Bibliothek 2.0 ? Wird alles anders?
Available from www.cidoc2008.gr
Page 1
Bibliothek 2.0 ? Wird alles anders?
130
Im November 2006 hatten wir im „Bibliotheksdienst“ den
Artikel „Bibliothek 2.0 – Die Zukunft der Bibliothek?“
1
ver-
öffentlicht. Wir hätten beide nicht damit gerechnet, welch
breite Rezeption und welch großes Echo dieser Artikel
erfahren würde. Aber nicht erst seit diesem Artikel wird
über Social Software an Bibliotheken geredet. Mehre-
re Projekte auch in Deutschland setzen entsprechende
Konzepte und Technologien bereits um, innerhalb und
außerhalb von Einrichtungen und Drittmittel-geförder-
ten Projekten. So lag die Idee nahe, eine vollständige
Schwerpunktausgabe einer Zeitschrift zum Thema Bib-
liothek 2.0 umzusetzen, um besondere, exemplarische
Projekte vorzustellen, um die derzeit rund um den Be-
griff „Bibliothek 2.0“ aufblühende Diskussion zu bündeln,
und um dadurch letztlich die Bibliothekswissenschaft und
-praxis voranzutreiben.
Die Herausgeber von Bibliothek. Forschung und Praxis
zeigten sich für ein solches Projekt erfreulich aufgeschlos-
sen. Der Verlag kam auch bereitwillig unserer Forderung
nach, die Autorinnen und Autoren dieser Ausgabe über
die freie elektronische Parallelveröffentlichung ihrer Artikel
unter einer Open-Access-Lizenz entscheiden zu lassen.
Wie zeitgemäß und wichtig dieser Schritt ist, wurde auch
daran deutlich, dass sich ausnahmslos alle Autoren dazu
entschlossen haben, von dieser Möglichkeit Gebrauch zu
machen. Alle Artikel werden unter den bewährten, beson-
ders freizügigen Creative-Commons-Lizenzen „Namens-
nennung“
2
oder „Namensnennung-Weitergabe unter glei-
chen Bedingungen“
3
veröffentlicht. Sie stehen daher ohne
zeitliche Verzögerung nicht nur im Preprint-Bereich der
Zeitschrift
4
zur Verfügung, sondern beispielsweise auch
bei E-LIS
5
, dem internationalen offenen Archiv der Biblio-
theks- und Informationswissenschaft.
Remix Culture – die neue Kultur der AutorInnen und
BibliothekarInnen
Wir hoffen, dass viele weitere Autoren im Bibliotheksbe-
reich diesem Beispiel folgen werden. Eine solche Kultur
Patrick Danowski, Lambert Heller
Bibliothek 2.0 – Wird alles anders?
Eine Einleitung in das Themenheft „Bibliothek 2.0“
Anknüpfend an ihren Aufsatz „Bibliothek 2.0 – Die Zukunft der Bibliothek?“ (2006) geben Patrick Danowski und Lam-
bert Heller, verantwortlich für das Schwerpunktthema der vorliegenden Ausgabe, einen Überblick über den erreichten
Diskussionsstand über verschiedene Teilaspekte der Bibliothek 2.0 unter besonderer Berücksichtigung der deutschen
Fachöffentlichkeit. Einige charakteristische Fragen und Probleme der Weiterentwicklung, Öffnung und Vernetzung bib-
liothekarischer Dienste und Informationen werden angesprochen.
Library 2.0 – The future of the library?
Following up their article „Bibliothek 2.0 – Die Zukunft der Bibliothek?“ („Library 2.0 – The future of the library?“) (2006),
Patrick Danowski and Lambert Heller, responsible for the main focus of this issue, give an outline of some recently dis-
cussed library 2.0 topics, especially in respect to the professional community in germany. Some characteristic ques-
tions and problems of the development, opening and networking of library Services and information are mentioned.
Bibliothèque 2.0 – tout va-t-il changer?
