Die Psychologie im 21. Jahrhundert
Psychologische Rundschau (2011)
- ISSN: 00333042
- DOI: 10.1026/0033-3042/a000059
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Die Psychologie im 21. Jahrhundert
1Lage der Psychologie 2010
Die Psychologie im 21. Jahrhundert
Die Wissenschaft vom Erleben und Verhalten
des Menschen, die deshalb auch eine Wissenschaft
des Systemischen ist
Ursula M. Staudinger
Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie, 32 (4), 307–314,
Psychologi che Rundschau, 62 (1), 1–9 © Hogrefe Verlag Göttingen 201
DOI: 10.1026/0033-3042/a000059
Sonderdruck aus:
Es ist eine gute und kluge Tradition in unserer Fachgesell-
schaft, dass wir uns alle zwei Jahre den Spiegel vorhalten
und uns darüber Rechenschaft ablegen, wo unser Fach,
wo unsere Wissenschaft steht. Gerne greife ich diese Tra-
dition auf und nehme im Folgenden zu 8 Bereichen Stel-
lung. Ich beginne mit einer Reflexion über die Selbst- und
Fremdwahrnehmung der Psychologie, beschäftige mich
dann mit der Entwicklung unseres Faches an Universitä-
ten und Hochschulen, es folgen Informationen zur Ent-
wicklung der Lehre nach Bologna, Überblicke über die
DFG-Drittmittelförderung, die Internationalität der psy-
chologischen Forschung in Deutschland, die Psycholo-
gie im Arbeitsmarkt, berufsständische Erwägungen und
schließlich die Rolle der DGPs für die Entwicklung des
Fachs schließen die Reihe ab.
1. Reflexion über die Selbst- und
Fremdwahrnehmung unseres
Faches
Ich beginne mit einigen Fragen. Vielleicht haben Sie Lust
diese für sich selbst zu beantworten: Nennen Sie sich
selbst Psychologin oder Psychologe, wenn Sie nach Ih-
rem Fach gefragt werden, oder vielleicht doch lieber
Entscheidungsforscherin, Kognitionsforscher, Altersfor-
scherin etc. Meinen Sie eine Physikerin würde einen Mo-
ment zögern, sich auch als solche zu bezeichnen?
Ist es nicht interessant, dass wir nicht selten selbst
davor zurückschrecken uns mit unserer Disziplin, der Psy-
chologie, zu identifizieren. Die Gründe sind sicher vielfäl-
tig, aber eine Ursache dafür könnte in der von uns erlebten
Fremdwahrnehmung der Psychologie liegen: Es ist dies
eine Wahrnehmung, die die Psychologie immer noch oft
auf eines ihrer wichtigen Teilgebiete, nämlich die Klini-
sche Psychologie reduziert und eine Wahrnehmung, die
im Zentrum der Psychologie die Heilung von psychischen
Krankheiten sieht oder vielleicht noch gepaart mit der
Angst vor der diagnostischen Kompetenz der Psycholo-
gen. Vielleicht zögern wir auch uns mit unserem Fach zu
identifizieren, weil wir als wissenschaftlich arbeitende Psy-
chologinnen und Psychologen den Eindruck haben, dass
die Bezeichnung Psychologin oder Psychologe der Wis-
senschaftlichkeit unserer Arbeit nicht adäquaten Aus-
druck verleiht?
Diese Erwägungen kann man weiter führen, indem man
sich genauer dafür interessiert, was denn der Gegenstand
unserer Wissenschaft ist: Wir sind eine Wissenschaft
vom Erleben und Verhalten des Individuums, so ist es in
der Geschichtsschreibung unserer Disziplin nachzulesen
und so steht es in allen einführenden Lehrbüchern zur
Psychologie. Die wissenschaftlichen Befunde der Psy-
chologie haben aber immer mehr darauf verwiesen, dass
diese Beschreibung wohl zu kurz greift und wir vielmehr
eine Wissenschaft vom Individuum als abhängigem als
auch gestaltendem Teil eines größeren Systems sind.
