Elisabeth Charlotte Welskopf und ihr Großprojekt zur Hellenischen Poleis
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Elisabeth Charlotte Welskopf und ihr Großprojekt zur Hellenischen Poleis
Humboldt-Universität zu Berlin
Institut für Geschichtswissenschaften
Sommersemester 2008
HS 51114: Althistorie in der DDR
Dozent: Prof. Dr. Wilfried Nippel
Essayist: Matti Stöhr
Matrikelnr: 196610
stoehrma@cms.hu-berlin.de
Elisabeth Charlotte Welskopf und ihr Großprojekt zur Hellenischen Poleis
Mit dem Begriff Polis (Plural: Poleis) wird eine Reihe von Konnotationen topographischer,
personaler und politisch-rechtlicher Art verbunden.1 So bezeichnet Polis sowohl eine
befestigte Höhensiedlung, man denke hier beispielsweise an die Akropolis (in Athen bis ins
späte 5. Jh. v. Chr. synonyme Verwendung mit Polis) als auch eine urbane Siedlung
beziehungsweise ein urbaner Siedlungskern mit Umland, de facto das Staatsgebiet. Als sich
die Polis im weiteren Verlauf der archaischen Epoche zu jener – vor allem von Griechen
besiedelte Regionen in der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends v. Chr. – charakteristischen
Form der politischen Organisation entwickelte, kam die Bedeutung der Polis als
Gemeinwesen eines Bürgerverbandes hinzu.
In einem groß angelegten (Publikations-)Projekt, unter der Organisation und Heraus-
geberschaft der Berliner Althistorikerin Elisabeth Charlotte Welskopf, wurden Anfang der
1970er Jahre die „Hellenische Poleis“ mit Fokus auf ihre „Krise – Wandlung – Wirkung“
untersucht.2
Das vorliegende Essay beleuchtet, unter Berücksichtigung der Rolle von Welskopf in
der DDR-Althistorie, den Charakter und die Zielstellung des Projekts. Mit Hilfe zeitgenös-
sischer und rückblickender Betrachtungen zur „Hellenischen Polis“ aus der Fachwelt, wird
der Versuch einer kritischen Untersuchung der Projektkonzeption unternommen.
Elisabeth Charlotte Welskopf – „eine kommunistisch überzeugte Althistorikerin“3
Am 15. September 1901 kam Elisabeth Charlotte Welskopf in München als Tochter eines
Rechtsanwalts Rudolf Henrich und seiner Frau Marie geb. Bernbeck zur Welt. Nach dem
Abitur in Berlin (die Familie lebte zuvor von 1907 bis 1913 in Stuttgart) studierte sie an der
1 Vgl. hier und im Folgenden die Begriffsklärungen zur Polis im „Neuen Pauly“ – Welwei, Karl-Wilhelm: Polis
I. Topographische und frühe Entwicklung, in: DNP 10, 2001, Sp. 22-23 und Rhodes, Peter J.: Polis II. Als
Politischer Begriff, in: Der Neue Pauly (DNP) 10, 2001, Sp. 23-26.
2 Welskopf, Elisabeth Charlotte (Hrsg.): Hellenische Poleis. Krise – Wandlung – Wirkung. 4 Bde., Berlin 1974.
3 Vgl. Mehl, Andreas: Vorwort, in: Stark, Isolde (Hrsg.) Elisabeth Charlotte Welskopf und die Alte Geschichte
in der DDR. Beitrage der Konferenz vom 21. bis 23. November 2002 in Halle, Stuttgart 2005, S. 10.
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Institut für Geschichtswissenschaften
Sommersemester 2008
HS 51114: Althistorie in der DDR
Dozent: Prof. Dr. Wilfried Nippel
Essayist: Matti Stöhr
Matrikelnr: 196610
stoehrma@cms.hu-berlin.de
Elisabeth Charlotte Welskopf und ihr Großprojekt zur Hellenischen Poleis
Mit dem Begriff Polis (Plural: Poleis) wird eine Reihe von Konnotationen topographischer,
personaler und politisch-rechtlicher Art verbunden.1 So bezeichnet Polis sowohl eine
befestigte Höhensiedlung, man denke hier beispielsweise an die Akropolis (in Athen bis ins
späte 5. Jh. v. Chr. synonyme Verwendung mit Polis) als auch eine urbane Siedlung
beziehungsweise ein urbaner Siedlungskern mit Umland, de facto das Staatsgebiet. Als sich
die Polis im weiteren Verlauf der archaischen Epoche zu jener – vor allem von Griechen
besiedelte Regionen in der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends v. Chr. – charakteristischen
Form der politischen Organisation entwickelte, kam die Bedeutung der Polis als
Gemeinwesen eines Bürgerverbandes hinzu.
In einem groß angelegten (Publikations-)Projekt, unter der Organisation und Heraus-
geberschaft der Berliner Althistorikerin Elisabeth Charlotte Welskopf, wurden Anfang der
1970er Jahre die „Hellenische Poleis“ mit Fokus auf ihre „Krise – Wandlung – Wirkung“
untersucht.2
Das vorliegende Essay beleuchtet, unter Berücksichtigung der Rolle von Welskopf in
der DDR-Althistorie, den Charakter und die Zielstellung des Projekts. Mit Hilfe zeitgenös-
sischer und rückblickender Betrachtungen zur „Hellenischen Polis“ aus der Fachwelt, wird
der Versuch einer kritischen Untersuchung der Projektkonzeption unternommen.
Elisabeth Charlotte Welskopf – „eine kommunistisch überzeugte Althistorikerin“3
Am 15. September 1901 kam Elisabeth Charlotte Welskopf in München als Tochter eines
Rechtsanwalts Rudolf Henrich und seiner Frau Marie geb. Bernbeck zur Welt. Nach dem
Abitur in Berlin (die Familie lebte zuvor von 1907 bis 1913 in Stuttgart) studierte sie an der
1 Vgl. hier und im Folgenden die Begriffsklärungen zur Polis im „Neuen Pauly“ – Welwei, Karl-Wilhelm: Polis
I. Topographische und frühe Entwicklung, in: DNP 10, 2001, Sp. 22-23 und Rhodes, Peter J.: Polis II. Als
Politischer Begriff, in: Der Neue Pauly (DNP) 10, 2001, Sp. 23-26.
