Kann der Mittelstand überleben?
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Kann der Mittelstand überleben?
VDI NR. 37 VOM 16.09.2005 SEITE 2
Meinung
Standpunkt
Standpunkt: Der Ökonom Heinz-J. Bontrup über die Nachfragemacht
großer
Unternehmen und die Folgen für den Mittelstand
Kann der Mittelstand überleben?
VDI nachrichten, Gelsenkirchen, 16. 9. 05 - Um die Position
mittelständischer Zulieferer gegenüber Großunternehmen zu stärken,
müsse die Wettbewerbspolitik verschärft werden, fordert der Ökonom
Heinz-J.Bontrup, Autor des folgenden Artikels.Unternehmen mit einem
Marktanteil von mehr als 5 % an den Beschaffungs- und Absatzmärkten
sollten demnach schon als marktbeherrschend gelten.Derzeit liegt diese
Schwelle bei einem Drittel.
Standpunkt: Der Ökonom Heinz-J.Bontrup über die Nachfragemacht großer Unternehmen und
die Folgen für den Mittelstand.
Kann der Mittelstand überleben?
Marktmächtige Nachfrager üben in vielen Branchen der Industrie (Kraftfahrzeugbau, Chemie-
und Elektroindustrie, Energiewirtschaft u. a.) mit ihrem großbetrieblichen, zentralisierten
Einkauf einen enormen Druck auf die Einkaufskonditionen (Preise, Mengen, Qualitäten) aus.
Dadurch werden nicht selten den mittelständischen Zulieferern jegliche Gewinnchancen ihrer
hochwertigen und innovativen Arbeit genommen oder es werden von den marktmächtigen
Nachfragern Konditionen verlangt, die bei den Zulieferern nicht einmal die Kosten decken.
Abhängige mittelständische Zulieferer werden vor die Wahl gestellt, entweder auf sämtliche
Forderungen des Nachfragers einzugehen oder die Geschäftsbeziehungen ganz abzubrechen.
In beiden Fällen ist der Zulieferer der Verlierer.Aber insgesamt verliert auch der für eine
Marktwirtschaft konstituierende Wettbewerbsprozess.An die Stelle eines
Leistungswettbewerbs tritt Ausbeutung, in dem sich nicht die bessere Leistung, sondern die
größere Macht und Rücksichtslosigkeit durchsetzen.
Nachfragemacht zeigt sich dabei nicht nur bei den zum Vorteil der mächtigen Nachfrager
erzwungenen Einkaufskonditionen, sondern auch durch die Überwachung der Zulieferer in
Form von Auditierungen bei technischen, organisatorischen und unternehmenskulturellen
Belangen.
Darüber hinaus müssen den Nachfragern oft die Bilanzen und Preiskalkulationen der
Zulieferer offen gelegt werden.Derartige Geschäftsgebaren haben mit den Grundsätzen einer
marktwirtschaftlichen Ordnung nichts zu tun, und trotzdem finden sie täglich im
Austauschprozess zwischen Industrieunternehmen statt - übrigens auch zwischen Handels-
© GBI-Genios Deutsche Wirtschaftsdatenbank GmbH - www.genios.de 1
Meinung
Standpunkt
Standpunkt: Der Ökonom Heinz-J. Bontrup über die Nachfragemacht
großer
Unternehmen und die Folgen für den Mittelstand
Kann der Mittelstand überleben?
VDI nachrichten, Gelsenkirchen, 16. 9. 05 - Um die Position
mittelständischer Zulieferer gegenüber Großunternehmen zu stärken,
müsse die Wettbewerbspolitik verschärft werden, fordert der Ökonom
Heinz-J.Bontrup, Autor des folgenden Artikels.Unternehmen mit einem
Marktanteil von mehr als 5 % an den Beschaffungs- und Absatzmärkten
sollten demnach schon als marktbeherrschend gelten.Derzeit liegt diese
Schwelle bei einem Drittel.
Standpunkt: Der Ökonom Heinz-J.Bontrup über die Nachfragemacht großer Unternehmen und
die Folgen für den Mittelstand.
