Die heimliche Medienrevolution – Wie Weblogs, Wikis und freie Software die Welt verändern
- ISBN: 393693116X
Abstract
Wenn Sie in 20 Jahren dieses Buch aufschlagen, etwa im Jahr 2025, leben Sie hoffentlich in einer Welt, in der die sozialen Ungerechtigkeiten, Kriege und Menschenrechtsverletzungen des frühen 21. Jahrhunderts weitgehend verblasst sind. In einer Welt, in der alle Menschen Zugang zu einem globalen Kommunikationsnetz haben, in dem Informationen aller Art ohne Einschränkung verändert, verbessert und verteilt werden dürfen. In einer Welt, in der jeder Mensch nicht nur Konsument, sondern auch Produzent von Wissen, Kunst und Kultur ist. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Informations- und Kommunikationsplattform Internet diese Welt möglich macht. Doch ich bin ebenso sicher, dass die alten Eliten alles tun werden, um zu verhindern, dass es dazu kommt. Ich habe dieses Buch geschrieben, um Möglichkeiten aufzuzeigen, sich direkt am Aufbau einer neuen, realdemokratischen Mediengesellschaft zu beteiligen auch auf die Gefahr hin, die Heimlichkeit der Medienrevolution damit ein wenig zu reduzieren. Muss diese Welt denn überhaupt verbessert werden, oder ist das nicht die Domäne von Ideologen und Fundamentalisten? Seit 1945 gab es keinen Weltkrieg mehr, wenn man den Krieg gegen den Terrorismus nicht als solchen auslegt. Das hat sicher damit zu tun, dass ein solcher Krieg das Ende unserer Zivilisation bedeutet hätte. Haben wir wirklich aus der Geschichte gelernt, oder hat nur ein primitiver Überlebensinstinkt uns vor der Selbstauslöschung bewahrt? Etwas über zehn Jahre vor der Veröffentlichung dieses Buches sah die Weltgemeinschaft tatenlos zu, als im afrikanischen Ruanda über 800.000 Männer, Frauen und Kinder auf brutale Weise abgeschlachtet wurden der schlimmste Genozid seit dem Holocaust. Die UNO-Schutztruppen vor Ort griffen nicht ein, obwohl das UNO-Büro in New York und die westlichen Regierungen bereits im Vorfeld informiert waren. Kofi Annan, damals Leiter der UNO Friedensmissionen und somit einer der Hauptverantwortlichen für die Untätigkeit der UNO, erhielt später den Friedensnobelpreis. Nein, diese Welt hat aus Auschwitz nichts gelernt. Die Kriege und Konflikte auf dem afrikanischen Kontinent sind ein krasses Beispiel für das Versagen von Politik und Medien. Während sich von Unternehmen finanzierte Söldnertruppen die Klinke in die Hand geben, berichten linke wie rechte Massenmedien nur durch einen Schleier von Desinformationen über die tatsächlichen Ereignisse vor Ort und hinterlassen beim westlichen Leser und Zuschauer allenfalls ein diffuses Bild von ethnischen Konflikten. Selbst die grundlegendsten Fakten werden nicht transportiert: Welche ehemaligen Kolonialmächte verfolgen strategische Interessen in diesem Land? Welche Ressourcen gibt es? Welche Unternehmen profitieren von deren Ausbeutung? Woher kommen Waffen, Öl und Transportmittel, mit denen der Krieg geführt wird? Das Versagen der Medien beschränkt sich nicht auf ferne Länder. Linke wie rechte Medien in Deutschland fordern von der Politik seit Jahren begeistert Reformen ein, bei denen es sich um nichts anderes als tiefgreifende soziale Einschnitte im Interesse der Arbeitgeber handelt. Das progressive Steuersystem wird diffamiert, Großkonzerne und Vermögende entgehen mit Rückendeckung der Medien der Steuerpflicht, und jegliche Versuche, das zu ändern, werden als sozialistische Umverteilung diskreditiert. Allein das Problem massiver Spekulationsgewinne aus Devisengeschäften, die für unsere Wirtschaft von keinerlei Nutzen sind, wird außerhalb linker Gruppierungen kaum thematisiert. Alternative Medien wie konkret oder junge Welt sind meist so ideologisch gefärbt und setzen so viel Vorwissen voraus, dass sie von der Allgemeinheit nicht wahrgenommen werden. Viele Aspekte unserer Gesellschaft bedürfen zumindest einer evolutionären Verbesserung. Doch ein Silvio Berlusconi wird sein Medienimperium sicherlich nicht dafür einsetzen, die emotionale Aufmerksamkeit der Bevölkerung auf Gesellschaftszustände zu lenken, für die er selbst direkt verantwortlich ist. Alle klassischen Medien, gleich ob privat oder öffentlich, sind Machtinstrumente und werden auch als solche eingesetzt. Die extrem hohe Medienkonzentration insbesondere im Fernsehmarkt tut ihr Übriges. Das Internet als