En référence à leur article „Bibliothèque 2.0 – l‘avenir de la bibliothèque?“ (2006), Patrick Danowski et Lambert Hel-
ler, responsables de la présente édition, donnent un aperçu de l‘état actuel de la discussion sur les différents aspects
de la Bibliothèque 2.0 en tenant particulièrement compte de l‘opinion exprimée par les spécialistes en Allemagne. Ils
évoquent certains points et problèmes caractéristiques concernant l‘évolution, l‘ouverture et la mise en réseau des
services et des informations propres aux bibliothèques.
1
Danowski, Patrick und Lambert Heller (2006): Bibliothek
2.0 – Die Bibliothek der Zukunft? In: Bibliotheksdienst, H.
11, S. 1 250-1 271. Online verfügbar unter <http://www.zlb.
de/aktivitaeten/bd_neu/heftinhalte2006/DigitaleBib011106.
pdf>, zuletzt geprüft am 04.05.2007.
2
Creative Commons Deed: Namensnennung 2.0 Deutsch-
land <http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/de/>, zu-
letzt geprüft am 19.04.2007.
3
Creative Commons Deed: Namensnennung Weiterga-
be unter gleichen Bedingungen 2.0 Deutschland <http://
creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/de/>, zuletzt ge-
prüft am 19.04.2007.
4
Preprints von Bibliothek. Forschung und Praxis <http://
www.bibliothek-saur.de/preprint/inhalt.html>, zuletzt geprüft
am19.04.2007.
5
E-LIS <http://eprints.rclis.org/>, zuletzt geprüft am
19.04.2007.
Im November 2006 hatten wir im „Bibliotheksdienst“ den
Artikel „Bibliothek 2.0 – Die Zukunft der Bibliothek?“
1
ver-
öffentlicht. Wir hätten beide nicht damit gerechnet, welch
breite Rezeption und welch großes Echo dieser Artikel
erfahren würde. Aber nicht erst seit diesem Artikel wird
über Social Software an Bibliotheken geredet. Mehre-
re Projekte auch in Deutschland setzen entsprechende
Konzepte und Technologien bereits um, innerhalb und
außerhalb von Einrichtungen und Drittmittel-geförder-
ten Projekten. So lag die Idee nahe, eine vollständige
Schwerpunktausgabe einer Zeitschrift zum Thema Bib-
liothek 2.0 umzusetzen, um besondere, exemplarische
Projekte vorzustellen, um die derzeit rund um den Be-
griff „Bibliothek 2.0“ aufblühende Diskussion zu bündeln,
und um dadurch letztlich die Bibliothekswissenschaft und
-praxis voranzutreiben.
Die Herausgeber von Bibliothek. Forschung und Praxis
zeigten sich für ein solches Projekt erfreulich aufgeschlos-
sen. Der Verlag kam auch bereitwillig unserer Forderung
nach, die Autorinnen und Autoren dieser Ausgabe über
die freie elektronische Parallelveröffentlichung ihrer Artikel
unter einer Open-Access-Lizenz entscheiden zu lassen.
Wie zeitgemäß und wichtig dieser Schritt ist, wurde auch
daran deutlich, dass sich ausnahmslos alle Autoren dazu
entschlossen haben, von dieser Möglichkeit Gebrauch zu
machen. Alle Artikel werden unter den bewährten, beson-
ders freizügigen Creative-Commons-Lizenzen „Namens-
nennung“
2
oder „Namensnennung-Weitergabe unter glei-
chen Bedingungen“
3
veröffentlicht. Sie stehen daher ohne
zeitliche Verzögerung nicht nur im Preprint-Bereich der
Zeitschrift
4
zur Verfügung, sondern beispielsweise auch
bei E-LIS
5
, dem internationalen offenen Archiv der Biblio-
theks- und Informationswissenschaft.
Remix Culture – die neue Kultur der AutorInnen und
BibliothekarInnen
Wir hoffen, dass viele weitere Autoren im Bibliotheksbe-
reich diesem Beispiel folgen werden. Eine solche Kultur
Patrick Danowski, Lambert Heller
Bibliothek 2.0 – Wird alles anders?
