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Ohne antike Sklaverei kein moderner Sozialismus“. Über die marxistische Formationstheorie in der DDR-Althistorie

by Matti Stöhr
(2008)

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Ohne antike Sklaverei kein moderner Sozialismus“. Über die marxistische Formationstheorie in der DDR-Althistorie

Humboldt-Universität zu Berlin
Institut für Geschichtswissenschaften
Sommersemester 2008
HS 51114: Althistorie in der DDR
Dozent: Prof. Dr. Wilfried Nippel
Essayist: Matti Stöhr (stoehrma@cms.hu-berlin.de)


„Ohne antike Sklaverei kein moderner Sozialismus“
Über die marxistische Formationstheorie in der DDR-Althistorie

In der marxistischen Theorie des Historischen-Materialismus spielt der Begriff „Gesell-
schaftsformation“ bzw. „Gesellschaftsform“ eine wichtige Rolle. Mit ihm wird – kurz
zusammengefasst – die Fülle der sozioökonomischen Bedingungen einer konkreten Gesell-
schaft bezeichnet.1 In allen Gesellschaftsformen bildet laut Karl Marx eine bestimmte
„Produktionsweise“ den ökonomischen Unterbau der Gesellschaft. Gemäß dieser Auffassung,
wirken die wirtschaftlichen Verhältnisse strukturierend und letztendlich determinierend auf
alle anderen gesellschaftlichen Erscheinungen ein. Nach Marx ist jede historische
Gesellschaftsform von Klassenkämpfen (Revolutionen) geprägt, die den „Motor
gesellschaftlicher Entwicklung“ darstellen. Ausgehend davon spricht die marxistische
Auffassung von einem stufenförmigen Fortschrittsmodell in einer (historisch-notwendigen)
Abfolge der Gesellschaftsformationen von der Urgesellschaft über die Sklavenhalter-
gesellschaft, den Feudalismus und Kapitalismus als Entwicklungsstufen bis hin zum
Sozialismus-Kommunismus („Fünf-Stadien-Schema“).
Das vorliegende Essay beschäftigt sich, auf einige wenige Punkte beschränkend, mit
der althistorischen Forschung in der DDR und dessen Auseinandersetzung mit der eingangs
kurz beschriebenen marxistischen Formationstheorie. Es wird zum ersten nach der Rolle der
Formationstheorie in der DDR-Althistorie gefragt. Zum zweiten wird versucht die Grenzen
der marxistischen Formationstheorie aufzuzeigen. Diese Theorieproblematik soll in einem
dritten Punkt beispielhaft anhand der Spätantike weiter ausgeführt werden.

Die marxistische Formationstheorie und die Aufgaben der DDR-Althistorie

Der Beschluss des ZK der SED von 1955 zur „Verbesserung der Forschung und Lehre in der
Geschichtswissenschaft der Deutschen Demokratischen Republik“ erhob die historischen
Fachdisziplinen zur „scharfen ideologischen Waffe“ für die „Erziehung der Arbeiterklasse
und aller Werktätigen im Geiste des Patriotismus und des proletarischen Internationalismus,