2 Welskopf, Elisabeth Charlotte (Hrsg.): Hellenische Poleis. Krise – Wandlung – Wirkung. 4 Bde., Berlin 1974.
3 Vgl. Mehl, Andreas: Vorwort, in: Stark, Isolde (Hrsg.) Elisabeth Charlotte Welskopf und die Alte Geschichte
in der DDR. Beitrage der Konferenz vom 21. bis 23. November 2002 in Halle, Stuttgart 2005, S. 10.
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Friedrich-Wilhelms-Universität Ökonomie, Geschichte und Philosophie, wo sie im Jahre 1925
promovierte.4 Von 1928 bis 1945 war Welskopf Angestellte beim Statistischen Reichsamt
Berlin. Unter der Erfahrung der Zeit des Nazionalsozialismus, in dessen Verlauf sie sich dem
antifaschistischen Widerstandskampf anschloss und Verfolgten half (sie versteckte u. a. ihren
späteren Mann den Kommunisten Rudolf Welskopf ein dreiviertel Jahr bis zur Befreiung
Berlins vor dem Zugriff der NS-Behörden), trat sie 1946 der KPD bei. Nach einer mehr-
jährigen Tätigkeit bei der Baustoff-Beschaffungs-GmbH, nahm Welskopf 1949 mit einer
Aspirantur an der Humboldt-Universität ihre akademische Karriere, diesmal auf althis-
torischem Gebiet mit Schwerpunkt Griechische Geschichte, wieder auf. Welskopf wirkte ab
1952 ebendort als Dozentin, ehe sie nach ihrer Habilitation mit dem Thema „Die Muße als
Problem im Leben und Denken der Hellenen von Homer bis Aristoteles“ eine Professur für
Alte Geschichte erhielt. Wohlmöglich begünstigt durch ihre strikte Linientreue („Unsere
Geschichtsauffassung ist unserer Lebensauffassung, unserer gesellschaftlichen und polit-
ischen Ethik verhaftet“5) zum sozialistischen System der DDR wurde Welskopf 1964 als erste
Frau ordentliches Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften..
Matthias Willing bezeichnete Welskopf in seiner Dissertation zur Althistorie in der
DDR als die „bedeutendste althistorische Theoretikerin der 60er Jahre“6: „Im Konzert der
marxistischen Althistoriker fiel ihr die Aufgabe zu, die ökonomischen Grundlagen der
griechischen Gesellschaft zu analysieren und mit den Prinzipien des historischen und
dialektischen Materialismus in Einklang zu bringen. […] Weiterhin ragte Welskopf durch die
Inangriffnahme grundlegender theoretischer Probleme aus verschiedenen Bereichen der
historisch-materialistischen Weltanschauung heraus“7 Willings „Loblied“ ist jedoch mit
Vorsicht zu genießen, denn es dauerte bis sich Welskopf in Ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit
von einer allzu ausgiebigen Referenzierung der marxistisch-leninistischen Klassiker8 löste
und zu einer Verbindung von theoretischen Fragestellungen und Empirie fand, welche in
ihren Großprojekten gipfelte.
4 Bzgl. des Lebensweges von E. C. Welskopf stütze ich mich auf Stark, Isolde: Elisabeth Charlotte Welskopf.
Eine biographische Skizze; in: Stark, Isolde (Hrsg.) Elisabeth Charlotte Welskopf und die Alte Geschichte in der
DDR. Beitrage der Konferenz vom 21. bis 23. November 2002 in Halle, Stuttgart 2005, S. 201-205.
5 Vgl. Welskopf, Elisabeth Charlotte: Die wissenschaftliche Aufgabe des Althistorikers, (1965), veröffentlicht
in: Nippel, Wilfried (Hrsg.): Über das Studium der Alten Geschichte, München 1993, S. 316.
6 Vgl. Willing, Matthias: Althistorische Forschung in der DDR. Eine wissenschaftliche Studie zur Entwicklung
der Disziplin Alte Geschichte vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis zur Gegenwart (1945 -1989), Berlin 1990,
S. 142.
7 Vgl. Willing, S. 141 f.
8 Ein Beispiel hierfür ist Welskopf, Elisabeth Charlotte: Die Produktionsverhältnisse im Alten Orient und in der
griechisch-römischen Antike. Ein Diskussionsbeitrag, Berlin, 1957.
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promovierte.4 Von 1928 bis 1945 war Welskopf Angestellte beim Statistischen Reichsamt
Berlin. Unter der Erfahrung der Zeit des Nazionalsozialismus, in dessen Verlauf sie sich dem
antifaschistischen Widerstandskampf anschloss und Verfolgten half (sie versteckte u. a. ihren
späteren Mann den Kommunisten Rudolf Welskopf ein dreiviertel Jahr bis zur Befreiung
Berlins vor dem Zugriff der NS-Behörden), trat sie 1946 der KPD bei. Nach einer mehr-
jährigen Tätigkeit bei der Baustoff-Beschaffungs-GmbH, nahm Welskopf 1949 mit einer
Aspirantur an der Humboldt-Universität ihre akademische Karriere, diesmal auf althis-
torischem Gebiet mit Schwerpunkt Griechische Geschichte, wieder auf. Welskopf wirkte ab
1952 ebendort als Dozentin, ehe sie nach ihrer Habilitation mit dem Thema „Die Muße als
Problem im Leben und Denken der Hellenen von Homer bis Aristoteles“ eine Professur für
Alte Geschichte erhielt. Wohlmöglich begünstigt durch ihre strikte Linientreue („Unsere
Geschichtsauffassung ist unserer Lebensauffassung, unserer gesellschaftlichen und polit-
ischen Ethik verhaftet“5) zum sozialistischen System der DDR wurde Welskopf 1964 als erste
Frau ordentliches Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften..
Matthias Willing bezeichnete Welskopf in seiner Dissertation zur Althistorie in der
DDR als die „bedeutendste althistorische Theoretikerin der 60er Jahre“6: „Im Konzert der
marxistischen Althistoriker fiel ihr die Aufgabe zu, die ökonomischen Grundlagen der
griechischen Gesellschaft zu analysieren und mit den Prinzipien des historischen und
dialektischen Materialismus in Einklang zu bringen. […] Weiterhin ragte Welskopf durch die
Inangriffnahme grundlegender theoretischer Probleme aus verschiedenen Bereichen der
historisch-materialistischen Weltanschauung heraus“7 Willings „Loblied“ ist jedoch mit
Vorsicht zu genießen, denn es dauerte bis sich Welskopf in Ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit
von einer allzu ausgiebigen Referenzierung der marxistisch-leninistischen Klassiker8 löste
und zu einer Verbindung von theoretischen Fragestellungen und Empirie fand, welche in
ihren Großprojekten gipfelte.