Kann der Mittelstand überleben?
Marktmächtige Nachfrager üben in vielen Branchen der Industrie (Kraftfahrzeugbau, Chemie-
und Elektroindustrie, Energiewirtschaft u. a.) mit ihrem großbetrieblichen, zentralisierten
Einkauf einen enormen Druck auf die Einkaufskonditionen (Preise, Mengen, Qualitäten) aus.
Dadurch werden nicht selten den mittelständischen Zulieferern jegliche Gewinnchancen ihrer
hochwertigen und innovativen Arbeit genommen oder es werden von den marktmächtigen
Nachfragern Konditionen verlangt, die bei den Zulieferern nicht einmal die Kosten decken.
Abhängige mittelständische Zulieferer werden vor die Wahl gestellt, entweder auf sämtliche
Forderungen des Nachfragers einzugehen oder die Geschäftsbeziehungen ganz abzubrechen.
In beiden Fällen ist der Zulieferer der Verlierer.Aber insgesamt verliert auch der für eine
Marktwirtschaft konstituierende Wettbewerbsprozess.An die Stelle eines
Leistungswettbewerbs tritt Ausbeutung, in dem sich nicht die bessere Leistung, sondern die
größere Macht und Rücksichtslosigkeit durchsetzen.
Nachfragemacht zeigt sich dabei nicht nur bei den zum Vorteil der mächtigen Nachfrager
erzwungenen Einkaufskonditionen, sondern auch durch die Überwachung der Zulieferer in
Form von Auditierungen bei technischen, organisatorischen und unternehmenskulturellen
Belangen.
Darüber hinaus müssen den Nachfragern oft die Bilanzen und Preiskalkulationen der
Zulieferer offen gelegt werden.Derartige Geschäftsgebaren haben mit den Grundsätzen einer
marktwirtschaftlichen Ordnung nichts zu tun, und trotzdem finden sie täglich im
Austauschprozess zwischen Industrieunternehmen statt - übrigens auch zwischen Handels-
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und Industrieunternehmen, hier meistens zu Lasten der Industrie.
Nachfragemacht von Unternehmen hat viele Ursachen.Betriebswirtschaftlich gesehen sind
industrielle Hersteller in der Regel auf wenige Produkte spezialisiert, wodurch die Abnehmer
Angriffsflächen haben.Fällt beim Zulieferer ein großer Nachfrager aus, so ist es schwer, kurz-
oder mittelfristig Ersatz zu finden.
Der Nachfrageausfall schmerzt besonders dann, wenn es sich beim Zulieferer um ein anlage-
und damit fixkostenintensives Unternehmen handelt.Hier kommt es durch die entstehenden
Leerkapazitäten zu einem starken Anstieg der Stückkosten, die, da sie in der Regel nicht
anderen Kunden im Zuge einer internen Quersubventionierung durch Preiserhöhungen
aufgebürdet werden können, die Zulieferer in arge Bedrängnis bringen.Marktstarke Nachfrager
wissen dies und drücken die Anbieter auf deren kurzfristige Preisuntergrenze, so dass es nur
zu einer Deckung der variablen Kosten kommt.Werden vielleicht zusätzlich noch anteilige
Fixkosten durch die Preise gedeckt, so belassen die marktmächtigen Nachfrager den
Zulieferern wenigstens noch relative Gewinne, absolut entstehen natürlich Verluste, wobei kein
Unternehmen langfristig überleben kann.
Dieser Effekt verstärkt sich bei einer gesamtwirtschaftlichen Wachstumsschwäche mit
deflatorischer Tendenz, wie sie derzeit weitgehend vorliegt, oder auch im Fall einer
produktbezogenen Stagnations- oder Rückbildungsphase eines Marktes, der zu
Überkapazitäten führt, bei denen die Käufer am längeren Hebel sitzen.
