Motive für einen Freiwilligendienst und die Identitätsentwicklung im späten Jugendalter
Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie (2003)
- ISSN: 09493964
- DOI: 10.1026//0049-8637.35.4.221
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Motive für einen Freiwilligendienst und die Identitätsentwicklung im späten Jugendalter
221Freiwilligendienst und Identitätsentwicklung
Sonderdruck aus: Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 35 (4), 221–228
© Hogrefe-Verlag Göttingen 2003
Motive für einen Freiwilligendienst
und die Identitätsentwicklung
im späten Jugendalter:
Eine empirische Untersuchung zur Lebenslaufcharakteristik
„neuen sozialen Engagements“
Tobias Krettenauer und Niki Gudulas
Humboldt-Universität zu Berlin
DOI: 10.1026//0049-8637.35.4.221
Niki Gudulas ist nunmehr an der Friedrich-Schiller-Universität
Jena.
Unser besonderer Dank gilt Hubert Sydow für seine hilfreichen
Kommentare und Anmerkungen zu vorläufigen Versionen des Manu-
skripts.
Zusammenfassung. Ziel der Studie war es, freiwilliges soziales Engagement in funktionalem Zusammenhang mit der Bewältigung
lebensphasenspezifischer Entwicklungsaufgaben zu betrachten. Hierfür wurden die Bereitschaft Jugendlicher zu einem einjährigen
Freiwilligendienst im Ausland (FA) sowie die Motive für einen FA im Kontext der Identitätsentwicklung untersucht. Theoretisch
wurde erwartet, dass die Bereitschaft zu einem FA in Abhängigkeit von der Identitätsentwicklung unterschiedlich ausfällt. Ferner
wurde davon ausgegangen, dass sich die Bedeutsamkeit einzelner Motive für einen FA im Zuge der Identitätsentwicklung ändert. Um
diese Annahmen zu prüfen, wurden 100 Jugendliche (M = 19.4 Jahre), die sich für einen FA beworben hatten, mittels eines neu
entwickelten Fragebogens über ihre Motive befragt. Die Aussagen der Befragten wurden mit einer Vergleichsgruppe Gleichaltriger
kontrastiert (n = 64). Empirisch ergab sich bei ausgeprägter Identitätssuche eine erhöhte Bereitschaft zu einem FA. Dabei waren in
Abhängigkeit vom Identitätsstatus unterschiedliche Motive für einen FA bedeutsam. Im Ganzen weist die Untersuchung auf eine
Lebenslaufcharakteristik „neuen sozialen Engagements“ hin, die es bei dessen genaueren Beschreibung und Erklärung zu berücksich-
tigen gilt.
Schlüsselwörter: freiwilliges soziales Engagement, Identitätsentwicklung, Jugendalter
Motives for volunteering and identity development in late adolescence: An empirical study of life-course characteristics of civic
engagement
Abstract. The aim of the study was to investigate the functional relations between volunteering and individuals’ coping with special
developmental tasks. For this purpose, adolescents’ readiness and motives for joining a one-year volunteer program for charitable
work abroad was analyzed in the context of identity development. Theoretically, it was expected that readiness for volunteering
depends on the identity status of adolescents. Moreover, it was assumed that the significance of various motives for volunteering
changes in the course of identity development. To test these assumptions, 100 adolescents (mean age 19.4 years) who had applied for
the volunteer program completed a newly developed questionnaire assessing their motives for volunteering. Responses of volunteers
were compared with a group of non volunteers of similar age (n = 64). Empirically, moratorium as an identity status was associated
with greater readiness for volunteering. Also, adolescents’ motives for volunteering were correlated with identity statuses. In sum, the
study points at life-course characteristics of civic engagement that need to be taken into account more thoroughly by future research.
Key words: volunteering, identity development, adolescence
In den vergangenen Jahren wurde dem freiwilligen sozia-
len Engagement von Bürgerinnen und Bürgern besondere
Aufmerksamkeit zuteil. Dies zeigt sich nicht nur z. B.
daran, dass das Jahr 2001 zum Internationalen Jahr der
Freiwilligen erklärt und zeitgleich eine Enquete-Kommis-
sion des Deutschen Bundestags zur Zukunft des bürger-
schaftlichen Engagements ins Leben gerufen wurde. Auch
in den Sozialwissenschaften ist international eine wach-
sende Zahl von Forschungsprojekten und Veröffent-
lichungen zu diesem Thema zu verzeichnen (vgl. Beher,
Liebig & Rauschenbach, 1998; Yates & Youniss, 1999).
