung gleicher Bildungschancen nicht gerecht werden kann. Statt Utopien
wurden konkrete betriebswirtschaftliche Themen und Managementmethoden zur Effektivierung
der Bibliothekspraxis immer wichtiger. Der Druck der öffentlichen Unterhaltsträger, sei es nun
Bund, Länder oder städtische wie ländliche Kommunen, welche sich von der Bibliotheksauto-
matisierung zunehmend Kostensenkung v.a. durch Personalabbau versprachen und auch durch-
setzten, nahm zu. Das Konzept der Einschichtigkeit war in der Fachwelt lange umstritten und in
seiner Durchsetzung gehemmt. Die erhofften Vorteile durch die EDV-Nutzung in der Biblio-
theksverwaltung erfüllten sich nur in kleinen Schritten, da sich die Technik selbst erst noch in
der Pionierphase befand.
Dennoch wurde der im Zuge der Bildungsexpansion grundsätzlich eingeschlagene Weg der
Schaffung eines einer nutzerorientierten, kooperativen Bibliothekswesens beibehalten. Mit der
Entwicklung und Durchsetzung des World Wide Webs ab den 90er Jahren, sind die Bibliotheken
mit einer neuen Herausforderung konfrontiert. Die sogenannte Digitale Revolution, deren Mög-
lichkeiten Chancen, Probleme und Konsequenzen für Mensch und Gesellschaft noch immer
nicht vollständig absehbar sind, hält die Bibliotheken bis heute in Atem. Sie müssen sich als
Informationsdienstleister ständig neu positionieren und beweisen. In diesem Sinne schließe ich
mich der Einschätzung des „Siegeszugs“ der EDV von Siegfried Schmidt als eine „Evolution
auf leisen Sohlen“ an, welche in meinen Augen auch für den Wandlungsprozess in den Biblio-
theken allgemein konstatieren kann. Man denke nur über die Informationstechnik hinaus:
„Langsam und mühsam waren die Anfänge, vielfältig die Widerstände und Bedenken. Die
Planungen, Weichenstellungen und Entscheidungen der 70er und 80er Jahre spiegeln so-
zu begründen. Am Bildungssystem wurde sicht- und greifbar, dass das Steuerungsvermögen
staatlicher Politik im Bereich des gesellschaftlichen Wandels geringer war, als zuvor zukunfts-
optimistisch angenommen wurde. Die Politik setzte auf einen neuen Pragmatismus in Erken-
nung der Grenzen des Machbaren. Dies ist auch an der Bibliotheksplanung erkennbar. Das Ziel
eines kooperierenden Bibliotheksnetzes wurde zwar beibehalten, aber weitaus weniger visionär
unter Einbeziehung realistischerer, konkreter Kennzahlen formuliert. Durch die fortschreitende
Verschlechterung der Finanzsituation öffentlicher Haushalte kam es zu Mängeln in der Informa-
tionsversorgung und zwangsläufig zum Umdenken in den Bibliotheken, dass man dem hohen
Anspruch der Schaffung gleicher Bildungschancen nicht gerecht werden kann. Statt Utopien
wurden konkrete betriebswirtschaftliche Themen und Managementmethoden zur Effektivierung
der Bibliothekspraxis immer wichtiger. Der Druck der öffentlichen Unterhaltsträger, sei es nun
Bund, Länder oder städtische wie ländliche Kommunen, welche sich von der Bibliotheksauto-
matisierung zunehmend Kostensenkung v.a. durch Personalabbau versprachen und auch durch-
setzten, nahm zu. Das Konzept der Einschichtigkeit war in der Fachwelt lange umstritten und in
seiner Durchsetzung gehemmt. Die erhofften Vorteile durch die EDV-Nutzung in der Biblio-
theksverwaltung erfüllten sich nur in kleinen Schritten, da sich die Technik selbst erst noch in
der Pionierphase befand.