Es gibt aber noch andere als rein betriebswirtschaftliche Ursachen für das Problem der
Nachfragemacht.Dazu gehört auch ein wettbewerbsimmanenter Konzentrationsprozess.Durch
ein internes Größenwachstum der Unternehmen in Anbetracht einer gewinngetriebenen
Kapitalakkumulation oder durch das krisenbedingte Marktausscheiden von Unternehmen, die
an der Grenze zur Rentabilität arbeiten, ist es auf vielen Märkten zu oligopolistischen
Marktmachtstrukturen gekommen.Außerdem ist heute der freie Marktzugang durch hohe
Markteintrittskosten-barrieren konkurrenzfähiger Neuanlagen in der Regel beschränkt.
Aber auch die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung, die durch eine Marktsättigung und
abnehmende Wachstumsraten gekennzeichnet ist, hat zu einer forcierten Nachfragemacht von
Unternehmen beigetragen.Angeheizt wurde dies noch durch eine seit vielen Jahren betriebene
einseitige angebotsorientierte, unternehmensbezogene Wirtschaftspolitik, die letztlich zu
immer mehr Nachfrageausfall an den Inlandsmärkten geführt hat.Hiervon sind insbesondere
die mittelständischen Unternehmen betroffen, wie die Deutsche Bundesbank feststellt.
Großunternehmen und Konzerne, die den Nachfrageausfall auch an ihren Absatzmärkten
durch Gewinnrückgänge zu spüren bekommen, setzen zur Kompensation auf zwei
wesentliche Strategien: Auf Senkung der Lohnkosten und Personalabbau sowie auf eine
forcierte Anwendung von Nachfragemacht an den Beschaffungsmärkten.Absatz- und
Gewinneinbrüche sollen hier durch Druck auf die Einkaufskonditionen ausgeglichen werden.
Die mittelständischen Zulieferer zahlen dafür die Rechnung.Es kommt zu enormen
Gewinnumverteilungen zu Gunsten der nachfragemächtigen Unternehmen, so dass den
mittelständischen Zulieferern die Möglichkeiten für Investitionen und Innovationen genommen
werden.Da die Zulieferer außerdem an ihren Beschaffungsmärkten in der Regel nicht über
Nachfragemacht verfügen, bleibt ihnen nur noch, den Preis- und Kostendruck auf die
Beschäftigten zu verlagern.Dadurch kommt es zu verschlechterten Arbeitsbedingungen, wie
längeren Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich und zu Lohnkürzungen sowie nicht selten zu
Entlassungen.
Die Eindämmung von Nachfragemacht muss an den Ursachen ansetzen.In erster Linie
entsteht sie aus wettbewerbsimmanenten Konzentrationsprozessen.Je mehr Angebotsmacht
zugelassen wird, um so mehr wird auch die Anwendung von Nachfragemacht möglich.Daher
muss eine konsequente staatliche Wettbewerbs- und Regulierungspolitik für Abhilfe sorgen.
Dies kann nur über eine vorbeugende Fusionskontrolle geschehen.
Der heute bestehende Rechtsrahmen im Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB)
reicht dazu allerdings nicht aus.Die im § 19 GWB definierte marktbeherrschende Stellung, die
sowohl für Anbieter an den Absatzmärkten als auch für Nachfrager an den
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Nachfragemacht von Unternehmen hat viele Ursachen.Betriebswirtschaftlich gesehen sind
industrielle Hersteller in der Regel auf wenige Produkte spezialisiert, wodurch die Abnehmer
Angriffsflächen haben.Fällt beim Zulieferer ein großer Nachfrager aus, so ist es schwer, kurz-
oder mittelfristig Ersatz zu finden.
Der Nachfrageausfall schmerzt besonders dann, wenn es sich beim Zulieferer um ein anlage-
und damit fixkostenintensives Unternehmen handelt.Hier kommt es durch die entstehenden
Leerkapazitäten zu einem starken Anstieg der Stückkosten, die, da sie in der Regel nicht
anderen Kunden im Zuge einer internen Quersubventionierung durch Preiserhöhungen
aufgebürdet werden können, die Zulieferer in arge Bedrängnis bringen.Marktstarke Nachfrager
wissen dies und drücken die Anbieter auf deren kurzfristige Preisuntergrenze, so dass es nur
zu einer Deckung der variablen Kosten kommt.Werden vielleicht zusätzlich noch anteilige
Fixkosten durch die Preise gedeckt, so belassen die marktmächtigen Nachfrager den
Zulieferern wenigstens noch relative Gewinne, absolut entstehen natürlich Verluste, wobei kein
Unternehmen langfristig überleben kann.
