Medienkompetenz und Selbstsozialisation im Kontext Web 2.0
Jahrbuch Medienpädagogik 8 Medienkompetenz und Web 20 (2010)
- ISBN: 9783531169446
- DOI: 10.1007/978-3-531-92135-8
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or
Abstract
G
Page 1
Medienkompetenz und Selbstsozialisation im Kontext Web 2.0
Tilmann Sutter
Medienkompetenz und Selbstsozialisation im Kontext
Web 2.0
Wie in vielen anderen Bereichen der sozialwissenschaftlichen Medienforschung
haben auch die Untersuchungen und Theorien Neuer Medien und der Internet-
kommunikation mit Problemen der Vereinseitigung und Verkürzung zu kämpfen
gehabt: Auf der einen Seite findet eine rasante Entwicklung immer neuer Mög-
lichkeiten der computervermittelten Kommunikation statt, die eng mit neuen
technologischen Errungenschaften und neuen medialen Formen verbunden sind.
Für diese Dimension Neuer Medien stand und steht in letzter Zeit das Schlag-
wort Web 2.0, das eine neue Qualität der Partizipation an und der Gestaltung von
Internetangeboten für die Nutzer bezeichnet. Auf der anderen Seite wächst in
vielen sozialwissenschaftlichen Arbeiten zur Internetkommunikation das Be-
wusstsein, dass mediale Partizipations- und Gestaltungsmöglichkeiten keines-
wegs schon mit deren Realisierung und Ausschöpfung durch die Nutzer gleich-
zusetzen sind, sondern dass hier eine mehr oder weniger große Lücke klafft. Für
die Dimension der Fähigkeit und Bereitschaft zur tatsächlichen Nutzung neuer
medial eröffneter Möglichkeiten steht der zentrale Begriff der Medienkompe-
tenz, der wiederum als Grundlage für Prozesse des mobilen Lernens im Rahmen
Neuer Medien anzusehen ist. Wenn man sich Fragen der Medienkompetenzen
und des sogenannten „E-Learnings“ im Rahmen Neuer Medien nähert, wird man
zunächst allgemein den Zusammenhang von Medienkompetenzen und Neuen
Medien und hier vor allem das Verhältnis von den durch Neue Medien prinzipi-
ell eröffneten Möglichkeiten und den im praktischen Umgang mit Neuen Medien
dann auch realisierten Potentialen beleuchten müssen.
Eine nicht geringe Schwierigkeit der Klärung dieses Zusammenhangs be-
steht darin, dass sie auf zwei weit verbreitete Schlagworte trifft, die höchst un-
klar bestimmt sind: Kompetenz bzw. Medienkompetenz und Web 2.0. Man
bräuchte, wie immer in der Wissenschaft, etwas Zeit, um hier neue Entwicklun-
gen und neue Zusammenhänge abzusehen und zu bedenken. Wenn etwa im Kon-
text von Web 2.0 gesagt wird, „normativer Referenzpunkt für die Förderung von
Medienkompetenz sollte die Steigerung der Lebensqualität in der Wissensgesell-
Medienkompetenz und Selbstsozialisation im Kontext
Web 2.0
Wie in vielen anderen Bereichen der sozialwissenschaftlichen Medienforschung
haben auch die Untersuchungen und Theorien Neuer Medien und der Internet-
kommunikation mit Problemen der Vereinseitigung und Verkürzung zu kämpfen
gehabt: Auf der einen Seite findet eine rasante Entwicklung immer neuer Mög-
lichkeiten der computervermittelten Kommunikation statt, die eng mit neuen
technologischen Errungenschaften und neuen medialen Formen verbunden sind.