Dennoch wurde der im Zuge der Bildungsexpansion grundsätzlich eingeschlagene Weg der
Schaffung eines einer nutzerorientierten, kooperativen Bibliothekswesens beibehalten. Mit der
Entwicklung und Durchsetzung des World Wide Webs ab den 90er Jahren, sind die Bibliotheken
mit einer neuen Herausforderung konfrontiert. Die sogenannte Digitale Revolution, deren Mög-
lichkeiten Chancen, Probleme und Konsequenzen für Mensch und Gesellschaft noch immer
nicht vollständig absehbar sind, hält die Bibliotheken bis heute in Atem. Sie müssen sich als
Informationsdienstleister ständig neu positionieren und beweisen. In diesem Sinne schließe ich
mich der Einschätzung des „Siegeszugs“ der EDV von Siegfried Schmidt als eine „Evolution
auf leisen Sohlen“ an, welche in meinen Augen auch für den Wandlungsprozess in den Biblio-
theken allgemein konstatieren kann. Man denke nur über die Informationstechnik hinaus:
„Langsam und mühsam waren die Anfänge, vielfältig die Widerstände und Bedenken. Die
Planungen, Weichenstellungen und Entscheidungen der 70er und 80er Jahre spiegeln so-
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34
wohl das technisch machbare, als auch das gegenüber den Entscheidungsträgern Durch-
setzbare wieder", doch es gibt immer wieder veränderte Rahmenbedingungen und techni-
sche Neuerungen, die Abänderungen und neue Wege notwendig machten.“118
In den 70er und 80er Jahren veränderte sich vor allem der Bibliotheksbetrieb in seinem Ge-
schäftsgang, Organisation und Charakteristik des Arbeitsplatzes. In welchem Umfang sich die
Institution Bibliothek selbst, ihre Rolle in der Wissenschaft, und ihre physische Existenz im
Zuge der fortschreitenden Digitalisierung des (Arbeits-)Lebens wandelt, ist noch ungeklärt.
Dieser Prozess ist noch längst nicht zu Ende
6 Literaturverzeichnis
Altenhöner, R. (2008). Ein neuer Bibliothekstyp entsteht. Die Fachhochschulbibliotheken. In
Vodosek, P. und Arnold, W. (Hrsg.), Auf dem Wege in die Informationsgesellschaft, Wies-
baden: Harrassowitz, S. 167–195.
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Pullach bei München: Verlag Dokumentation.
Arbeitsstelle für das Büchereiwesen (1969). Bibliotheksplan 1969, Berlin: Deutscher Bücherei-
verband e.V.
Beyme, K. von (1979). Die großen Regierungserklärungen der deutschen Bundeskanzler von
Adenauer bis Schmidt, München u.a.: Hanser.
Brophy, P. (2005). The academic library, 2. Auflage, London: Facet Publ.
Bundesvereinigung Deutscher Bibliotheksverbände (1994). Bibliotheken '93. Strukturen - Auf-
gaben - Positionen, 1. Aufl., Berlin: Dt. Bibliotheksinstitut. URL:
http://www.bibliotheksportal.de/fileadmin/0bibliotheken/Bibliothek_der_Zukunft/dokument
e/bibliotheken93.pdf [Zuletzt geprüft am 19.02.2010].
Callmer, C. (1983). Schweden. In Nielsen, T. und Callmer, C. (Hrsg.), Bibliotheken der nordi-
schen Länder in Vergangenheit und Gegenwart, Wiesbaden: Reichert, S. 163–225.
Dahrendorf, R. (1965). Bildung ist Bürgerrecht. Plädoyer für eine aktive Bildungspolitik, Ber-
lin: Nannen.