Die Gründe für dieses Interesse liegen auf der Hand: Vor
dem Hintergrund gesellschaftlicher Individualisierungs-
prozesse und der Auflösung traditioneller Gemeinschafts-
bindungen gewinnt die Frage, unter welchen Vorausset-
Sonderdruck aus: Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 35 (4), 221–228
© Hogrefe-Verlag Göttingen 2003
Motive für einen Freiwilligendienst
und die Identitätsentwicklung
im späten Jugendalter:
Eine empirische Untersuchung zur Lebenslaufcharakteristik
„neuen sozialen Engagements“
Tobias Krettenauer und Niki Gudulas
Humboldt-Universität zu Berlin
DOI: 10.1026//0049-8637.35.4.221
Niki Gudulas ist nunmehr an der Friedrich-Schiller-Universität
Jena.
Unser besonderer Dank gilt Hubert Sydow für seine hilfreichen
Kommentare und Anmerkungen zu vorläufigen Versionen des Manu-
skripts.
Zusammenfassung. Ziel der Studie war es, freiwilliges soziales Engagement in funktionalem Zusammenhang mit der Bewältigung
lebensphasenspezifischer Entwicklungsaufgaben zu betrachten. Hierfür wurden die Bereitschaft Jugendlicher zu einem einjährigen
Freiwilligendienst im Ausland (FA) sowie die Motive für einen FA im Kontext der Identitätsentwicklung untersucht. Theoretisch
wurde erwartet, dass die Bereitschaft zu einem FA in Abhängigkeit von der Identitätsentwicklung unterschiedlich ausfällt. Ferner
wurde davon ausgegangen, dass sich die Bedeutsamkeit einzelner Motive für einen FA im Zuge der Identitätsentwicklung ändert. Um
diese Annahmen zu prüfen, wurden 100 Jugendliche (M = 19.4 Jahre), die sich für einen FA beworben hatten, mittels eines neu
entwickelten Fragebogens über ihre Motive befragt. Die Aussagen der Befragten wurden mit einer Vergleichsgruppe Gleichaltriger
kontrastiert (n = 64). Empirisch ergab sich bei ausgeprägter Identitätssuche eine erhöhte Bereitschaft zu einem FA. Dabei waren in
Abhängigkeit vom Identitätsstatus unterschiedliche Motive für einen FA bedeutsam. Im Ganzen weist die Untersuchung auf eine
Lebenslaufcharakteristik „neuen sozialen Engagements“ hin, die es bei dessen genaueren Beschreibung und Erklärung zu berücksich-
tigen gilt.
Schlüsselwörter: freiwilliges soziales Engagement, Identitätsentwicklung, Jugendalter
Motives for volunteering and identity development in late adolescence: An empirical study of life-course characteristics of civic
engagement
Abstract. The aim of the study was to investigate the functional relations between volunteering and individuals’ coping with special
developmental tasks. For this purpose, adolescents’ readiness and motives for joining a one-year volunteer program for charitable
work abroad was analyzed in the context of identity development. Theoretically, it was expected that readiness for volunteering
depends on the identity status of adolescents. Moreover, it was assumed that the significance of various motives for volunteering
changes in the course of identity development. To test these assumptions, 100 adolescents (mean age 19.4 years) who had applied for
the volunteer program completed a newly developed questionnaire assessing their motives for volunteering. Responses of volunteers
were compared with a group of non volunteers of similar age (n = 64). Empirically, moratorium as an identity status was associated
with greater readiness for volunteering. Also, adolescents’ motives for volunteering were correlated with identity statuses. In sum, the
study points at life-course characteristics of civic engagement that need to be taken into account more thoroughly by future research.