Das Individuum kann in seinem Erleben und Verhalten
nur dann erklärt und (vielleicht sogar) vorhergesagt wer-
den, wenn wir die Interdependenzen nach oben und nach
unten in den Blick nehmen. Was meine ich damit? Ich mei-
ne, dass wir die Wechselwirkungen mit der biologischen
Ebene auf der einen und der kontextuellen Einbettung
(sei sie nun materieller, ideeller oder sozialer Art) auf der
anderen Seite untersuchen. Wir haben von der molekula-
ren Biologie gelernt, dass die Entschlüsselung des Ge-
noms zwar ein wichtiger Schritt aber keineswegs wie
vielleicht einmal gedacht, der Auffindung des heiligen
Grals des Menschseins gleich kommt. Genetische Infor-
mation wird nicht automatisch 1:1 umgesetzt, sondern die
genetische Expression ist abhängig von kontextuellen
Faktoren, die das Individuum herstellt oder denen es aus-
gesetzt ist.
Interessanterweise hat diese revolutionäre Entde-
ckung nicht etwa dazu geführt, dass damit das Verständ-
nis von der Bedeutung der Psychologie für die Aufklä-
rung der Wechselwirkung zwischen biologischer Basis
und Kontext gewachsen wäre, vielmehr steht schon im
für diesen Sachverhalt gewählten Begriff der „Epigenetik“
nach wie vor die Genetik im Vordergrund, obwohl ihre
„Bedeutung“ durch die neueren Befunde der Moleku-
larbiologie eindeutig eingeschränkt wird. Dies ist ein in-
teressantes wissenschaftspsychologisches und wissen-
schaftssoziologisches Phänomen. In der Kommission
„Psychologie und Gesellschaft“ haben wir angefangen
uns in den letzten zwei Jahren darüber Gedanken zu ma-
chen und auf dem DGPs-Kongress in Bremen gab es eine
Reihe interessanter Symposia zu dieser Thematik.
Lassen Sie mich die Selbst- und Fremdreflexion noch
etwas weiter treiben: Die Psychologie ist eine Wissen-
Die Psychologie im 21. Jahrhundert
Die Wissenschaft vom Erleben und Verhalten
des Menschen, die deshalb auch eine Wissenschaft
des Systemischen ist
Ursula M. Staudinger
Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie, 32 (4), 307–314,
Psychologi che Rundschau, 62 (1), 1–9 © Hogrefe Verlag Göttingen 201
DOI: 10.1026/0033-3042/a000059
Sonderdruck aus:
Es ist eine gute und kluge Tradition in unserer Fachgesell-
schaft, dass wir uns alle zwei Jahre den Spiegel vorhalten
und uns darüber Rechenschaft ablegen, wo unser Fach,
wo unsere Wissenschaft steht. Gerne greife ich diese Tra-
dition auf und nehme im Folgenden zu 8 Bereichen Stel-
lung. Ich beginne mit einer Reflexion über die Selbst- und
Fremdwahrnehmung der Psychologie, beschäftige mich
dann mit der Entwicklung unseres Faches an Universitä-
ten und Hochschulen, es folgen Informationen zur Ent-
wicklung der Lehre nach Bologna, Überblicke über die
DFG-Drittmittelförderung, die Internationalität der psy-
chologischen Forschung in Deutschland, die Psycholo-
gie im Arbeitsmarkt, berufsständische Erwägungen und
schließlich die Rolle der DGPs für die Entwicklung des
Fachs schließen die Reihe ab.
1. Reflexion über die Selbst- und
Fremdwahrnehmung unseres
Faches
Ich beginne mit einigen Fragen. Vielleicht haben Sie Lust
diese für sich selbst zu beantworten: Nennen Sie sich
selbst Psychologin oder Psychologe, wenn Sie nach Ih-
rem Fach gefragt werden, oder vielleicht doch lieber
Entscheidungsforscherin, Kognitionsforscher, Altersfor-
scherin etc. Meinen Sie eine Physikerin würde einen Mo-
ment zögern, sich auch als solche zu bezeichnen?
Ist es nicht interessant, dass wir nicht selten selbst
davor zurückschrecken uns mit unserer Disziplin, der Psy-
chologie, zu identifizieren. Die Gründe sind sicher vielfäl-
tig, aber eine Ursache dafür könnte in der von uns erlebten
Fremdwahrnehmung der Psychologie liegen: Es ist dies
eine Wahrnehmung, die die Psychologie immer noch oft
auf eines ihrer wichtigen Teilgebiete, nämlich die Klini-
sche Psychologie reduziert und eine Wahrnehmung, die
im Zentrum der Psychologie die Heilung von psychischen
Krankheiten sieht oder vielleicht noch gepaart mit der
Angst vor der diagnostischen Kompetenz der Psycholo-
gen. Vielleicht zögern wir auch uns mit unserem Fach zu
identifizieren, weil wir als wissenschaftlich arbeitende Psy-
chologinnen und Psychologen den Eindruck haben, dass
die Bezeichnung Psychologin oder Psychologe der Wis-
senschaftlichkeit unserer Arbeit nicht adäquaten Aus-
druck verleiht?