scheinbar absolut freies, anarchistisches und offenes Medium hat nicht gleich die Weltrevolution ausgelöst. Die meisten Nutzer greifen über Software, die von einem einzigen Konzern Microsoft kontrolliert wird, auf die neue Medienwelt zu und geben somit ein Stück Freiheit schon an der Eingangstür ab. Die Macht der bewegten Bilder, mit denen Propaganda- Profis im Reptiliengehirn Klavier spielen können, bleibt auch heute noch weitgehend dem Fernsehen vorbehalten. Darüber hinaus fehlt Hunderttausenden von Websites etwas, was selbst die kleinste Lokalzeitung besitzt: Glaubwürdigkeit. Und wenn all diese Probleme gelöst sind, bleibt immer noch die entscheidende Frage, wie der typische Internetnutzer unter Hunderttausenden genau die Websites finden soll, die sowohl emotional ansprechend als auch qualitativ hochwertig sind. Statt sich überhaupt die Mühe zu machen, geben viele Nutzer also die Adressen ein, die sie bereits aus der traditionellen Medienwelt kennen: spiegel.de, n-tv.de, cnn.com. Als Massenmedium ist das Internet keine zehn Jahre alt, und seine fundamentale Struktur ist mehr durch Software als durch Hardware bestimmt. Darum geht es in diesem Buch. Das erste Kapitel soll einen kurzen Überblick über die Geschichte und Machtfunktion klassischer Medien geben. In der Darstellung der Geschichte des Internet beschränke ich mich der zentralen Thematik entsprechend weitgehend auf die dadurch ermöglichten Medien-Applikationen, darunter das dezentrale Diskussionsnetz Usenet, das bereits sehr früh aufzeigte, dass das Internet auch als Broadcasting-Medium geeignet ist. Das zweite Kapitel handelt davon, wie Software-Entwickler auf der ganzen Welt echte Alternativen zur Microsoft-Monokultur schaffen: freie Software, die von jedem verwendet, verändert und verbreitet werden kann und damit eine unverzichtbare Grundlage für wirklich freie Medien bildet. In Rechensystemen bestimmt der Programmcode, was möglich ist und was nicht deshalb muss die Kontrolle über den Code in den Händen der Nutzer liegen. Dabei wird deutlich, dass die Werkzeuge, die bei der Entwicklung freier Software zum Einsatz kommen, in anderer Form für die gemeinsame Erstellung freier Inhalte aller Art von großer Bedeutung sind. Eine weitere Vorhut der Medienrevolution ist die so genannte Blogosphäre (Kapitel 3), eine mehr oder weniger zusammenhängende Sammlung von Online-Postillen, die überwiegend von einzelnen Privatpersonen betrieben werden. Beispiele für echten Online-Journalismus sind verglichen mit reinen Meinungspublikationen noch rar, doch es gibt sie. Auch besonders innovative Weblogs, die von Gruppen betreut werden und jedem Besucher die Einsendung neuer Artikel gestatten, werden vorgestellt. Zum Abschluss folgt eine Kurzanleitung zur Installation eines solchen kollaborativen Weblog-Systems, Drupal. Im letzten Kapitel geht es um die vielleicht größte Erfolgsgeschichte freier Inhalte außerhalb der Software-Entwicklung, die Enzyklopädie Wikipedia. Wikis sind offene Websites, die jeder Besucher bearbeiten kann. In weniger als vier Jahren hat die Wikipedia-Gemeinde mehr als eine Million Artikel in über 100 Sprachen geschrieben und damit alle existierenden Enzyklopädien übertrumpft. Obwohl neue Mechanismen zur Qualitätskontrolle sich noch in der Erprobungsphase befinden, sind auch erste qualitative Beurteilungen durch Fachwissenschaftler positiv ausgefallen. Das Potenzial der Wiki-Idee ist noch lange nicht ausgereizt. Deshalb gibt dieses Kapitel einige Anregungen, wie das Erfolgsgeheimnis von Wikipedia in andere Bereiche übertragen und die Software weiter verbessert werden kann. Ein Beispiel dafür ist die von mir initiierte Wikinews-Idee, die den Versuch darstellt, ein weltweites Netz von Wiki-Reportern zu schaffen. Schließlich versuche ich, weitere Schlüsseltechnologien für die Fortsetzung der Medienrevolution zu identifizieren. Diese Revolution kommt ohne Guillotine aus. Stattdessen fördert das Netz die Bildung einer sehr heterogenen Informations-Elite und die politische Teilnahme der Allgemeinheit. Je freier Medien sind, desto mehr Transparenz gibt es, und desto mehr Demokratie ist möglich. Deshalb erlaubt das Internet langfristig die Bildung völlig neuer demokratischer Strukturen, und es liegt an uns sicherzustellen, dass der Übergang vom Alten ins Neue friedlich erfolgt: heimlich, über