1 Vgl. hier und folgend Marx, Karl: Zur Kritik der politischen Ökonomie (1859), Vorwort, in: MEW 13, S. 8 f.
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im Kampf gegen die verderbliche Ideologie der imperialistischen und militaristischen Kräfte
in Westdeutschland.“2 Dies sollte natürlich auf Grundlage des Marxismus-Leninismus
erfolgen. Die in dem Beschluss formulierten Forderungen stießen auch in der DDR-
Althistorie auf Resonanz – unmittelbar3 und langfristig. So schrieb noch 1965 die Berliner
Professorin Elisabeth Charlotte Welskopf einem Aufsatz, indem sie den „Beitrag des
Althistorikers zur Bildung der Menschen, zur Bildung der deutschen Nation und zu jenem
entscheidenden Vorgang, der von den Ökonomen als der optimale Übergang aus dem Reiche
der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit gekennzeichnet wird“4 herausstellte. Welskopf
wies der Althistorie ihren Platz in den sozialistischen Fortschrittsvorstellungen mit den
Worten „Unsere Geschichtsauffassung ist unserer Lebensauffassung, unserer gesellschaft-
lichen und politischen Ethik verhaftet“5 zu. Mit der „Konzeption aufeinander folgender
Gesellschaftsformationen“ war laut Welskopf ein „Versuch der Analyse der eigenen
unmittelbaren Vergangenheit entstanden.“6 Diese Auffassung spiegelt sich auch im vom
Welskopf aufgeführten, aber unbelegten Engels-Zitat „Ohne antike Sklaverei kein moderner
Sozialismus“7 wider. Die Aufgabe des Historikers nach Welskopf zur Aufarbeitung der
Geschichte sei in diesem Sinne die Erschließung des Quellenmaterials, vorurteilsfreie
Kenntnisnahme von neuen Forschungsergebnissen, Überprüfung von bestehenden Begriffen
mit neuen Fragen, die Entwicklung von neuen Begriffen und kooperative Zusammenarbeit
mit Fachkollegen und Vertretern fachfremder Disziplinen.8 Den tatsächlich eng gefassten
theoretischen Rahmen des wissenschaftlichen Arbeitens in der DDR machte Rigobert Günther
im Jahr 1968 deutlich: „Ausgangspunkt und Grundlage aller methodologischen und
theoretischen Forschungen über den Systemcharakter der vorkapitalistischen Gesellschafts-
formen sind die Klassiker des Marxismus-Leninismus. Zugleich stützt sich die Geschichts-
wissenschaft der DDR auf die Sowjetwissenschaft.“9 Folgende theoretischen Forschungs-
felder waren für ihn maßgeblich: „Probleme der historischen Strukturanalyse, Verhältnis von
allgemeiner zur konkret-historischen Gesetzmäßigkeit, Wiederholbarkeit der Geschichte,
Verhältnis von verschiedenen Produktionsformen zu einer Gesellschaftsformation, Verbin-

2 Vgl. ZK der SED: Die Verbesserung der Forschung und Lehre in der Geschichtswissenschaft der Deutschen
Demokratischen Republik, in: ZfG 3 (1955), S. 507.
3 Noch im selben Jahr wurden in der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft (ZfG) die Themen des Beschlusses
im Bezug auf die Althistorie diskutiert.
4 Vgl. Welskopf, Elisabeth Charlotte: Die wissenschaftliche Aufgabe des Althistorikers, (1965), veröffentlicht
in: Nippel, Wilfried (Hrsg.): Über das Studium der Alten Geschichte, München 1993, S. 308.
5 Vgl. ebd., S. 316.
6 Vgl. ebd., S. 312.
7 Vgl. ebd.
8 Vgl. ebd., S. 319
9 Vgl. Günther, Rigobert: Herausbildung und Systemcharakter der vorkapitalistischen Gesellschaftsformation, in:
ZfG 16 (1968), S. 1205.
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dung von Politik und Ökonomie in den vorkapitalistischen Formen.“10 Die marxistische
(Formations-)Theorie wurde insofern auch von den führenden DDR-Althistorikern als das
„geschlossenste und konsequenteste System der modernen Gesellschaftswissenschaft“11
angewandt.

Forschungsmodell versus historische Realität – Kritik an der marxistischen
Formationstheorie

Die Anwendung der Formationstheorie stellte die DDR-Althistorie jedoch vor das
grundlegende Problem der offensichtlichen Realitätsferne. Selbst die Klassiker des
Marxismus-Leninismus waren sich nicht einig. So bemerkte der Berliner Historiker Heinz
Kreissig: „Lenin wandte sich heftig dagegen, die Marxsche Formationstheorie als ein
unabdingbares historisch-philosophisches Dogma anzusehen, anstatt als Erklärungsgrundlage
für ganz konkrete und spezifische Gesellschaften.“12 Lange Zeit hatte die moderne
marxistische Geschichtsforschung, sich eng an das „Fünf-Stadien-Schema“ anlehnend, jedoch
den Eindruck erweckt, dass die „historische Wirklichkeit einfach in das marxistische
Geschichtsdogma gezwängt und verfälscht worden“ sei.13 Aus meiner Sicht ist diesem
Eindruck von Peter Hassel, stellvertretend für die zeitgenössischen westdeutschen Historiker
nur beizupflichten, dass die Abfolge der Gesellschaftsformationen, nach der Darstellung im
Historischen Materialismus zwar der Grundstruktur historischer Prozesse, aber nicht dem
wirklichen, unmittelbaren Ablauf der Geschichte entspricht.14 „Ökonomische Gesellschafts-
formationen“ stellten auch nach der 1978 vertretenen Ansicht seines ostdeutschen
Fachkollegen Wolfgang Küttler „das logisch-theoretische Gerüst der materialistischen
Geschichtsschreibung dar, aber sie geben die Entwicklung nur in idealisierter Form wieder, so
dass der Totalität der „Gesellschaftsformation“ ihre jeweils unvollkommene Realisierung
gegenübersteht.“15 Gerade vorkapitalistische Formationen traten weder der Form noch nach
der Abfolge historisch auf, wie es das Fünf-Stadien-Schema vorsah. Diesen eklatanten
Widerspruch erkennend, versuchten marxistische Historiker die Alte Geschichte bereits seit
Mitte der 60er Jahre neu zu interpretieren – ohne die Grundprinzipien der Formationstheorie
in Frage zu stellen, sondern diese vielmehr großzügiger auszulegen. Die geführte Forschungs-