Eine Einleitung in das Themenheft „Bibliothek 2.0“
Anknüpfend an ihren Aufsatz „Bibliothek 2.0 – Die Zukunft der Bibliothek?“ (2006) geben Patrick Danowski und Lam-
bert Heller, verantwortlich für das Schwerpunktthema der vorliegenden Ausgabe, einen Überblick über den erreichten
Diskussionsstand über verschiedene Teilaspekte der Bibliothek 2.0 unter besonderer Berücksichtigung der deutschen
Fachöffentlichkeit. Einige charakteristische Fragen und Probleme der Weiterentwicklung, Öffnung und Vernetzung bib-
liothekarischer Dienste und Informationen werden angesprochen.
Library 2.0 – The future of the library?
Following up their article „Bibliothek 2.0 – Die Zukunft der Bibliothek?“ („Library 2.0 – The future of the library?“) (2006),
Patrick Danowski and Lambert Heller, responsible for the main focus of this issue, give an outline of some recently dis-
cussed library 2.0 topics, especially in respect to the professional community in germany. Some characteristic ques-
tions and problems of the development, opening and networking of library Services and information are mentioned.
Bibliothèque 2.0 – tout va-t-il changer?
En référence à leur article „Bibliothèque 2.0 – l‘avenir de la bibliothèque?“ (2006), Patrick Danowski et Lambert Hel-
ler, responsables de la présente édition, donnent un aperçu de l‘état actuel de la discussion sur les différents aspects
de la Bibliothèque 2.0 en tenant particulièrement compte de l‘opinion exprimée par les spécialistes en Allemagne. Ils
évoquent certains points et problèmes caractéristiques concernant l‘évolution, l‘ouverture et la mise en réseau des
services et des informations propres aux bibliothèques.
1
Danowski, Patrick und Lambert Heller (2006): Bibliothek
2.0 – Die Bibliothek der Zukunft? In: Bibliotheksdienst, H.
11, S. 1 250-1 271. Online verfügbar unter <http://www.zlb.
de/aktivitaeten/bd_neu/heftinhalte2006/DigitaleBib011106.
pdf>, zuletzt geprüft am 04.05.2007.
2
Creative Commons Deed: Namensnennung 2.0 Deutsch-
land <http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/de/>, zu-
letzt geprüft am 19.04.2007.
3
Creative Commons Deed: Namensnennung Weiterga-
be unter gleichen Bedingungen 2.0 Deutschland <http://
creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/de/>, zuletzt ge-
prüft am 19.04.2007.
4
Preprints von Bibliothek. Forschung und Praxis <http://
www.bibliothek-saur.de/preprint/inhalt.html>, zuletzt geprüft
am19.04.2007.
5
E-LIS <http://eprints.rclis.org/>, zuletzt geprüft am
19.04.2007.
Page 2
Bibliothek 31.2007 Nr. 2 Danowski, Heller – Bibliothek 2.0 – Wird alles anders? 131
des Publizierens frei zugänglicher und unbeschränkt ver-
wendbarer Information dient nicht nur unmittelbar den Bib-
liotheken und dem Fortschritt des Bibliothekswesens, son-
dern sollte darüber hinaus auch der wissenschaftlichen
Öffentlichkeit vorgelebt werden. Open Access sollte nicht
nur als Aufgabe der Verlage, sondern vor allem als eine
Haltung der Autoren verstanden werden.
Analog reicht es für eine Bibliothek 2.0 nicht aus, neue
Techniken einzuführen. Entscheidend ist vielmehr, dass
sich Bibliothekarinnen und Bibliothekare den neuen Mög-
lichkeiten öffnen. Die Maxime „Mein Katalog, meine Ka-
talogdaten, meine Digitalisate“, nach der leider oft noch
geredet und gehandelt wird, ist in der Zeit von YouTube,
Wikipedia und Mash-Ups nicht mehr zu halten und ver-
zichtet vor allem leichtsinnig auf die Potentiale der neuen
Kultur von Offenheit, Austausch und Remix
6
.