4 Bzgl. des Lebensweges von E. C. Welskopf stütze ich mich auf Stark, Isolde: Elisabeth Charlotte Welskopf.
Eine biographische Skizze; in: Stark, Isolde (Hrsg.) Elisabeth Charlotte Welskopf und die Alte Geschichte in der
DDR. Beitrage der Konferenz vom 21. bis 23. November 2002 in Halle, Stuttgart 2005, S. 201-205.
5 Vgl. Welskopf, Elisabeth Charlotte: Die wissenschaftliche Aufgabe des Althistorikers, (1965), veröffentlicht
in: Nippel, Wilfried (Hrsg.): Über das Studium der Alten Geschichte, München 1993, S. 316.
6 Vgl. Willing, Matthias: Althistorische Forschung in der DDR. Eine wissenschaftliche Studie zur Entwicklung
der Disziplin Alte Geschichte vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis zur Gegenwart (1945 -1989), Berlin 1990,
S. 142.
7 Vgl. Willing, S. 141 f.
8 Ein Beispiel hierfür ist Welskopf, Elisabeth Charlotte: Die Produktionsverhältnisse im Alten Orient und in der
griechisch-römischen Antike. Ein Diskussionsbeitrag, Berlin, 1957.
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„Neuer Versuch der Analyse und Darstellung griechischer Geschichte“9 - Zum
Anspruch des Projekts „Hellenische Poleis. Krise – Wirkung – Wandlung“
In einem kurzen Vorwort umriss Elisabeth Charlotte Welskopf ihr erstes großes,
internationales Gemeinschaftsprojekt, mit dem – das Zitat in der Überschrift deutet es an – ein
neuer Schritt in der modernen Forschung „nach Form und Inhalt“10 getan werden sollte. Das
Ergebnis war eine 1972 abgeschlossene und 1974 erschienene Mammutpublikation zur
„Hellenischen Poleis“ von fast 2300 Seiten in vier Bänden. An dieser waren etwa sechzig
Autoren beteiligt. Dem Inhaltsverzeichnis deren Herkunft zu entnehmen. Interessant hierbei
ist, dass das Projekt über die Systemgrenzen des Eisernen Vorhangs hinweg entstand. Neben
der Mehrheit an Ost-Berliner Mitarbeitern und einigen anderen Fachkollegen aus Dresden,
Leipzig Halle, Jena, Rostock, Stendal und aus weiteren Mitgliedstaaten des Warschauer
Paktes, waren auch HistorikerInnen aus Belgien, der BRD, Frankreich, Italien, Spanien,
Schweiz und der USA involviert. Das Projekt rückblickend analysierend, schrieb Kurt
Raaflaub, dass das Zustandekommen des Projekts und eine derartige Internationalität der
Mitarbeiter mit der Emeritierung und damit privater Initiative Welskopfs zu begründen sei:
„Welskopf befreite sich deshalb, so sehr sie ihrer marxistischer Überzeugung treu blieb,
zunehmend von den engen ideologischen und organisatorischen Fesseln, die sonst die
Forschungsarbeit in der DDR behinderten.“11 Raaflaub vermutete dabei, dass die westlichen
Autoren Welskopf einen persönlichen Gefallen taten.12 Er führt ferner aus: „Zur Geschichte
der griechischen Polis im 4. Jahrhundert gab es damals überhaupt nichts Vergleichbares. In
dieser Beziehung war Welskopf durchaus eine Pionierin. Gehard Wirth spricht in seiner
Rezension von einem wissenschaftshistorischem Ereignis.“13
Die „Spezialuntersuchung“ beschränkte sich laut der Initiatorin Welskopf auf den
„kurzen Zeitraum der Krise und Wandlung“ hellenischer Poleis, damit eine Analyse der
„Entwicklung auf nahezu allen „Gebieten menschlicher Tätigkeit“ auch im Hinblick auf die
Siedlungsgruppen in den unterschiedlichsten Regionen möglich wurde.14 „Behandelt seien
alle Gebiete die in sich von Bedeutung sind und für die in einer relativ kurzen Zeit die
9 Welskopf, Elisabeth Charlotte: Vorwort; in: Welskopf, Elisabeth Charlotte (Hrsg.): Hellenische Poleis. Krise,
Wandlung, Wirkung. Band 1, Berlin 1974. S. IX.
10 Vgl. ebd.
11 Vgl. Raaflaub, Kurt: Die Bedeutung der “Hellenischen Poleis” und der “Sozialen Typenbegriffe“ nach dreissig
Jahren, in: Stark, Isolde (Hrsg.) Elisabeth Charlotte Welskopf und die Alte Geschichte in der DDR. Beitrage der
Konferenz vom 21. bis 23. November 2002 in Halle, Stuttgart 2005, S. 253.