Key words: volunteering, identity development, adolescence
In den vergangenen Jahren wurde dem freiwilligen sozia-
len Engagement von Bürgerinnen und Bürgern besondere
Aufmerksamkeit zuteil. Dies zeigt sich nicht nur z. B.
daran, dass das Jahr 2001 zum Internationalen Jahr der
Freiwilligen erklärt und zeitgleich eine Enquete-Kommis-
sion des Deutschen Bundestags zur Zukunft des bürger-
schaftlichen Engagements ins Leben gerufen wurde. Auch
in den Sozialwissenschaften ist international eine wach-
sende Zahl von Forschungsprojekten und Veröffent-
lichungen zu diesem Thema zu verzeichnen (vgl. Beher,
Liebig & Rauschenbach, 1998; Yates & Youniss, 1999).
Die Gründe für dieses Interesse liegen auf der Hand: Vor
dem Hintergrund gesellschaftlicher Individualisierungs-
prozesse und der Auflösung traditioneller Gemeinschafts-
bindungen gewinnt die Frage, unter welchen Vorausset-
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222 Tobias Krettenauer und Niki Gudulas
zungen Menschen heute Solidarität praktizieren zwangs-
läufig an Relevanz (Krettenauer, 1999). Herkömmliche
Formen des freiwilligen Engagements in etablierten Insti-
tutionen haben an Bedeutung verloren; im Gegenzug sind
neue Engagementformen entstanden, die es genauer ein-
zugrenzen und zu charakterisieren gilt (Hondrich &
Koch-Arzberger, 1992). Dabei ist viel von einer „neuen
Ehrenamtlichkeit“ die Rede, die im Unterschied zum
„alten Ehrenamt“ nicht auf langwährenden institutionel-
len Bindungen beruht, sondern von vornherein zeitlich be-
fristet ist und bei der selbstbezogene Motive (z.B. Selbst-
erfahrung, Kompetenzzuwachs) eine wichtige Rolle spie-
len (Heinze & Olk, 1999). Fraglos können Jugendliche
als Vorreiter dieses Wandels vom „alten“ zum „neuen“
Ehrenamt gelten, denn für die meisten Jugendlichen von
heute ist soziales Engagement im herkömmlichen Sinne
kaum mehr denkbar (Jugendwerk der deutschen Shell,
1997).
Für freiwilliges soziales Engagement von heute sind
die individuellen Motive entscheidend. Wichtiger als Ge-
meinschafts- oder Milieubindungen sind also individuelle
Erwartungen und Erfahrungen, die sich mit dem Engage-
ment verbinden. Diesen kommt für die Aufnahme und
Aufrechterhaltung sozialen Engagements eine zentrale
Rolle zu (vgl. Omoto & Snyder, 1995; Clary et al., 1998;
Küpper & Bierhoff, 1999). Dabei sind die individuellen
Motive für ehrenamtliches Engagement zum einen auf
allgemeine Persönlichkeitseigenschaften und Einstellun-
gen rückführbar (vgl. Bierhoff & Schülken, 2001; Mosch-
ner, 1998). Darüber hinaus lässt sich aber auch eine
Lebenslaufcharakteristik bzw. „Lebensphasenabhängig-
keit“ (Rauschenbach, Müller & Otto, 1992) annehmen,
d.h. Motive für freiwilliges soziales Engagement können
sich im Lebenslauf systematisch ändern. Theoretisch wur-
de hierauf mehrfach hingewiesen (Heinze & Olk, 1999;
Klages & Gensicke, 1999; Rauschenbach et al., 1992). Im
Rahmen empirischer Studien wurde dieser Sachverhalt
bislang jedoch vollständig vernachlässigt. Für Jugend-
liche und junge Erwachsene beispielsweise, die sich noch
in der Ausbildung befinden, mag ehrenamtliches Engage-
ment primär ein Mittel sein, berufsrelevante Erfahrungen
zu sammeln. Für Berufstätige im mittleren Erwachsenen-
alter kann ehrenamtliches Engagement hingegen ein will-
kommener Ausgleich zum beruflichen Alltag darstellen.
Für ältere Menschen kann das Engagement wiederum
soziale Kontakte und Relevanzerfahrungen vermitteln.