Nacht. Teilweise ist das bereits geschehen. Während Sie diese Zeilen lesen, schreibt ein Student in Hongkong einer Professorin in Amerika eine E-Mail und bittet sie um Hilfe bei der Fertigstellung einer Programmierübung. Eine Schwiegermutter in Irland berichtet in ihrem Weblog von einem Restaurantbesuch. Ein Teenager aus Melbourne wartet in einer virtuellen Welt darauf, mit einer MG auf einen Mitspieler aus Neu-Delhi zu schießen. Ein Mediziner aus Großbritannien beschreibt die Symptome einer Krankheit in der Wikipedia-Enzyklopädie. Ein Oberstudienrat aus Süddeutschland lädt sich Bilder von gefesselten Frauen herunter. Und ein in Michigan lebender Exil-Iraner prangert die Menschenrechtsverletzungen der Mullahs auf seiner persönlichen Homepage an. Handys mit Megapixel-Kameras und schnellem Netzzugang, faltbare Displays, Brillen mit Netzhautprojektoren, tragbare Superspeicher, all diese Technologien und viele mehr werden die Vernetzung weiter intensivieren und die Inhalte emotionalisieren. Wir stehen erst am Beginn der größten und umfassendsten kulturellen Veränderungen, die es auf diesem Planeten je gegeben hat. Ein positiver Ausgang ist alles andere als gewiss. Um ihn herbeizuführen, müssen wir schon heute die bestmöglichen Informationen zusammentragen und zur Grundlage unseres Handelns machen. Dieses Buch ist ein bescheidener Beitrag zu einem Unterfangen, das die Geschicke unserer Zivilisation bestimmen wird.
Die heimliche Medienrevolution – Wie Weblogs, Wikis und freie Software die Welt verändern
Jahrtausenden gelungen ist, noch effizientere Mittel zur Speicherung und zum
Transport von Memen zu entwickeln.
Bereits die ersten Höhlenmalereien, die über 32.000 Jahre alt sind,4 stellten
ein Kommunikationsmedium dar. Wie die Schaukämpfe unter Tieren – vom
Mistkäfer bis zum Walross – als Katalysator der natürlichen Selektion und als
Vorbereitung auf reale Situationen dienen, konnte sich der Jäger im Angesicht
des Abbildes der Kreatur auf den Kampf vorbereiten.
Doch hier ist es erstmals eine Abstraktion, die an die Stelle der Konfronta-
tion tritt. So konnten den Wesen und Dingen der Natur aber auch Eigenschaf-
ten zugeschrieben werden, die sie in der Realität gar nicht besaßen. Selbst
wenn diese Malereien rein religiöser oder künstlerischer Natur waren, so
waren sie ein Weg, mit den anderen Mitgliedern des Stammes zu kommunizie-
ren. Der Künstler besaß bereits Macht, aber es ist zweifelhaft, ob er auch in
der Lage war, sie zu nutzen. Die größte Schwäche der bildhaften Kommunika-
tion ist ihre Mehrdeutigkeit. Schließlich können wir über die Bedeutung von
Höhlenmalereien nur spekulieren, während ein einziges Dokument – der Stein
von Rosetta – die Entschlüsselung der wichtigsten Hieroglyphen ermöglichte.
Die Entwicklung vom Bild zur Schrift ist in der Tat eine wunderbar gradu-
elle. Die um 3500 vor unserer Zeitrechnung entwickelte Keilschrift gab
zunächst nur Bilder wieder. Es war die zunehmende Abstraktion, die der
Schrift mehr Bedeutung und damit auch mehr Macht verlieh. So begannen die
Könige spätestens um 2000 v. u. Z. damit, ihre Gesetze auf Stelen einzumei-
ßeln und somit zumindest den lesekundingen Mitgliedern ihres Volkes
bekannt zu machen. Das bekannteste Beispiel dafür ist der Codex Ham-
murapi, der ein deutliches Bild von einem recht drakonischen Regime mit
einer Adelshierarchie zeichnet. Bezeichnend sei der letzte von 282 Absätzen
zitiert: »Wenn ein Sklave zu seinem Herrn sagt, ›Du bist nicht mehr mein
Herr‹, und er dessen überführt wird, soll sein Ohr abgeschnitten werden.«5
Natürlich war es nicht die Schrift, die Hammurapi und seinesgleichen die
Macht verliehen hatte. Macht in einer sozialen Gruppe gibt es bei allen höhe-
ren Primaten, und die Mechanismen zu ihrer Erlangung haben sich beim Men-
schen zunächst nur unwesentlich verändert. Die Schrift und die Sprache erlau-
ben es jedoch in Kombination, diese Macht über weitaus größere Gruppen
auszuüben. Nur die Schrift ermöglichte das Funktionieren der Stadt und des
Staates als soziale und ökonomische Einheit inklusive eines Militärapparats
und stellte sicher, dass diese Prinzipien auch von einer Generation zur nächs-
ten weitergegeben werden konnten. So erstreckte sich die Macht der Schrift
nicht nur auf die Subjekte des jeweiligen Königs, sondern auch auf deren Kin-
der und Kindeskinder.