12 Vgl. Raaflaub, S. 256, Fußnote 7.
13 Vgl. Raaflaub, S. 254.
14 Vgl. Welskopf: Vorwort, S. IX.
3
Anspruch des Projekts „Hellenische Poleis. Krise – Wirkung – Wandlung“
In einem kurzen Vorwort umriss Elisabeth Charlotte Welskopf ihr erstes großes,
internationales Gemeinschaftsprojekt, mit dem – das Zitat in der Überschrift deutet es an – ein
neuer Schritt in der modernen Forschung „nach Form und Inhalt“10 getan werden sollte. Das
Ergebnis war eine 1972 abgeschlossene und 1974 erschienene Mammutpublikation zur
„Hellenischen Poleis“ von fast 2300 Seiten in vier Bänden. An dieser waren etwa sechzig
Autoren beteiligt. Dem Inhaltsverzeichnis deren Herkunft zu entnehmen. Interessant hierbei
ist, dass das Projekt über die Systemgrenzen des Eisernen Vorhangs hinweg entstand. Neben
der Mehrheit an Ost-Berliner Mitarbeitern und einigen anderen Fachkollegen aus Dresden,
Leipzig Halle, Jena, Rostock, Stendal und aus weiteren Mitgliedstaaten des Warschauer
Paktes, waren auch HistorikerInnen aus Belgien, der BRD, Frankreich, Italien, Spanien,
Schweiz und der USA involviert. Das Projekt rückblickend analysierend, schrieb Kurt
Raaflaub, dass das Zustandekommen des Projekts und eine derartige Internationalität der
Mitarbeiter mit der Emeritierung und damit privater Initiative Welskopfs zu begründen sei:
„Welskopf befreite sich deshalb, so sehr sie ihrer marxistischer Überzeugung treu blieb,
zunehmend von den engen ideologischen und organisatorischen Fesseln, die sonst die
Forschungsarbeit in der DDR behinderten.“11 Raaflaub vermutete dabei, dass die westlichen
Autoren Welskopf einen persönlichen Gefallen taten.12 Er führt ferner aus: „Zur Geschichte
der griechischen Polis im 4. Jahrhundert gab es damals überhaupt nichts Vergleichbares. In
dieser Beziehung war Welskopf durchaus eine Pionierin. Gehard Wirth spricht in seiner
Rezension von einem wissenschaftshistorischem Ereignis.“13
Die „Spezialuntersuchung“ beschränkte sich laut der Initiatorin Welskopf auf den
„kurzen Zeitraum der Krise und Wandlung“ hellenischer Poleis, damit eine Analyse der
„Entwicklung auf nahezu allen „Gebieten menschlicher Tätigkeit“ auch im Hinblick auf die
Siedlungsgruppen in den unterschiedlichsten Regionen möglich wurde.14 „Behandelt seien
alle Gebiete die in sich von Bedeutung sind und für die in einer relativ kurzen Zeit die
9 Welskopf, Elisabeth Charlotte: Vorwort; in: Welskopf, Elisabeth Charlotte (Hrsg.): Hellenische Poleis. Krise,
Wandlung, Wirkung. Band 1, Berlin 1974. S. IX.
10 Vgl. ebd.
11 Vgl. Raaflaub, Kurt: Die Bedeutung der “Hellenischen Poleis” und der “Sozialen Typenbegriffe“ nach dreissig
Jahren, in: Stark, Isolde (Hrsg.) Elisabeth Charlotte Welskopf und die Alte Geschichte in der DDR. Beitrage der
Konferenz vom 21. bis 23. November 2002 in Halle, Stuttgart 2005, S. 253.
12 Vgl. Raaflaub, S. 256, Fußnote 7.
13 Vgl. Raaflaub, S. 254.
14 Vgl. Welskopf: Vorwort, S. IX.
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Mitarbeiter gefunden werden konnten.“15 Die vier Bände boten in der Tat ein breites
Spektrum an Untersuchungen. Band I, überschrieben mit „Klassen, Verfassungen, Bünd-
nisse“, bestand aus Abhandlungen zur Sklaverei, politischen Systemen (u. a. Demokratie,
Tyrannis) sowie Diplomatie und Wirtschaft in den Poleis. Die Autoren der Artikel im zweiten
Band („Hellenisierung und Barbaren“) untersuchten die Stadtstaaten in den verschiedenen
Mittelmeer- und Schwarzmeerregionen abseits vom griechischen „Kernland“. Band III ent-
hielt Beiträge über „Soziologische Probleme, Religion und Aufklärung, Theater, Literatur
Kunst, Musik, Sport, Mode“ und im vierten Band wurde „Technik, Fachwissenschaften,
Philosophie“ thematisiert. Über das Krisenzeitalter hellenischer Poleis hinaus, so der
Anspruch, wurde das „Weiterwirken ökonomischer Elemente, politischer Formen, kultureller
Leistungen, entwicklungsfördernder Tendenzen und hemmender Widersprüche“16 untersucht.
Welskopf strich heraus, dass der Verlust der Souveränität der Poleis nicht das Ende ihrer
Wirksamkeit war, politische Formen und Ideen, Literatur, Kunst und Musik, Religion,
Philosophie, Wissenschaft, Sport, Worte sowie eine Vielzahl von Begriffen der Nachwelt
erhalten geblieben sind.17 Die Krise mit ihren ganzheitlichen Veränderungen in Wirtschaft,
Politik und Kultur sei zu betrachten als „Brennspiegel der Vergehendes, Gegenwärtiges und
Zukünftiges einfängt; dadurch rechtfertigt sich die eingehende Analyse eben dieses zeitlich
relativ kurzen Übergangszustandes.“18 Welskopf betonte die Analyse griechischer Ökonomie,
Politik und Kultur der Poleis als internationale Aufgabe der althistorischen Forschung. Sie
begründete es mit der internationalen Ausbreitung und Effektivität der Stadtstaaten und sah
dabei die vorgelegte Untersuchung als „Teil einer weltgeschichtlichen Betrachtung des
Verhältnisses von Stadt und Land“ als einen Auftakt für weitere intensive internationale
Zusammenarbeit auf dem Gebiet.19
„Fehlen einer festen herausgeberischen Hand“20 – Das Projekt in der Kritik
Die Planung und Veröffentlichung großer und kleiner Sammelwerke an der Akademie der
Wissenschaften waren, wie Kurt Raaflaub schrieb, „geradezu ‚Paradepferde’ des neuen
kollektiven Wissenschaftsbetriebes.“21 Ein solches Großprojekt wie das von Welskopf
initiierte „Hellenische Poleis“, dass eng mit dem an der Akademie angesiedelten
15 Vgl. ebd., S. X.
16 Vgl. ebd., S. IX.
17 Vgl. ebd.
18 Vgl. ebd., S. X.
19 Vgl. ebd.
20 Vgl. Raaflaub, S. 255.
21 Vgl. Raaflaub, S. 253.
4
Spektrum an Untersuchungen. Band I, überschrieben mit „Klassen, Verfassungen, Bünd-
nisse“, bestand aus Abhandlungen zur Sklaverei, politischen Systemen (u. a. Demokratie,
Tyrannis) sowie Diplomatie und Wirtschaft in den Poleis. Die Autoren der Artikel im zweiten
Band („Hellenisierung und Barbaren“) untersuchten die Stadtstaaten in den verschiedenen
Mittelmeer- und Schwarzmeerregionen abseits vom griechischen „Kernland“. Band III ent-
hielt Beiträge über „Soziologische Probleme, Religion und Aufklärung, Theater, Literatur
Kunst, Musik, Sport, Mode“ und im vierten Band wurde „Technik, Fachwissenschaften,
Philosophie“ thematisiert. Über das Krisenzeitalter hellenischer Poleis hinaus, so der
Anspruch, wurde das „Weiterwirken ökonomischer Elemente, politischer Formen, kultureller
Leistungen, entwicklungsfördernder Tendenzen und hemmender Widersprüche“16 untersucht.