10 Vgl. ebd.
11 Vgl. J. Irmscher, zitiert nach Hassel, Peter: Marxistische Formationstheorie und der Untergang Westroms, in:
GWU 32 (1981), S. 713.
12 Kreissig, Heinz: Zur antiken und zur altorientalischen Komponente im sog. Hellenismus (anstelle eines
Nachwortes), in: Klio 60 (1978), S. 217.
13 Vgl. Hassel, S. 713.
14 Vgl. ebd. S. 713f.
15 Vgl. Küttler, zitiert nach Hassel, S. 714.
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diskussion zu den „vorkapitalistischen Gesellschaftsformationen“ mit ihren komplexen
Fragestellungen16 im Nachhinein nachzuvollziehen und zu verstehen, ist jedoch sehr
schwierig. Das liegt meiner Meinung nach vor allem daran, dass in der Diskussion – wie
beispielsweise in dem soeben zitierten Artikel von Rigobert Günther – die Aufführung
fremder Meinungsäußerungen nicht belegt, Thesen, sofern man sich auf die „Klassiker“ beruft
als „Naturgesetze“ in den Raum gestellt wurden und dabei die Definition und Benutzung von
Begriffen sowie die Herstellung von Begriffsbeziehungen (v. a. was die verschiedenen
Formationen betreffen) willkürlich erscheinen. Anhand der Überlegungen zur Einordnung
und Bewertung der Spätantike im Rahmen des Formationsmodells soll jedoch nun ein
Versuch unternommen werden die Theorienproblematik zu vertiefen.

Formationstheorie und Spätantike

Für die marxistische Geschichtsschreibung hatte die Spätantike insofern eine besonders
wichtige Bedeutung, da sie der Knackpunkt für die Erklärung des Übergangs von der
Sklavenhalterformation (=Antike) zum Feudalismus (=Mittelalter) war. Wolfgang Seyfarth
beschrieb 1967 die Spätantike als eine „eigenständige Zeit, eine jahrhundertelange Über-
gangszeit mit ihren eigenen Gesetzen und Gegebenheiten.“17 Zu diesem Zeitpunkt hatte sich
die DDR-Althistorie längst von der stalinistisch geprägten Tradition der marxistischen
Geschichtsforschung gelöst, in der angenommen wurde, „eine Revolution der Sklaven im
Bündnis mit den Kolonen und unterstützt von den anrückenden habe das Ende des
Römerreiches herbeigeführt.“18 Die DDR-Althistorie, hier in den Person von Seyfarth aber
auch Günther ist zu nennen, ging seit Mitte der 60er Jahre vielmehr vom Untergang der
Antike als eine „Epoche sozialer und politischer Revolution“ aus, welche nicht auf ein
konkretes historisches Ereignis reduziert werden kann. In der Anwendung des Marxschen
Revolutionsbegriffes (Kriterien: Widerspruch von Produktivkräften und Produktions-
verhältnissen, Klassenkampf, Auflösung bestehender und Errichtung neuer sozialer
Verhältnisse durch Umsturz der herrschenden Klasse) wurde die alte These von der
Stagnation und Ausweglosigkeit der Antike wieder aufgenommen und geschlussfolgert, dass
der Feudalismus als Synthese zweier untergehender Gesellschaftsordnungen (spätantike