Für diese Dimension Neuer Medien stand und steht in letzter Zeit das Schlag-
wort Web 2.0, das eine neue Qualität der Partizipation an und der Gestaltung von
Internetangeboten für die Nutzer bezeichnet. Auf der anderen Seite wächst in
vielen sozialwissenschaftlichen Arbeiten zur Internetkommunikation das Be-
wusstsein, dass mediale Partizipations- und Gestaltungsmöglichkeiten keines-
wegs schon mit deren Realisierung und Ausschöpfung durch die Nutzer gleich-
zusetzen sind, sondern dass hier eine mehr oder weniger große Lücke klafft. Für
die Dimension der Fähigkeit und Bereitschaft zur tatsächlichen Nutzung neuer
medial eröffneter Möglichkeiten steht der zentrale Begriff der Medienkompe-
tenz, der wiederum als Grundlage für Prozesse des mobilen Lernens im Rahmen
Neuer Medien anzusehen ist. Wenn man sich Fragen der Medienkompetenzen
und des sogenannten „E-Learnings“ im Rahmen Neuer Medien nähert, wird man
zunächst allgemein den Zusammenhang von Medienkompetenzen und Neuen
Medien und hier vor allem das Verhältnis von den durch Neue Medien prinzipi-
ell eröffneten Möglichkeiten und den im praktischen Umgang mit Neuen Medien
dann auch realisierten Potentialen beleuchten müssen.
Eine nicht geringe Schwierigkeit der Klärung dieses Zusammenhangs be-
steht darin, dass sie auf zwei weit verbreitete Schlagworte trifft, die höchst un-
klar bestimmt sind: Kompetenz bzw. Medienkompetenz und Web 2.0. Man
bräuchte, wie immer in der Wissenschaft, etwas Zeit, um hier neue Entwicklun-
gen und neue Zusammenhänge abzusehen und zu bedenken. Wenn etwa im Kon-
text von Web 2.0 gesagt wird, „normativer Referenzpunkt für die Förderung von
Medienkompetenz sollte die Steigerung der Lebensqualität in der Wissensgesell-
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schaft sein“ (Gapski/Gräßer 2007, S. 11), so findet das sicher breite Zustimmung
– es ist aber auch schwer zu widerlegen, weil nicht klar wird, was damit gemeint
ist. Das ist kein grundlegender Einwand gegen diese ersten Versuche, Neuland
zu betreten. Zunächst geht es darum, neue Entwicklungen im Zusammenhang
mit Web 2.0 zu beschreiben, um dann schrittweise das Verhältnis dieser neuen
Formen der Medienkommunikation und der entsprechenden Medienkompeten-
zen zu klären.
Mittlerweile gehört E-Learning vor allem an Hochschulen mehr und mehr
zum Alltag in der Lehre. Eine aktuelle Systematik von Michael Kerres und Axel
Nattland (2007) unterscheidet Merkmale von E-Learning im Web 1.0-Format
und im Web 2.0-Format. „E-Learning 1.0“ (ebd., S. 46) bedeutet, eine geschlos-
sene Lernumgebung wie eine Insel im Internet mit Inhalten und Werkzeugen zur
Verfügung zu stellen. Der Lehrende bestückt die Insel mit diesen Inhalten und
Werkzeugen, die der Lernende dann nutzt. Dagegen bedeutet „E-Learning 2.0“,
dass eine offene, vernetzte Lernumgebung als ein Portal in das Internet mit In-
halten und Werkzeugen zur Verfügung gestellt wird. Der Lehrende stellt die
Wegweiser auf, und der Lernende konfiguriert seine persönliche Lern- und Ar-
beitsumgebung. Sicherlich ist es eine spannende Frage, inwieweit Neue Medien
Lernprozesse vom Umgang mit massenmedial verbreiteten, also generalisierten
Texten zu einem Umgang mit individuell verfügbaren und gestaltbaren Texten
umstellen können. In der wissenschaftlichen Ausbildung gibt es hier sicherlich
Grenzen, vor allem im Hinblick auf Nachprüfbarkeit und Seriosität der verwen-
deten Quellen.
Vor dem Hintergrund rasanter und kaum absehbarer Entwicklungen, vor
dem vieles offen und spekulativ bleiben muss, sollen im Folgenden einige Bau-
steine des Zusammenhangs von Medienkompetenz im Kontext Web 2.0 aus
mediensoziologischer Sicht näher beleuchtet werden. Der Schwerpunkt liegt
dabei nicht auf der konkreten Bestimmung festgelegter Schlüsselqualifikationen
für den Umgang mit Neuen Medien, sondern auf der Frage, wie wir uns grund-
sätzlich Prozesse des Lernens und der Sozialisation im Umgang mit Neuen Me-
dien vorzustellen haben. Es handelt sich also vor allem um eine Erörterung eini-
ger Grundlagen, die benötigt werden, um Fragen des Kompetenzerwerbs im
Umgang mit neuen Medien zu bearbeiten.