Welskopf strich heraus, dass der Verlust der Souveränität der Poleis nicht das Ende ihrer
Wirksamkeit war, politische Formen und Ideen, Literatur, Kunst und Musik, Religion,
Philosophie, Wissenschaft, Sport, Worte sowie eine Vielzahl von Begriffen der Nachwelt
erhalten geblieben sind.17 Die Krise mit ihren ganzheitlichen Veränderungen in Wirtschaft,
Politik und Kultur sei zu betrachten als „Brennspiegel der Vergehendes, Gegenwärtiges und
Zukünftiges einfängt; dadurch rechtfertigt sich die eingehende Analyse eben dieses zeitlich
relativ kurzen Übergangszustandes.“18 Welskopf betonte die Analyse griechischer Ökonomie,
Politik und Kultur der Poleis als internationale Aufgabe der althistorischen Forschung. Sie
begründete es mit der internationalen Ausbreitung und Effektivität der Stadtstaaten und sah
dabei die vorgelegte Untersuchung als „Teil einer weltgeschichtlichen Betrachtung des
Verhältnisses von Stadt und Land“ als einen Auftakt für weitere intensive internationale
Zusammenarbeit auf dem Gebiet.19
„Fehlen einer festen herausgeberischen Hand“20 – Das Projekt in der Kritik
Die Planung und Veröffentlichung großer und kleiner Sammelwerke an der Akademie der
Wissenschaften waren, wie Kurt Raaflaub schrieb, „geradezu ‚Paradepferde’ des neuen
kollektiven Wissenschaftsbetriebes.“21 Ein solches Großprojekt wie das von Welskopf
initiierte „Hellenische Poleis“, dass eng mit dem an der Akademie angesiedelten
15 Vgl. ebd., S. X.
16 Vgl. ebd., S. IX.
17 Vgl. ebd.
18 Vgl. ebd., S. X.
19 Vgl. ebd.
20 Vgl. Raaflaub, S. 255.
21 Vgl. Raaflaub, S. 253.
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Zentralinstitut für Alte Geschichte und Archäologie (ZIAGA) verbunden war, ist wegen des
immensen organisatorischen Aufwandes vor dem Hintergrund der damaligen zur Verfügung
stehenden technischen Hilfsmittel zu würdigen. Unter Berücksichtigung von Welskopfs
Stellung in Partei und Wissenschaft, der finanziellen Unabhängigkeit aufgrund des Erfolgs
ihrer Indianerromane und ihre übergreifenden Kontakte zu Fachkollegen, ist die Initiative im
Umgang mit den Problemen der Organisation und Kommunikation in einem „heterogenen
und eigenwilligen Mitarbeiterkreis“22 anzuerkennen. Auch wegen des erschwerten Zugangs
zu westlicher Forschungsliteratur aus politischen und Devisengründen war der „Versuch
verdienstvoll, durch die breitgefächerte Aufarbeitung einer großen Zahl von Einzelproblemen
oder -aspekten in einem internationalen Gemeinschaftsunternehmen das historische Verständ-
nis einer wichtigen Epoche zu vertiefen und gleichzeitig einem weiteren Fach- und
Laienpublikum zugänglich zu machen.“23
Der zeitgenössische Rezensent Robert Browning (London) empfand die Wahl der
Krisenthematik als hochmodern: „The work of the collective under the editorship of Welskopf
responds to this newly-awakened interest on a scale and with an authority which will
command the respect and attention of scholars for many years.“24 Jedoch sind die Mängel der
Publikation, die ihren Wert vor allem aus heutiger Sicht mindern, unübersehbar. Kurt
Raaflaub führte eine Vielzahl an, die sich größtenteils mit der Analyse des Einleitungsbeitrags
von Elisabeth Charlotte Welskopf mit dem Titel „Der erste Peleponnesische (Archidamische)
Krieg und der Nikiasfrieden als Abschluss einer Periode. Offene Problem“25 belegen lassen.
Der Aufsatz bietet eine sehr kurze Beschreibung des Aufstiegs Athens zur
Hegemonialmacht neben Sparta bis zum Ausbruch des ersten Peleponnesischen Krieges 431
v. Chr. Stichwortartig ist das Kriegsgeschehen – Welskopf vertrat die These eines
„Balancekampfes“ zwischen Sparta und Athen im ersten Kriegsjahrzehnt bis zum
Nikiasfrieden von 421 v. Chr. – sowie die Folgen des Krieges für Athen wiedergegeben
worden. Das Ende des Krieges Jahrzehnte später, bedeutete nach Welskopfs Einschätzung
einen tiefen Einschnitt, bei dem es unter anderen zu „intensiven Auseinandersetzungen über
Probleme der Sklaverei“, Verschärfung von Klassenkämpfen, sowie zu politischen
Experimenten mit Restauration und tyrannis kam.
22 Vgl. Raaflaub, S. 254.
23 Vgl. Raaflaub, S. 255.
24 Vgl. Browning, Robert: The Crisis of the Greek City – a New Collective Story, in: Philolous 120:2 (176), S.
260.
25 Vgl. hier und im Folgenden Welskopf, Elisabeth Charlotte: Der erste Peleponnesische (Archidamische) Krieg
und der Nikiasfrieden als Abschluss einer Periode. Offene Probleme in: Welskopf, Elisabeth Charlotte (Hrsg.):
Hellenische Poleis. Krise, Wandlung, Wirkung. Band 1, Berlin 1974. S. 1-4.