118 Vgl. ebd.
wohl das technisch machbare, als auch das gegenüber den Entscheidungsträgern Durch-
setzbare wieder", doch es gibt immer wieder veränderte Rahmenbedingungen und techni-
sche Neuerungen, die Abänderungen und neue Wege notwendig machten.“118
In den 70er und 80er Jahren veränderte sich vor allem der Bibliotheksbetrieb in seinem Ge-
schäftsgang, Organisation und Charakteristik des Arbeitsplatzes. In welchem Umfang sich die
Institution Bibliothek selbst, ihre Rolle in der Wissenschaft, und ihre physische Existenz im
Zuge der fortschreitenden Digitalisierung des (Arbeits-)Lebens wandelt, ist noch ungeklärt.
Dieser Prozess ist noch längst nicht zu Ende
6 Literaturverzeichnis
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Glowka, D. und Goetze, D. (Hrsg.), Bildungssysteme in Europa, Weinheim: Beltz, S. 31–56.
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118 Vgl. ebd.
Page 36
35
Deutsche Bibliothekskonferenz (1973). Bibliotheksplan '73. Entwurf eines umfassenden Biblio-
theksnetzes für die Bundesrepublik Deutschland, Berlin: Deutsche Bibliothekskonferenz.
URL:
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Dokumentation (IuD-Programm) 1974-1977 (Eine Kurzfassung). In Herget, J.; Hierl, S. und
Seeger, T. (Hrsg.), Informationspolitik ist machbar?!, Frankfurt am Main: DGI, S. 63–108.
Jarausch, K. (Hrsg.) (2008). Das Ende der Zuversicht? Die siebziger Jahre als Geschichte, Göt-
tingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Jochum, U. (2007). Kleine Bibliotheksgeschichte, Reclams Universal-Bibliothek (Band 17667),
3., verb. und erw. Aufl., Stuttgart: Reclam.
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1849 bis 1973. In Ruppelt, G. (Hrsg.), Bibliothekspolitik in Ost und West, Frankfurt a.M.:
Klostermann, S. 5–32.
Mittler, E. (2008). Bibliotheksplan Baden-Württemberg. Ziele und Ergebnisse. In Vodosek, P.
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burg i. Br.: Walter.
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Page 37
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Harrassowitz, S. 257–284.
Simon, E. (1985). Bibliothekswesen in England. Eine Einführung, München: Saur.
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wandels in West und Ost? In Jarausch, K. (Hrsg.), Das Ende der Zuversicht?, Göttingen:
Vandenhoeck & Ruprecht, S. 29–48.
Teichler, U. (2005). Hochschulstrukturen im Umbruch. Eine Bilanz der Reformdynamik seit vier
Jahrzehnten, Frankfurt: Campus-Verl.
Umlauf, K. (2008). Bibliotheksplan 1969 und Bibliotheksplan 1973. Anspruch und Realisie-
rung. In Vodosek, P. und Arnold, W. (Hrsg.), Auf dem Wege in die Informationsgesellschaft,
Wiesbaden: Harrassowitz, S. 27–80.
Wang, J. (1990). Das Strukturkonzept einschichtiger Bibliothekssysteme. Idee und Entwicklung
neuerer wissenschaftlicher Hochschulbibliotheken in der Bundesrepublik Deutschland, Bei-
träge zur Bibliothekstheorie und Bibliotheksgeschichte (Band 4), München: Saur.
Wienholz, H. (2002). Umea oder die Exotik des Nordens. Ein Blick auf das wissenschaftliche
Bibliothekswesen in Schweden. BuB (54), Nr. 2, S. 82–86.
Wilson, A. (1998). Aktuelle Entwicklungen in britischen Bibliotheken. Bibliotheksdienst (32),
Nr. 10, S. 1714–1720. URL: http://bibliotheksdienst.zlb.de/1998/1998_10_Ausland01.pdf
[Zuletzt geprüft am 14.02.2010].
Wissenschaftsrat (1964). Empfehlungen des Wissenschaftsrates zum Ausbau der wissenschaftli-
chen Einrichtungen. Wissenschaftliche Bibliotheken (Band 2), Tübingen: Mohr.
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chen Einrichtungen. Wissenschaftliche Bibliotheken (Band 2), Tübingen: Mohr.
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