Motive für freiwilliges soziales Engagement können sich
also nach Maßgabe lebensphasenspezifischer Umstände
und sozialer Beziehungsmuster verändern. Aus entwick-
lungspsychologischer Perspektive bedeutet dies, dass die
Motive für freiwilliges Engagement in einem funktiona-
len Zusammenhang mit der Bewältigung phasenspezifi-
scher Entwicklungsaufgaben stehen. Obgleich dieser
Sachverhalt naheliegend erscheint, wurde er in der Ent-
wicklungspsychologie bislang nicht thematisiert.
Ziel der vorliegenden Studie war es, diesen genuin
entwicklungspsychologischen Gesichtspunkt bei der Er-
forschung freiwilligen sozialen Engagements stärker als
bislang zur Geltung zu bringen. Konkret sollte untersucht
werden, inwieweit sich die These eines funktionalen Zu-
sammenhangs zwischen den Motiven für freiwilliges En-
gagement und der Bewältigung phasenspezifischer Ent-
wicklungsaufgaben empirisch untermauern lässt. Freilich
konnte dies nicht auf erschöpfende Art und Weise erfol-
gen, denn dies hätte erfordert, eine Vielzahl unterschied-
licher Engagementformen systematisch mit unterschied-
lichen Entwicklungsaufgaben zu kombinieren. Da dies
einen kaum zu ermessenden Aufwand bei der Datenerhe-
bung bedeutet hätte, wurde die alternative Strategie einer
paradigmatischen Vorgehensweise gewählt. Dabei wurde
eine einzige Engagementform, und zwar ein einjähriger
Freiwilligendienst von Jugendlichen bzw. jungen Erwach-
senen im Ausland (im Weiteren auch abkürzt mit FA), im
Kontext einer spezifischen Entwicklungsaufgabe betrach-
tet, nämlich der Identitätsfindung. Die Auswahl dieses
Untersuchungskontexts erschien angemessen, da die Mo-
tive Jugendlicher für diese Form sozialen Engagements
bereits untersucht wurden, also als hinlänglich bekannt
vorausgesetzt werden konnten. Darüber hinaus ist die Re-
levanz eines FA für die Identitätsentwicklung theoretisch
unbestritten (Hofer, 1999; Yates & Youniss, 1996).
Wenn sich Jugendliche – meist am Ende ihrer Schul-
zeit im Alter von etwa 19 bis 21 Jahren – dafür entschei-
den, eine längere Zeit ins Ausland zu gehen, um dort in
einer karitativen Einrichtung für ein monatliches Taschen-
geld zu arbeiten, dann kann dies – ungeachtet der Organi-
sationsform des FA – unterschiedliche Gründe haben, wie
Mundorf (2000) im Rahmen einer qualitativen Interview-
befragung herausgearbeitet hat: Für manche steht der
Auslandsaufenthalt im Vordergrund und der Wunsch
neue Erfahrungen zu sammeln und eine andere Kultur
kennenzulernen. Für andere wiederum steht der FA in
engem Zusammenhang mit der eigenen Berufsplanung.
Ein dritter Bereich von Motiven speist sich aus dem
Wunsch, Abstand vom Elternhaus und eine größere Un-
abhängigkeit zu gewinnen. Von diesen drei Motivberei-
chen, die alle eher selbstbezogen sind, lässt sich ein vier-
ter Bereich prosozialer Motive abgrenzen. In diesem Fall
geht es den Jugendlichen darum, sich für politisch-mora-
lische Ideale einzusetzen, Mitmenschlichkeit zu praktizie-
ren und soziale Verantwortung zu übernehmen.
Vergleicht man diese qualitativen Ergebnisse mit
quantitativen Fragebogenerhebungen, ergibt sich ein ähn-
liches Bild. So zeigt die Befragung von Rahrbach, Wüs-
tendörfer und Arnold (1998), dass Freiwillige vor allem
folgenden Motiv-Items zustimmen: „einmal etwas Neues
machen“, „eine andere Kultur und Gesellschaft kennen-
lernen“, „zwischen Schule und Studium etwas Praktisches
tun“, „meine sozialen Kenntnisse und Fähigkeiten verbes-
sern“, „mich persönlich weiterbilden“, „anderen Men-
schen helfen“. Eine faktorenanalytische Dimensionierung
solcher Motiv-Items analog etwa zu den Untersuchungen
von Bierhoff (vgl. Bierhoff & Schülken, 2001) wurde in
bisherigen Untersuchungen leider nicht vorgenommen.