5
immensen organisatorischen Aufwandes vor dem Hintergrund der damaligen zur Verfügung
stehenden technischen Hilfsmittel zu würdigen. Unter Berücksichtigung von Welskopfs
Stellung in Partei und Wissenschaft, der finanziellen Unabhängigkeit aufgrund des Erfolgs
ihrer Indianerromane und ihre übergreifenden Kontakte zu Fachkollegen, ist die Initiative im
Umgang mit den Problemen der Organisation und Kommunikation in einem „heterogenen
und eigenwilligen Mitarbeiterkreis“22 anzuerkennen. Auch wegen des erschwerten Zugangs
zu westlicher Forschungsliteratur aus politischen und Devisengründen war der „Versuch
verdienstvoll, durch die breitgefächerte Aufarbeitung einer großen Zahl von Einzelproblemen
oder -aspekten in einem internationalen Gemeinschaftsunternehmen das historische Verständ-
nis einer wichtigen Epoche zu vertiefen und gleichzeitig einem weiteren Fach- und
Laienpublikum zugänglich zu machen.“23
Der zeitgenössische Rezensent Robert Browning (London) empfand die Wahl der
Krisenthematik als hochmodern: „The work of the collective under the editorship of Welskopf
responds to this newly-awakened interest on a scale and with an authority which will
command the respect and attention of scholars for many years.“24 Jedoch sind die Mängel der
Publikation, die ihren Wert vor allem aus heutiger Sicht mindern, unübersehbar. Kurt
Raaflaub führte eine Vielzahl an, die sich größtenteils mit der Analyse des Einleitungsbeitrags
von Elisabeth Charlotte Welskopf mit dem Titel „Der erste Peleponnesische (Archidamische)
Krieg und der Nikiasfrieden als Abschluss einer Periode. Offene Problem“25 belegen lassen.
Der Aufsatz bietet eine sehr kurze Beschreibung des Aufstiegs Athens zur
Hegemonialmacht neben Sparta bis zum Ausbruch des ersten Peleponnesischen Krieges 431
v. Chr. Stichwortartig ist das Kriegsgeschehen – Welskopf vertrat die These eines
„Balancekampfes“ zwischen Sparta und Athen im ersten Kriegsjahrzehnt bis zum
Nikiasfrieden von 421 v. Chr. – sowie die Folgen des Krieges für Athen wiedergegeben
worden. Das Ende des Krieges Jahrzehnte später, bedeutete nach Welskopfs Einschätzung
einen tiefen Einschnitt, bei dem es unter anderen zu „intensiven Auseinandersetzungen über
Probleme der Sklaverei“, Verschärfung von Klassenkämpfen, sowie zu politischen
Experimenten mit Restauration und tyrannis kam.
22 Vgl. Raaflaub, S. 254.
23 Vgl. Raaflaub, S. 255.
24 Vgl. Browning, Robert: The Crisis of the Greek City – a New Collective Story, in: Philolous 120:2 (176), S.
260.
25 Vgl. hier und im Folgenden Welskopf, Elisabeth Charlotte: Der erste Peleponnesische (Archidamische) Krieg
und der Nikiasfrieden als Abschluss einer Periode. Offene Probleme in: Welskopf, Elisabeth Charlotte (Hrsg.):
Hellenische Poleis. Krise, Wandlung, Wirkung. Band 1, Berlin 1974. S. 1-4.
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Der geringe Tiefe der Einleitung Welskopfs, die sich auch formal im Umfang von vier Seiten
manifestiert – gemessen an der Seitenzahl des Gesamtwerkes ist das verschwindend gering –
lässt den interessierten Leser höchst unzufrieden zurück. Man springt bei der Lektüre
sprichwörtlich ins kalte Wasser der Krisenzeit der hellenischen Poleis. Welskopf führte
meiner Meinung nach, für ein derartiges Monumentalwerk eigentlich erwartbar, unzureichend
in die historischen Vorbedingungen der Krise ein. Raaflaub warf Welskopf – aus meiner Sicht
zu Recht – das Fehlen einer klaren Gesamtkonzeption vor, die sich anhand der Einleitung
ablesen lässt.26 Die „Krise“ der Poleis aber auch die „Wandlung“ als Faktum vorausgesetzt,
wurde nirgends problematisiert, analysiert oder als Konzept argumentativ gerechtfertigt.27 Ein
größerer historischer Zusammenhang fehlt bei der Frage nach der Immanenz der Probleme für
die Poleis oder ihr erstmaliges Auftreten durch das Kriegsgeschehen. Welskopf bettete die
von ihr angesprochenen Probleme nicht in den Gesamtkontext der Strukturen, Charakteristika,
Stärken und Schwächen der griechischen Stadtsaaten ein.28 Als Leser hätte man sich an dieser
Stelle außerdem das „Spinnen eines roten Fadens“ zwischen den großen Themengebieten
bzw. der Hauptartikeln gewünscht. Das Fehlen von Quellenangaben bei der überschaubaren
Darstellung der historischen Ereignisse ist schlicht ärgerlich.
Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis des Werkes offenbart immense quantitative
Diskrepanzen der Untersuchungen. Der Umfang der Artikel schwankt zwischen einstelligen
Beiträgen und solchen mit mehreren hundert Seiten. Zudem wurden nur ca. 200 der knapp
2300 Seiten spezifischen sozialen und politischen Aspekten gewidmet. Raaflaub führte aus,
dass Kapitel zu so wichtigen Themen wie Reichtum und Armut ausgespart blieben und im
Gegensatz dazu einige Beiträge kaum Themenbezug hätten.29 Er machte dafür unter anderem
eine schlechte Auswahl der Mitarbeiter verantwortlich, bei denen nicht die am besten
qualifizierten, sondern die am einfachsten Verfügbaren zum Zuge kamen; das hätte den
Beigeschmack einer „mit sanftem Zwang“ durchgeführten Zuteilung von Themen.30
Insgesamt bescheinigte Raaflaub der Publikation ein Defizit an planerischer und gestaltender
Durchdringung, bei dem die Krisenphänomene zu wenig übergreifend thematisiert wurden. Er
schlug deshalb den alternativen Titel „Polis und Kultur im 4. Jahrhundert“ vor.31 Der
zeitgenössische Rezensent Browning vertrat dieselbe Meinung: “But the pieces of the mosaic
are never put together. The links between apparently unconnected phenomena are not