Diese Erwägungen kann man weiter führen, indem man
sich genauer dafür interessiert, was denn der Gegenstand
unserer Wissenschaft ist: Wir sind eine Wissenschaft
vom Erleben und Verhalten des Individuums, so ist es in
der Geschichtsschreibung unserer Disziplin nachzulesen
und so steht es in allen einführenden Lehrbüchern zur
Psychologie. Die wissenschaftlichen Befunde der Psy-
chologie haben aber immer mehr darauf verwiesen, dass
diese Beschreibung wohl zu kurz greift und wir vielmehr
eine Wissenschaft vom Individuum als abhängigem als
auch gestaltendem Teil eines größeren Systems sind.
Das Individuum kann in seinem Erleben und Verhalten
nur dann erklärt und (vielleicht sogar) vorhergesagt wer-
den, wenn wir die Interdependenzen nach oben und nach
unten in den Blick nehmen. Was meine ich damit? Ich mei-
ne, dass wir die Wechselwirkungen mit der biologischen
Ebene auf der einen und der kontextuellen Einbettung
(sei sie nun materieller, ideeller oder sozialer Art) auf der
anderen Seite untersuchen. Wir haben von der molekula-
ren Biologie gelernt, dass die Entschlüsselung des Ge-
noms zwar ein wichtiger Schritt aber keineswegs wie
vielleicht einmal gedacht, der Auffindung des heiligen
Grals des Menschseins gleich kommt. Genetische Infor-
mation wird nicht automatisch 1:1 umgesetzt, sondern die
genetische Expression ist abhängig von kontextuellen
Faktoren, die das Individuum herstellt oder denen es aus-
gesetzt ist.
Interessanterweise hat diese revolutionäre Entde-
ckung nicht etwa dazu geführt, dass damit das Verständ-
nis von der Bedeutung der Psychologie für die Aufklä-
rung der Wechselwirkung zwischen biologischer Basis
und Kontext gewachsen wäre, vielmehr steht schon im
für diesen Sachverhalt gewählten Begriff der „Epigenetik“
nach wie vor die Genetik im Vordergrund, obwohl ihre
„Bedeutung“ durch die neueren Befunde der Moleku-
larbiologie eindeutig eingeschränkt wird. Dies ist ein in-
teressantes wissenschaftspsychologisches und wissen-
schaftssoziologisches Phänomen. In der Kommission
„Psychologie und Gesellschaft“ haben wir angefangen
uns in den letzten zwei Jahren darüber Gedanken zu ma-
chen und auf dem DGPs-Kongress in Bremen gab es eine
Reihe interessanter Symposia zu dieser Thematik.
Lassen Sie mich die Selbst- und Fremdreflexion noch
etwas weiter treiben: Die Psychologie ist eine Wissen-
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2 Ursula M. Staudinger
schaft vom Unsichtbaren also den Gedanken, dem Wis-
sen, den Gefühlen aber genauso eine Wissenschaft des
Sichtbaren, also dem Verhalten und Handeln. Von den
mentalen Ereignissen hat bekanntlich Kant behauptet,
dass sie sich der Messbarkeit entziehen, da ihnen die
räumliche Dimension fehlt. Und hat dadurch, so behaup-
ten nicht wenige, die Begründung der modernen Psycho-
logie befördert. Herbart entwarf daraufhin ein Programm
für die Messbarkeit von Empfindungen oder Sinnesein-
drücken, die Fechner dann nur ein halbes Jahrhundert spä-
ter auch empirisch umsetzte und damit die Psychophysik
begründete. Übrigens lassen sich die Zeugnisse dieser
frühen Zeit unserer Wissenschaft wunderbar betrachten
in dem weltweit einzigen Zentrum für die Geschichte der
Psychologie an der Universität Würzburg.