Im ersten Schritt wird der weit verbreitete Begriff der Medienkompetenz
näher beleuchtet. Mit Begriffen der Medienkompetenz werden vielfältige Fähig-
keiten und Fertigkeiten beschrieben und zwar überwiegend in Form statisch
feststellbarer Lernresultate. Dieses Problem, mehr Lernresultate und weniger
Lernprozesse zu erfassen, ist ein allgemeines Problem von Kompetenztheorien.
Es ist leicht, diese oder jene Medienkompetenzen zu formulieren; daneben gilt es
die schwierigere Frage zu beantworten, wie Kompetenzen erworben werden und
schaft sein“ (Gapski/Gräßer 2007, S. 11), so findet das sicher breite Zustimmung
– es ist aber auch schwer zu widerlegen, weil nicht klar wird, was damit gemeint
ist. Das ist kein grundlegender Einwand gegen diese ersten Versuche, Neuland
zu betreten. Zunächst geht es darum, neue Entwicklungen im Zusammenhang
mit Web 2.0 zu beschreiben, um dann schrittweise das Verhältnis dieser neuen
Formen der Medienkommunikation und der entsprechenden Medienkompeten-
zen zu klären.
Mittlerweile gehört E-Learning vor allem an Hochschulen mehr und mehr
zum Alltag in der Lehre. Eine aktuelle Systematik von Michael Kerres und Axel
Nattland (2007) unterscheidet Merkmale von E-Learning im Web 1.0-Format
und im Web 2.0-Format. „E-Learning 1.0“ (ebd., S. 46) bedeutet, eine geschlos-
sene Lernumgebung wie eine Insel im Internet mit Inhalten und Werkzeugen zur
Verfügung zu stellen. Der Lehrende bestückt die Insel mit diesen Inhalten und
Werkzeugen, die der Lernende dann nutzt. Dagegen bedeutet „E-Learning 2.0“,
dass eine offene, vernetzte Lernumgebung als ein Portal in das Internet mit In-
halten und Werkzeugen zur Verfügung gestellt wird. Der Lehrende stellt die
Wegweiser auf, und der Lernende konfiguriert seine persönliche Lern- und Ar-
beitsumgebung. Sicherlich ist es eine spannende Frage, inwieweit Neue Medien
Lernprozesse vom Umgang mit massenmedial verbreiteten, also generalisierten
Texten zu einem Umgang mit individuell verfügbaren und gestaltbaren Texten
umstellen können. In der wissenschaftlichen Ausbildung gibt es hier sicherlich
Grenzen, vor allem im Hinblick auf Nachprüfbarkeit und Seriosität der verwen-
deten Quellen.
Vor dem Hintergrund rasanter und kaum absehbarer Entwicklungen, vor
dem vieles offen und spekulativ bleiben muss, sollen im Folgenden einige Bau-
steine des Zusammenhangs von Medienkompetenz im Kontext Web 2.0 aus
mediensoziologischer Sicht näher beleuchtet werden. Der Schwerpunkt liegt
dabei nicht auf der konkreten Bestimmung festgelegter Schlüsselqualifikationen
für den Umgang mit Neuen Medien, sondern auf der Frage, wie wir uns grund-
sätzlich Prozesse des Lernens und der Sozialisation im Umgang mit Neuen Me-
dien vorzustellen haben. Es handelt sich also vor allem um eine Erörterung eini-
ger Grundlagen, die benötigt werden, um Fragen des Kompetenzerwerbs im
Umgang mit neuen Medien zu bearbeiten.
Im ersten Schritt wird der weit verbreitete Begriff der Medienkompetenz
näher beleuchtet. Mit Begriffen der Medienkompetenz werden vielfältige Fähig-
keiten und Fertigkeiten beschrieben und zwar überwiegend in Form statisch
feststellbarer Lernresultate. Dieses Problem, mehr Lernresultate und weniger
Lernprozesse zu erfassen, ist ein allgemeines Problem von Kompetenztheorien.
Es ist leicht, diese oder jene Medienkompetenzen zu formulieren; daneben gilt es
die schwierigere Frage zu beantworten, wie Kompetenzen erworben werden und
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