26 Vgl. Raaflaub, S. 258.
27 Vgl. ebd.
28 Vgl. ebd, S. 259.
29 Vgl. ebd. S. 260.
30 Vgl. ebd. S. 257.
31 Vgl. ebd. S. 261.
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manifestiert – gemessen an der Seitenzahl des Gesamtwerkes ist das verschwindend gering –
lässt den interessierten Leser höchst unzufrieden zurück. Man springt bei der Lektüre
sprichwörtlich ins kalte Wasser der Krisenzeit der hellenischen Poleis. Welskopf führte
meiner Meinung nach, für ein derartiges Monumentalwerk eigentlich erwartbar, unzureichend
in die historischen Vorbedingungen der Krise ein. Raaflaub warf Welskopf – aus meiner Sicht
zu Recht – das Fehlen einer klaren Gesamtkonzeption vor, die sich anhand der Einleitung
ablesen lässt.26 Die „Krise“ der Poleis aber auch die „Wandlung“ als Faktum vorausgesetzt,
wurde nirgends problematisiert, analysiert oder als Konzept argumentativ gerechtfertigt.27 Ein
größerer historischer Zusammenhang fehlt bei der Frage nach der Immanenz der Probleme für
die Poleis oder ihr erstmaliges Auftreten durch das Kriegsgeschehen. Welskopf bettete die
von ihr angesprochenen Probleme nicht in den Gesamtkontext der Strukturen, Charakteristika,
Stärken und Schwächen der griechischen Stadtsaaten ein.28 Als Leser hätte man sich an dieser
Stelle außerdem das „Spinnen eines roten Fadens“ zwischen den großen Themengebieten
bzw. der Hauptartikeln gewünscht. Das Fehlen von Quellenangaben bei der überschaubaren
Darstellung der historischen Ereignisse ist schlicht ärgerlich.
Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis des Werkes offenbart immense quantitative
Diskrepanzen der Untersuchungen. Der Umfang der Artikel schwankt zwischen einstelligen
Beiträgen und solchen mit mehreren hundert Seiten. Zudem wurden nur ca. 200 der knapp
2300 Seiten spezifischen sozialen und politischen Aspekten gewidmet. Raaflaub führte aus,
dass Kapitel zu so wichtigen Themen wie Reichtum und Armut ausgespart blieben und im
Gegensatz dazu einige Beiträge kaum Themenbezug hätten.29 Er machte dafür unter anderem
eine schlechte Auswahl der Mitarbeiter verantwortlich, bei denen nicht die am besten
qualifizierten, sondern die am einfachsten Verfügbaren zum Zuge kamen; das hätte den
Beigeschmack einer „mit sanftem Zwang“ durchgeführten Zuteilung von Themen.30
Insgesamt bescheinigte Raaflaub der Publikation ein Defizit an planerischer und gestaltender
Durchdringung, bei dem die Krisenphänomene zu wenig übergreifend thematisiert wurden. Er
schlug deshalb den alternativen Titel „Polis und Kultur im 4. Jahrhundert“ vor.31 Der
zeitgenössische Rezensent Browning vertrat dieselbe Meinung: “But the pieces of the mosaic
are never put together. The links between apparently unconnected phenomena are not
26 Vgl. Raaflaub, S. 258.
27 Vgl. ebd.
28 Vgl. ebd, S. 259.
29 Vgl. ebd. S. 260.
30 Vgl. ebd. S. 257.
31 Vgl. ebd. S. 261.
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explored and illuminated with the clarity which they deserve.”32 Die beiden Kritiker führten
noch eine Reihe weiterer Versäumnisse, vor allem inhaltlich-qualitativer Art, an. Deren
Begründung blieben sie jedoch mitunter selbst schuldig. So fehlen beispielsweise bei
Raaflaub Belege bzw. Beispiele für seine Konstatierung ideologischer Tendenz im Werk,
abseits des von ihm so genannten „Lenin-Schnörkels“, dem ritualisierten „Kniefall“ vor den
Klassikern des historischen Materialismus.33
Fazit
Das Essay hat kursorisch aufgezeigt, welche Rolle Elisabeth Charlotte Welskopf in der DDR-
Althistorie spielte und versuchte unter der Berücksichtigung ihrer Person und ihrer
Projektdarstellung eine kritische Beleuchtung des Großprojektes „Hellenische Poleis. Krise –
Wirkung – Wandlung“. Die Initiative und Engagement Welskopfs nach ihrer Emeritierung ist
angesichts des Projektumfangs und der Beteiligung zahlreicher Autoren als nicht zu gering
wertzuschätzen. Auf der anderen Seite wurden jedoch anhand des Einleitungsbeitrags von
Welskopf zahlreiche Mängel des Projekts konstatiert.
Nicht zuletzt aus dem Umstand heraus, das eine intensive Prüfung des Gesamtwerks
für das vorliegende Essay aus Zeitgründen nicht möglich war, schließe ich mich Brownings
etwas versöhnlicherer Einschätzung an. Er schrieb: “There is no formal conclusion to
Hellenische Poleis, nor could be there one. The contributors do not all share a common
standpoint, though many of them were Marxists, nor were taking part in a symposium.”34 […]
“Taking all together the four volumes are a remarkable tribute to the scholarship, organising
ability and humanism of their editor. […] She, [Welskopf], draws out from her contributors a
body of information, inference and hypothesis on the decline of the city state which has never
before been set out with such exhaustiveness.”35
32 Vgl. Browning, S. 262.
33 Vgl. Raaflaub, S. 256.
34 Vgl. Browning, S. 264.
35 Vgl. Browning, S. 266.
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noch eine Reihe weiterer Versäumnisse, vor allem inhaltlich-qualitativer Art, an. Deren
Begründung blieben sie jedoch mitunter selbst schuldig. So fehlen beispielsweise bei
Raaflaub Belege bzw. Beispiele für seine Konstatierung ideologischer Tendenz im Werk,
abseits des von ihm so genannten „Lenin-Schnörkels“, dem ritualisierten „Kniefall“ vor den
Klassikern des historischen Materialismus.33
Fazit
Das Essay hat kursorisch aufgezeigt, welche Rolle Elisabeth Charlotte Welskopf in der DDR-
Althistorie spielte und versuchte unter der Berücksichtigung ihrer Person und ihrer
Projektdarstellung eine kritische Beleuchtung des Großprojektes „Hellenische Poleis. Krise –
Wirkung – Wandlung“. Die Initiative und Engagement Welskopfs nach ihrer Emeritierung ist
angesichts des Projektumfangs und der Beteiligung zahlreicher Autoren als nicht zu gering
wertzuschätzen. Auf der anderen Seite wurden jedoch anhand des Einleitungsbeitrags von
Welskopf zahlreiche Mängel des Projekts konstatiert.