Trotz dieser Leistung – „Kant zu falsifizieren“ – und
der weiteren Entwicklung der Psychometrie drängt das
Unsichtbare, es sei denn die Sichtbarmachung gelingt im
wahrsten Sinne des Wortes, in der Fremdwahrnehmung
unsere Disziplin immer noch in den Bereich des Unwissen-
schaftlichen. Noch schwieriger oder gar suspekter sind
wohl Zustände, die nicht einmal von den Betroffenen auf
Befragen berichtet werden können. Dennoch zeigen zahl-
lose psychologische Experimente wie effektvoll gerade
solche unbewussten Zustände sind.
Es ist interessant, dass die Wissenschaft, die Unsicht-
bares im wahrsten Sinne des Wortes sichtbar macht, wie
zum Beispiel die Neurowissenschaft mit den bildgeben-
den Verfahren auf eine völlig andere Fremdrezeption stößt.
Es wird den abgebildeten neurophysiologischen Phäno-
menen, vor allem in der Fremdwahrnehmung, in teilweise
naiver Manier, dann sogleich kausale Kraft zugesprochen.
Ich will hier keine Neuroschelte betreiben, ganz im Gegen-
teil die Neuropsychologie eröffnet uns neue Erklärungs-
ebenen, und das Sonderheft der Psychologischen Rund-
schau zum Kongress 2010 enthält eine Reihe von interes-
santen Artikeln genau zu diesem Thema (Psychologische
Rundschau, 2010, 61, 4), sondern es geht mir darum auf
ein interessantes Phänomen zu verweisen: unser Fach, die
Psychologie, kann genau diese Rezeptionsphänomene
von wissenschaftlichen Befunden sehr gut wiederum
durch psychologische Theorien erklären.
Neben der Sichtbarmachung scheint für die Fremdre-
zeption von Wissenschaft nicht selten die Einfachheit der
Theorien eine wichtige Rolle zu spielen. Dies können wir
von der Bedeutung die ökonomische Theorien und seit
einiger Zeit auch ökonomische Experimente erlangt haben,
lernen. Aber spätestens seit dem Nobelpreis für Daniel
Kahneman (und eigentlich auch für Amos Tversky) wis-
sen wir, dass Psychologen die besseren Verhaltensöko-
nomen sind. Psychologische Theorien und Methoden
werden der Komplexität menschlichen Erlebens und Ver-
haltens besser gerecht. Vielleicht lohnt es sich aber für
uns Psychologen nichts desto trotz dann und wann von
der Simplizität ökonomischer Theorien zu lernen. Erst-
malig haben übrigens in Bremen zwei öffentliche Vorträge
im Haus der Wissenschaft unseren Kongress begleitet
und sie haben genau diese Stärke unserer Disziplin am
Beispiel des Nutzens/Unnutzens von Vorsorgeunter-
suchungen sowie der psychologischen Erklärung der
Finanzkrise, deutlich gemacht.
Sind wir selbst verunsichert über die Identität unseres
Faches und sind uns angesichts der Komplexität der von
uns untersuchten Phänomene unsicher, was wir mit letzter
Sicherheit angesichts unserer Befunde sagen können, so
sollte es nicht verwundern, dass die Fremdwahrnehmung
unseres Faches genau dies widerspiegelt. Die wachsende
Unzufriedenheit mit der Selbst- und Fremdrezeption der
Psychologie hat sich vor einiger Zeit, wie sie sicher gese-
hen haben, in einem sehr interessanten Diskussionsforum
in der Psychologischen Rundschau niedergeschlagen
(Psychologische Rundschau, 2009, 60, 4). Diese Debatte
reichte von „Haben wir etwas zusagen“ über „Ja, aber wie
drückt man es korrekt aus?“, „wie viel Spezifität in den
Befunden verträgt die Öffentlichkeit“ bis hin zu „Wer
etwas zu sagen hat, wird schon gefragt werden und soll
auch erst dann antworten“ aber auch „Wir haben als Wis-
senschaft auch einen Bringschuld“.
Ich bin der Meinung, dass dies ein für unser Fach sehr
wichtiger Diskussionsprozess ist, den wir fortführen soll-
ten auch auf unseren Kongressen und hineintragen
sollten in unsere Ausbildungsangebote im Promotions-
studium. Die Psychologie aber auch die Soziologie der
Selbst- und Fremdwahrnehmung unseres Faches und von
Wissenschaft generell ist der Erforschung wert. Es ist sehr
ermutigend zu sehen, dass es in der Tat auch schon ein
DFG Schwerpunktprogramm unter psychologischer Lei-
tung gibt, das sich genau mit dieser Thematik beschäftigt.