Der Versuch, zu einer empirischen Differenzierung von
unterschiedlichen Motivdimensionen für einen FA zu
gelangen, ist bislang also nicht erfolgt. Dennoch ist
unschwer zu erkennen, dass sich in den beschriebenen
Motiven für einen FA zentrale Themen der Identitätsfin-
dung widerspiegeln: den Jugendlichen geht es um den
zungen Menschen heute Solidarität praktizieren zwangs-
läufig an Relevanz (Krettenauer, 1999). Herkömmliche
Formen des freiwilligen Engagements in etablierten Insti-
tutionen haben an Bedeutung verloren; im Gegenzug sind
neue Engagementformen entstanden, die es genauer ein-
zugrenzen und zu charakterisieren gilt (Hondrich &
Koch-Arzberger, 1992). Dabei ist viel von einer „neuen
Ehrenamtlichkeit“ die Rede, die im Unterschied zum
„alten Ehrenamt“ nicht auf langwährenden institutionel-
len Bindungen beruht, sondern von vornherein zeitlich be-
fristet ist und bei der selbstbezogene Motive (z.B. Selbst-
erfahrung, Kompetenzzuwachs) eine wichtige Rolle spie-
len (Heinze & Olk, 1999). Fraglos können Jugendliche
als Vorreiter dieses Wandels vom „alten“ zum „neuen“
Ehrenamt gelten, denn für die meisten Jugendlichen von
heute ist soziales Engagement im herkömmlichen Sinne
kaum mehr denkbar (Jugendwerk der deutschen Shell,
1997).
Für freiwilliges soziales Engagement von heute sind
die individuellen Motive entscheidend. Wichtiger als Ge-
meinschafts- oder Milieubindungen sind also individuelle
Erwartungen und Erfahrungen, die sich mit dem Engage-
ment verbinden. Diesen kommt für die Aufnahme und
Aufrechterhaltung sozialen Engagements eine zentrale
Rolle zu (vgl. Omoto & Snyder, 1995; Clary et al., 1998;
Küpper & Bierhoff, 1999). Dabei sind die individuellen
Motive für ehrenamtliches Engagement zum einen auf
allgemeine Persönlichkeitseigenschaften und Einstellun-
gen rückführbar (vgl. Bierhoff & Schülken, 2001; Mosch-
ner, 1998). Darüber hinaus lässt sich aber auch eine
Lebenslaufcharakteristik bzw. „Lebensphasenabhängig-
keit“ (Rauschenbach, Müller & Otto, 1992) annehmen,
d.h. Motive für freiwilliges soziales Engagement können
sich im Lebenslauf systematisch ändern. Theoretisch wur-
de hierauf mehrfach hingewiesen (Heinze & Olk, 1999;
Klages & Gensicke, 1999; Rauschenbach et al., 1992). Im
Rahmen empirischer Studien wurde dieser Sachverhalt
bislang jedoch vollständig vernachlässigt. Für Jugend-
liche und junge Erwachsene beispielsweise, die sich noch
in der Ausbildung befinden, mag ehrenamtliches Engage-
ment primär ein Mittel sein, berufsrelevante Erfahrungen
zu sammeln. Für Berufstätige im mittleren Erwachsenen-
alter kann ehrenamtliches Engagement hingegen ein will-
kommener Ausgleich zum beruflichen Alltag darstellen.
Für ältere Menschen kann das Engagement wiederum
soziale Kontakte und Relevanzerfahrungen vermitteln.
Motive für freiwilliges soziales Engagement können sich
also nach Maßgabe lebensphasenspezifischer Umstände
und sozialer Beziehungsmuster verändern. Aus entwick-
lungspsychologischer Perspektive bedeutet dies, dass die
Motive für freiwilliges Engagement in einem funktiona-
len Zusammenhang mit der Bewältigung phasenspezifi-
scher Entwicklungsaufgaben stehen. Obgleich dieser
Sachverhalt naheliegend erscheint, wurde er in der Ent-
wicklungspsychologie bislang nicht thematisiert.