Dieser Effekt verstärkt sich bei einer gesamtwirtschaftlichen Wachstumsschwäche mit
deflatorischer Tendenz, wie sie derzeit weitgehend vorliegt, oder auch im Fall einer
produktbezogenen Stagnations- oder Rückbildungsphase eines Marktes, der zu
Überkapazitäten führt, bei denen die Käufer am längeren Hebel sitzen.
Es gibt aber noch andere als rein betriebswirtschaftliche Ursachen für das Problem der
Nachfragemacht.Dazu gehört auch ein wettbewerbsimmanenter Konzentrationsprozess.Durch
ein internes Größenwachstum der Unternehmen in Anbetracht einer gewinngetriebenen
Kapitalakkumulation oder durch das krisenbedingte Marktausscheiden von Unternehmen, die
an der Grenze zur Rentabilität arbeiten, ist es auf vielen Märkten zu oligopolistischen
Marktmachtstrukturen gekommen.Außerdem ist heute der freie Marktzugang durch hohe
Markteintrittskosten-barrieren konkurrenzfähiger Neuanlagen in der Regel beschränkt.
Aber auch die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung, die durch eine Marktsättigung und
abnehmende Wachstumsraten gekennzeichnet ist, hat zu einer forcierten Nachfragemacht von
Unternehmen beigetragen.Angeheizt wurde dies noch durch eine seit vielen Jahren betriebene
einseitige angebotsorientierte, unternehmensbezogene Wirtschaftspolitik, die letztlich zu
immer mehr Nachfrageausfall an den Inlandsmärkten geführt hat.Hiervon sind insbesondere
die mittelständischen Unternehmen betroffen, wie die Deutsche Bundesbank feststellt.
Großunternehmen und Konzerne, die den Nachfrageausfall auch an ihren Absatzmärkten
durch Gewinnrückgänge zu spüren bekommen, setzen zur Kompensation auf zwei
wesentliche Strategien: Auf Senkung der Lohnkosten und Personalabbau sowie auf eine
forcierte Anwendung von Nachfragemacht an den Beschaffungsmärkten.Absatz- und
Gewinneinbrüche sollen hier durch Druck auf die Einkaufskonditionen ausgeglichen werden.
Die mittelständischen Zulieferer zahlen dafür die Rechnung.Es kommt zu enormen
Gewinnumverteilungen zu Gunsten der nachfragemächtigen Unternehmen, so dass den
mittelständischen Zulieferern die Möglichkeiten für Investitionen und Innovationen genommen
werden.Da die Zulieferer außerdem an ihren Beschaffungsmärkten in der Regel nicht über
Nachfragemacht verfügen, bleibt ihnen nur noch, den Preis- und Kostendruck auf die
Beschäftigten zu verlagern.Dadurch kommt es zu verschlechterten Arbeitsbedingungen, wie
längeren Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich und zu Lohnkürzungen sowie nicht selten zu
Entlassungen.
Die Eindämmung von Nachfragemacht muss an den Ursachen ansetzen.In erster Linie
entsteht sie aus wettbewerbsimmanenten Konzentrationsprozessen.Je mehr Angebotsmacht
zugelassen wird, um so mehr wird auch die Anwendung von Nachfragemacht möglich.Daher
muss eine konsequente staatliche Wettbewerbs- und Regulierungspolitik für Abhilfe sorgen.
Dies kann nur über eine vorbeugende Fusionskontrolle geschehen.
Der heute bestehende Rechtsrahmen im Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB)
reicht dazu allerdings nicht aus.Die im § 19 GWB definierte marktbeherrschende Stellung, die
sowohl für Anbieter an den Absatzmärkten als auch für Nachfrager an den
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