Vielleicht kann es uns gelingen, die eben erörterte Brei-
te oder gar Zerrissenheit des Selbstverständnisses unse-
res Faches als Stärke zu nutzen, anstatt sie als Anlass zur
Verstärkung zentrifugaler Kräfte zu verstehen. Beispiels-
weise könnte es sein, dass die Psychologie, die zwischen
Natur- und Sozialwissenschaften steht sowie aufgrund
der ihr eigenen systemischen Perspektiven und Meta-
perspektive, also der Reflexion über die Reflexion, auch
besonders geeignet ist, den immer wichtiger werdenden
interdisziplinären Prozess zu erforschen und geeignete
Instrumente zu dessen Optimierung zu entwickeln. Die
Stärke der Psychologie in der Systemanalytik bzw. dem
Wechselspiel zwischen Individuum und Kontext wird
vielleicht auch daran deutlich, dass immer mehr Psycholo-
gen/innen in systemsteuernde Funktionen, wie zum Bei-
spiel als Universitätsrektoren/innen, kommen, offensicht-
lich weil man es ihnen zutraut.
2. Entwicklung des Faches Psychologie
an Universitäten und Hochschulen
(Fakultätszuordnung, wiss. Stellen,
Studierendenzahlen)
Ein interessantes Spiegelbild der Breite unseres Faches
findet man übrigens auch wenn man der Verortung der
Psychologieinstitute in den Fakultäten deutscher Univer-
sitäten nachgeht und sich dabei die Frage stellt, ob sich
schaft vom Unsichtbaren also den Gedanken, dem Wis-
sen, den Gefühlen aber genauso eine Wissenschaft des
Sichtbaren, also dem Verhalten und Handeln. Von den
mentalen Ereignissen hat bekanntlich Kant behauptet,
dass sie sich der Messbarkeit entziehen, da ihnen die
räumliche Dimension fehlt. Und hat dadurch, so behaup-
ten nicht wenige, die Begründung der modernen Psycho-
logie befördert. Herbart entwarf daraufhin ein Programm
für die Messbarkeit von Empfindungen oder Sinnesein-
drücken, die Fechner dann nur ein halbes Jahrhundert spä-
ter auch empirisch umsetzte und damit die Psychophysik
begründete. Übrigens lassen sich die Zeugnisse dieser
frühen Zeit unserer Wissenschaft wunderbar betrachten
in dem weltweit einzigen Zentrum für die Geschichte der
Psychologie an der Universität Würzburg.
Trotz dieser Leistung – „Kant zu falsifizieren“ – und
der weiteren Entwicklung der Psychometrie drängt das
Unsichtbare, es sei denn die Sichtbarmachung gelingt im
wahrsten Sinne des Wortes, in der Fremdwahrnehmung
unsere Disziplin immer noch in den Bereich des Unwissen-
schaftlichen. Noch schwieriger oder gar suspekter sind
wohl Zustände, die nicht einmal von den Betroffenen auf
Befragen berichtet werden können. Dennoch zeigen zahl-
lose psychologische Experimente wie effektvoll gerade
solche unbewussten Zustände sind.
Es ist interessant, dass die Wissenschaft, die Unsicht-
bares im wahrsten Sinne des Wortes sichtbar macht, wie
zum Beispiel die Neurowissenschaft mit den bildgeben-
den Verfahren auf eine völlig andere Fremdrezeption stößt.
Es wird den abgebildeten neurophysiologischen Phäno-
menen, vor allem in der Fremdwahrnehmung, in teilweise
naiver Manier, dann sogleich kausale Kraft zugesprochen.
Ich will hier keine Neuroschelte betreiben, ganz im Gegen-
teil die Neuropsychologie eröffnet uns neue Erklärungs-
ebenen, und das Sonderheft der Psychologischen Rund-
schau zum Kongress 2010 enthält eine Reihe von interes-
santen Artikeln genau zu diesem Thema (Psychologische
Rundschau, 2010, 61, 4), sondern es geht mir darum auf
ein interessantes Phänomen zu verweisen: unser Fach, die
Psychologie, kann genau diese Rezeptionsphänomene
von wissenschaftlichen Befunden sehr gut wiederum
durch psychologische Theorien erklären.