Nicht zuletzt aus dem Umstand heraus, das eine intensive Prüfung des Gesamtwerks
für das vorliegende Essay aus Zeitgründen nicht möglich war, schließe ich mich Brownings
etwas versöhnlicherer Einschätzung an. Er schrieb: “There is no formal conclusion to
Hellenische Poleis, nor could be there one. The contributors do not all share a common
standpoint, though many of them were Marxists, nor were taking part in a symposium.”34 […]
“Taking all together the four volumes are a remarkable tribute to the scholarship, organising
ability and humanism of their editor. […] She, [Welskopf], draws out from her contributors a
body of information, inference and hypothesis on the decline of the city state which has never
before been set out with such exhaustiveness.”35
32 Vgl. Browning, S. 262.
33 Vgl. Raaflaub, S. 256.
34 Vgl. Browning, S. 264.
35 Vgl. Browning, S. 266.
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Literatur
• Browning, Robert: The Crisis of the Greek City – a New Collective Story, in: Philolous
120:2 (176), S. 258-266.
• Raaflaub, Kurt: Die Bedeutung der “Hellenischen Poleis” und der “Sozialen Typenbe-
griffe“ nach dreissig Jahren, in: Stark, Isolde (Hrsg.) Elisabeth Charlotte Welskopf und die
Alte Geschichte in der DDR. Beitrage der Konferenz vom 21. bis 23. November 2002 in
Halle, Stuttgart 2005, S. 252-265.
• Rhodes, Peter J.: Polis II. Als Politischer Begriff, in: Der Neue Pauly (DNP) 10, 2001, Sp.
23-26.
• Stark, Isolde: Elisabeth Charlotte Welskopf. Eine biographische Skizze; in: Stark, Isolde
(Hrsg.) Elisabeth Charlotte Welskopf und die Alte Geschichte in der DDR. Beitrage der
Konferenz vom 21. bis 23. November 2002 in Halle, Stuttgart 2005, S. 201-205.
• Welwei, Karl-Wilhelm: Polis I. Topographische und frühe Entwicklung, in: DNP 10,
2001, Sp. 22-23.
• Welskopf, Elisabeth Charlotte: Der erste Peleponnesische (Archidamische) Krieg und der
Nikiasfrieden als Abschluss einer Periode. Offene Probleme in: Welskopf, Elisabeth
Charlotte (Hrsg.): Hellenische Poleis. Krise, Wandlung, Wirkung. Band 1, Berlin 1974.,
S. 1-4.
• Welskopf, Elisabeth Charlotte: Die Produktionsverhältnisse im Alten Orient und in der
griechisch-römischen Antike. Ein Diskussionsbeitrag, Berlin, 1957.
• Welskopf, Elisabeth Charlotte: Vorwort; in: Welskopf, Elisabeth Charlotte (Hrsg.):
Hellenische Poleis. Krise, Wandlung, Wirkung. Band 1, Berlin 1974. S. IX-XI.
• Welskopf, Elisabeth Charlotte: Die wissenschaftliche Aufgabe des Althistorikers (1965),
in: Nippel, Wilfried (Hrsg.): Über das Studium der Alten Geschichte, München 1993, S.
306-322
• Willing, Matthias: Althistorische Forschung in der DDR. Eine wissenschaftliche Studie
zur Entwicklung der Disziplin Alte Geschichte vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis zur
Gegenwart (1945 -1989), Berlin 1990.
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• Browning, Robert: The Crisis of the Greek City – a New Collective Story, in: Philolous
120:2 (176), S. 258-266.
• Raaflaub, Kurt: Die Bedeutung der “Hellenischen Poleis” und der “Sozialen Typenbe-
griffe“ nach dreissig Jahren, in: Stark, Isolde (Hrsg.) Elisabeth Charlotte Welskopf und die
Alte Geschichte in der DDR. Beitrage der Konferenz vom 21. bis 23. November 2002 in
Halle, Stuttgart 2005, S. 252-265.
• Rhodes, Peter J.: Polis II. Als Politischer Begriff, in: Der Neue Pauly (DNP) 10, 2001, Sp.
23-26.
• Stark, Isolde: Elisabeth Charlotte Welskopf. Eine biographische Skizze; in: Stark, Isolde
(Hrsg.) Elisabeth Charlotte Welskopf und die Alte Geschichte in der DDR. Beitrage der
Konferenz vom 21. bis 23. November 2002 in Halle, Stuttgart 2005, S. 201-205.
• Welwei, Karl-Wilhelm: Polis I. Topographische und frühe Entwicklung, in: DNP 10,
2001, Sp. 22-23.
• Welskopf, Elisabeth Charlotte: Der erste Peleponnesische (Archidamische) Krieg und der
Nikiasfrieden als Abschluss einer Periode. Offene Probleme in: Welskopf, Elisabeth
Charlotte (Hrsg.): Hellenische Poleis. Krise, Wandlung, Wirkung. Band 1, Berlin 1974.,
S. 1-4.
• Welskopf, Elisabeth Charlotte: Die Produktionsverhältnisse im Alten Orient und in der
griechisch-römischen Antike. Ein Diskussionsbeitrag, Berlin, 1957.
• Welskopf, Elisabeth Charlotte: Vorwort; in: Welskopf, Elisabeth Charlotte (Hrsg.):
Hellenische Poleis. Krise, Wandlung, Wirkung. Band 1, Berlin 1974. S. IX-XI.
• Welskopf, Elisabeth Charlotte: Die wissenschaftliche Aufgabe des Althistorikers (1965),
in: Nippel, Wilfried (Hrsg.): Über das Studium der Alten Geschichte, München 1993, S.
306-322
• Willing, Matthias: Althistorische Forschung in der DDR. Eine wissenschaftliche Studie
zur Entwicklung der Disziplin Alte Geschichte vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis zur
Gegenwart (1945 -1989), Berlin 1990.
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