Ziel der vorliegenden Studie war es, diesen genuin
entwicklungspsychologischen Gesichtspunkt bei der Er-
forschung freiwilligen sozialen Engagements stärker als
bislang zur Geltung zu bringen. Konkret sollte untersucht
werden, inwieweit sich die These eines funktionalen Zu-
sammenhangs zwischen den Motiven für freiwilliges En-
gagement und der Bewältigung phasenspezifischer Ent-
wicklungsaufgaben empirisch untermauern lässt. Freilich
konnte dies nicht auf erschöpfende Art und Weise erfol-
gen, denn dies hätte erfordert, eine Vielzahl unterschied-
licher Engagementformen systematisch mit unterschied-
lichen Entwicklungsaufgaben zu kombinieren. Da dies
einen kaum zu ermessenden Aufwand bei der Datenerhe-
bung bedeutet hätte, wurde die alternative Strategie einer
paradigmatischen Vorgehensweise gewählt. Dabei wurde
eine einzige Engagementform, und zwar ein einjähriger
Freiwilligendienst von Jugendlichen bzw. jungen Erwach-
senen im Ausland (im Weiteren auch abkürzt mit FA), im
Kontext einer spezifischen Entwicklungsaufgabe betrach-
tet, nämlich der Identitätsfindung. Die Auswahl dieses
Untersuchungskontexts erschien angemessen, da die Mo-
tive Jugendlicher für diese Form sozialen Engagements
bereits untersucht wurden, also als hinlänglich bekannt
vorausgesetzt werden konnten. Darüber hinaus ist die Re-
levanz eines FA für die Identitätsentwicklung theoretisch
unbestritten (Hofer, 1999; Yates & Youniss, 1996).
Wenn sich Jugendliche – meist am Ende ihrer Schul-
zeit im Alter von etwa 19 bis 21 Jahren – dafür entschei-
den, eine längere Zeit ins Ausland zu gehen, um dort in
einer karitativen Einrichtung für ein monatliches Taschen-
geld zu arbeiten, dann kann dies – ungeachtet der Organi-
sationsform des FA – unterschiedliche Gründe haben, wie
Mundorf (2000) im Rahmen einer qualitativen Interview-
befragung herausgearbeitet hat: Für manche steht der
Auslandsaufenthalt im Vordergrund und der Wunsch
neue Erfahrungen zu sammeln und eine andere Kultur
kennenzulernen. Für andere wiederum steht der FA in
engem Zusammenhang mit der eigenen Berufsplanung.
Ein dritter Bereich von Motiven speist sich aus dem
Wunsch, Abstand vom Elternhaus und eine größere Un-
abhängigkeit zu gewinnen. Von diesen drei Motivberei-
chen, die alle eher selbstbezogen sind, lässt sich ein vier-
ter Bereich prosozialer Motive abgrenzen. In diesem Fall
geht es den Jugendlichen darum, sich für politisch-mora-
lische Ideale einzusetzen, Mitmenschlichkeit zu praktizie-
ren und soziale Verantwortung zu übernehmen.
Vergleicht man diese qualitativen Ergebnisse mit
quantitativen Fragebogenerhebungen, ergibt sich ein ähn-
liches Bild. So zeigt die Befragung von Rahrbach, Wüs-
tendörfer und Arnold (1998), dass Freiwillige vor allem
folgenden Motiv-Items zustimmen: „einmal etwas Neues
machen“, „eine andere Kultur und Gesellschaft kennen-
lernen“, „zwischen Schule und Studium etwas Praktisches
tun“, „meine sozialen Kenntnisse und Fähigkeiten verbes-
sern“, „mich persönlich weiterbilden“, „anderen Men-
schen helfen“. Eine faktorenanalytische Dimensionierung
solcher Motiv-Items analog etwa zu den Untersuchungen
von Bierhoff (vgl. Bierhoff & Schülken, 2001) wurde in
bisherigen Untersuchungen leider nicht vorgenommen.
Der Versuch, zu einer empirischen Differenzierung von
unterschiedlichen Motivdimensionen für einen FA zu
gelangen, ist bislang also nicht erfolgt. Dennoch ist
unschwer zu erkennen, dass sich in den beschriebenen
Motiven für einen FA zentrale Themen der Identitätsfin-
dung widerspiegeln: den Jugendlichen geht es um den
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