16 Vgl. z.B. den Fragenkatalog bei Günther, S. 1204
17 Vgl. Seyfarth, Wolfgang: Die Spätantike als Übergangszeit zwischen zwei Gesellschaftssystemen.
Eigenständigkeit und Besonderheiten der Jahrhunderte zwischen Sklavenhalterordnung und Feudalsystem; in:
ZfG 15 (1967) , S. 282.
18 Vgl. Hassel, S. 715.
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Sklavenhaltergesellschaft und Gentilgesellschaft der Germanen) entstanden sei.19 Diesen
Thesen haftet jedoch auch hier der Makel von Generalisierung von Fortschritt und Stagnation
sowie die Konstruktion von revolutionären Verhältnissen bar jeder Realität an, um den
Verlauf der Geschichte mit den marxistischen Vorstellungen der „Klassiker“ – allenfalls
durch Modifikation ihrer Grundkategorien – in Einklang zu bringen.
Wie die Beleuchtung der Marxistischen Formationstheorie durch den westdeutschen
Historiker Peter Hassel anhand des Untergangs der Spätantike zeigt, barg die Anwendung der
Formationstheorie eine Fülle von Problemen: „Widersprüche zwischen der theoretischen
Einordnung und historischer Tatsachen sind Grundlage innermarxistischer Kontroversen.“20
Schien ein Problem gelöst, tauchte bei konsequenter Anwendung der Theorie sofort ein Neues
auf. So brachte die Sicht die Spätantike als geschlossene Übergangszeit einzuordnen das
Problem mit sich, ihre eigenständigen sozioökonomischen und politischen Verhältnisse
nachzuweisen, was laut Hassel nicht gelang. Es gab auch die Überlegung hinsichtlich einer
einzigen vorkapitalistischen Formation, die zu der Sicht führte, die Antike als eine
Sonderform innerhalb einer sonst anders laufenden Entwicklung zu betrachten, wodurch
jedoch das eingangs vorgestellte traditionelle Periodisierungsschema ad absurdum geführt
worden wäre.21

Fazit

Das Essay hat kursorisch aufgezeigt, wie und in welcher Form die DDR-Althistorie sich mit
der marxistischen Formationstheorie auseinandersetzte und mit ihr de facto wissenschaftliche
Standards und die Daseinsberechtigung des Faches begründete. Die Art und Weise der
Auseinandersetzung der DDR-Althistoriker mit der Theorie und die daraus resultierenden
Argumentationsprobleme lassen den Autor dieses Essays jedoch verwirrt zurück. Die
Spannungen zwischen allgemeinen geschichtstheoretischen Äußerungen und konkreten
Aussagen zur Antike, die bei den „Klassikern“ Marx und Engels konstatiert wurden, konnten
meines Erachtens auch die für diese Arbeit vorrangig rezipierten Arbeiten von Charlotte
Welskopf, Heinz Kreissig, Rigobert Günther und Wolfgang Seyfarth nicht lösen. Hassel
sprach in diesem Sinne folgerichtig von „einer zu starren Handhabung ihrer allgemeinen
Geschichtstheorie“ der marxistischen Forschung.22

19 Vgl. ebd., S. 717ff.
20 Vgl. ebd., S. 720.
21 Vgl. ebd., S. 721.
22 Vgl. ebd., S. 722.
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Literatur
• Günther, Rigobert: Herausbildung und Systemcharakter der vorkapitalistischen Gesell-
schaftsformation, in: ZfG 16 (1968), S. 1204-1211.
• Hassel, Peter: Marxistische Formationstheorie und der Untergang Westroms, in: GWU 32
(1981), S. 713-725.
• Kreissig, Heinz: Zur antiken und zur altorientalischen Komponente im sog. Hellenismus
(anstelle eines Nachwortes), in: Klio 60 (1978), S. 217-219.
• Marx, Karl: Zur Kritik der politischen Ökonomie (1859), in: MEW 13, 7. Aufl., Berlin
1971.
• Seyfarth, Wolfgang: Die Spätantike als Übergangszeit zwischen zwei Gesellschafts-
systemen. Eigenständigkeit und Besonderheiten der Jahrhunderte zwischen Sklavenhalter-
ordnung und Feudalsystem; in: ZfG 15 (1967) , S. 281-290.
• Welskopf, Elisabeth Charlotte: Die wissenschaftliche Aufgabe des Althistorikers (1965),
in: Nippel, Wilfried (Hrsg.): Über das Studium der Alten Geschichte, München 1993, S.
306-322.
• ZK der SED: Die Verbesserung der Forschung und Lehre in der Geschichtswissenschaft
der Deutschen Demokratischen Republik, in: ZfG 3 (1955), S. 507-527.

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