4) http://news.bbc.co.uk/2/hi/science/nature/1000653.stm
5) Übersetzung von L. W. King, http://www.sacred-texts.com/ane/ham/ham07.htm
tory Flow keine freie Software. Ein interessantes Ergebnis des Forschungspro-
jekts betrifft jedoch Vandalismus auf Wikipedia. Wenn auf der X-Achse die
Zeit eingetragen wird, verschwindet Vandalismus bei großen Artikeln prak-
tisch vollständig aus dem Diagramm! Die Forscher ziehen den Schluss: »Wir
haben festgestellt, dass Vandalismus gewöhnlich extrem schnell repariert wird
– so schnell, dass die meisten Nutzer die Auswirkungen nie sehen werden.«14
Problematischer sind falsche Informationen. Ein Blogger fügte etwa als
Experiment einige subtil falsche Daten in Wikipedia-Artikel ein, die auch nach
einer Woche noch vorhanden waren.15 Dieses Problem hat in der Blogosphäre
zu großen Debatten darüber geführt, ob Wikipedia als Enzyklopädie zitierfä-
hig ist. Innerhalb der Gemeinde ist man sich des Problems bewusst und disku-
tiert seit geraumer Zeit über verschiedene Peer-Review-Methoden (s.u.).
Ein Dauerthema ist auch die Neutralität von Artikeln. Wie wird verhin-
dert, dass Nutzer schlicht Propaganda einspeisen? Dafür gibt es auf allen
Wikipedias die Regel des neutralen Standpunkts (»neutral point of view«,
NPOV). Aussagen, die nicht allgemein anerkannt sind, müssen ihren Trägern
zugeordnet werden, etwa: »In der Katholischen Kirche des Mittelalters wurde
die Abtreibung eines lebendigen Fötus als Mord verstanden.«
In der Praxis wird natürlich heftig darüber gestritten, was »allgemein aner-
kannt« ist, und welche Standpunkte an welcher Stelle, wenn überhaupt,
erwähnt werden sollen. Anhänger der verschiedensten Sekten bemühen sich
beispielsweise regelmäßig darum, jede Kritik zu löschen oder ins Abseits zu
verbannen. Umgekehrt versuchen etwa Kreationisten, also Menschen, die
Darwins Evolutionstheorie ablehnen, ihre religiöse Sicht in Artikel aus der
Biologie zu integrieren. Besonders schwierig sind Figuren wie Uri Geller, die
von praktisch allen Wissenschaftlern als Scharlatane erkannt werden, aber
eine große Anhängerschaft haben. Letztlich spiegelt der aktuelle Stand vieler
Wikipedia-Artikel auch den Aufklärungsstand unserer Gesellschaft wieder,
was natürlich für jede Enzyklopädie gilt.
Insgesamt gab es im Herbst 2004 auf der englischen Wikipedia 300 Arti-
kel, die mit einem Neutralitäts-Vermerk versehen waren (»Die Neutralität die-
ses Artikels ist umstritten«). Das ist weniger als ein Tausendstel aller Artikel,
darunter aber auch sehr viele bedeutende Themen wie der Nahost-Konflikt,
der Kosovo-Krieg oder Genozid.
Wenn zwei Benutzer sich streiten, kommt es oft zu »Edit-Kriegen«, bei
denen sie jeweils nacheinander ihre bevorzugte Version einspeisen, in der
Hoffnung, dass der andere Benutzer aufgibt. Dieses Verhalten wird allgemein
als asozial abgelehnt, und in einigen Wikipedias gibt es bereits Regeln, die es
verbieten. Stattdessen müssen die Benutzer die Diskussionsseite verwenden.
14) http://researchweb.watson.ibm.com/history/results.htm
15) http://www.frozennorth.org/C2011481421/E652809545/
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