Neben der Sichtbarmachung scheint für die Fremdre-
zeption von Wissenschaft nicht selten die Einfachheit der
Theorien eine wichtige Rolle zu spielen. Dies können wir
von der Bedeutung die ökonomische Theorien und seit
einiger Zeit auch ökonomische Experimente erlangt haben,
lernen. Aber spätestens seit dem Nobelpreis für Daniel
Kahneman (und eigentlich auch für Amos Tversky) wis-
sen wir, dass Psychologen die besseren Verhaltensöko-
nomen sind. Psychologische Theorien und Methoden
werden der Komplexität menschlichen Erlebens und Ver-
haltens besser gerecht. Vielleicht lohnt es sich aber für
uns Psychologen nichts desto trotz dann und wann von
der Simplizität ökonomischer Theorien zu lernen. Erst-
malig haben übrigens in Bremen zwei öffentliche Vorträge
im Haus der Wissenschaft unseren Kongress begleitet
und sie haben genau diese Stärke unserer Disziplin am
Beispiel des Nutzens/Unnutzens von Vorsorgeunter-
suchungen sowie der psychologischen Erklärung der
Finanzkrise, deutlich gemacht.
Sind wir selbst verunsichert über die Identität unseres
Faches und sind uns angesichts der Komplexität der von
uns untersuchten Phänomene unsicher, was wir mit letzter
Sicherheit angesichts unserer Befunde sagen können, so
sollte es nicht verwundern, dass die Fremdwahrnehmung
unseres Faches genau dies widerspiegelt. Die wachsende
Unzufriedenheit mit der Selbst- und Fremdrezeption der
Psychologie hat sich vor einiger Zeit, wie sie sicher gese-
hen haben, in einem sehr interessanten Diskussionsforum
in der Psychologischen Rundschau niedergeschlagen
(Psychologische Rundschau, 2009, 60, 4). Diese Debatte
reichte von „Haben wir etwas zusagen“ über „Ja, aber wie
drückt man es korrekt aus?“, „wie viel Spezifität in den
Befunden verträgt die Öffentlichkeit“ bis hin zu „Wer
etwas zu sagen hat, wird schon gefragt werden und soll
auch erst dann antworten“ aber auch „Wir haben als Wis-
senschaft auch einen Bringschuld“.
Ich bin der Meinung, dass dies ein für unser Fach sehr
wichtiger Diskussionsprozess ist, den wir fortführen soll-
ten auch auf unseren Kongressen und hineintragen
sollten in unsere Ausbildungsangebote im Promotions-
studium. Die Psychologie aber auch die Soziologie der
Selbst- und Fremdwahrnehmung unseres Faches und von
Wissenschaft generell ist der Erforschung wert. Es ist sehr
ermutigend zu sehen, dass es in der Tat auch schon ein
DFG Schwerpunktprogramm unter psychologischer Lei-
tung gibt, das sich genau mit dieser Thematik beschäftigt.
Vielleicht kann es uns gelingen, die eben erörterte Brei-
te oder gar Zerrissenheit des Selbstverständnisses unse-
res Faches als Stärke zu nutzen, anstatt sie als Anlass zur
Verstärkung zentrifugaler Kräfte zu verstehen. Beispiels-
weise könnte es sein, dass die Psychologie, die zwischen
Natur- und Sozialwissenschaften steht sowie aufgrund
der ihr eigenen systemischen Perspektiven und Meta-
perspektive, also der Reflexion über die Reflexion, auch
besonders geeignet ist, den immer wichtiger werdenden
interdisziplinären Prozess zu erforschen und geeignete
Instrumente zu dessen Optimierung zu entwickeln. Die
Stärke der Psychologie in der Systemanalytik bzw. dem
Wechselspiel zwischen Individuum und Kontext wird
vielleicht auch daran deutlich, dass immer mehr Psycholo-
gen/innen in systemsteuernde Funktionen, wie zum Bei-
spiel als Universitätsrektoren/innen, kommen, offensicht-
lich weil man es ihnen zutraut.
2. Entwicklung des Faches Psychologie
an Universitäten und Hochschulen
(Fakultätszuordnung, wiss. Stellen,
Studierendenzahlen)
Ein interessantes Spiegelbild der Breite unseres Faches
findet man übrigens auch wenn man der Verortung der
Psychologieinstitute in den Fakultäten deutscher Univer-
sitäten nachgeht und sich dabei die Frage stellt, ob sich
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