Warum „Bibliothek 2.0“?
Angesichts der konkreten Vielfalt der in diesem Heft be-
handelten exemplarischen Projekte mag sich die Frage
stellen, warum wir damit fortfahren, unser Thema unter
dem Oberbegriff „Bibliothek 2.0“ zu fassen. Web 2.0 ist
das neue Buzzword des Internets, und alles scheint heut-
zutage 2.0 sein zu müssen. Allein in diesem Heft werden
wir uns mit der Auskunft 2.0, der Informationskompetenz
2.0 und dem OPAC 2.0 beschäftigen. Wird sich all das so
deutlich ändern, dass man von einem Versionssprung re-
den muss? Ist die versteckte Reminiszenz an die Welt der
Softwareentwicklung berechtigt, in der die Zyklen zwischen
neu erscheinenden Produktversionen bewusst kurz ge-
halten werden, weil der Benutzer zum Ausprobieren neu-
er Ideen angeregt und auf sein Feedback gebaut werden
soll? Oder sind die diskutierten Entwicklungen normale
Weiterentwicklungen der bisherigen Dienste, die einfach
nur auf den aktuellen Buzzword-Stand gebracht worden
sind? Wir hoffen, dass die/der LeserIn nach der Lektüre
dies selbst zu entscheiden vermag
7
.
Zunächst möchten wir nun einen kurzen Überblick über
unseren Begriff der „Bibliothek 2.0“ und damit zugleich
über die Themen dieses Hefts geben.
Die Frage, was Bibliothek 2.0 genau ist, ist in der Tat nicht
leicht zu beantworten, und ebenso schwer lässt sich ab-
grenzen, was Bibliothek 2.0 nicht ist. Zum einen ist Bib-
liothek 2.0 eine Bewegung bzw. deren „Markenname“
8
.
Als Basis der Definition dient, das lässt der Name schon
vermuten und ist bereits mehrfach dargelegt worden, das
Web 2.0. Ein Definitionsansatz besagt, dass die Bibliothek
2.0 die Ideen und Prinzipien des Web 2.0 auf die Biblio-
theken überträgt. Man kommt jedoch nicht damit weiter,
einen unscharfen Begriff durch einen anderen, nicht viel
schärferen Begriff zu definieren. Wir wollen daher zu-
nächst genauer benennen, welche zentralen Prinzipien
wir mit dem Web 2.0 verbinden
9
:
– Das Web ist die Plattform – nicht der lokale Rechner
oder dessen Betriebssystem.
– Daten-getriebene Anwendungen – Inhalte stehen im
Vordergrund, nicht ihr Aussehen oder einzelne, vorge-
gebene Anwendungen dieser Inhalte.
– Die Vernetzung wird verstärkt durch eine „Archi-
tektur des Mitwirkens“ – jeder soll Inhalte nach ei-
genem Bedarf verwenden und mitmachen können.
– Innovationen beim Aufbau von Systemen und Seiten
durch die (Wieder-)Verwendung von Komponenten,
die von verschiedenen Entwicklern erstellt worden
sind und beliebig miteinander kombiniert werden
können – hierbei muss es nicht immer um Open-Sour-
ce-Software gehen, aber das Verfahren lehnt sich an
das Open-Source-Entwicklungsmodell an.
– Verwendung einfacher Geschäftsmodelle durch das
verteilte, gemeinsame Nutzen von Inhalten und tech-
nischen Diensten.
– Das Ende des klassischen Softwarelebenszyklus
– die Projekte befinden sich immerwährend im Beta-
Stadium. Neue Features werden versuchsweise zur
Verfügung gestellt, alle Features stehen stets zur Dis-
position. (Das impliziert die ständige Interaktion mit
den Benutzern.)
– Die Software eignet sich nicht nur für einen einzel-
nen Verwendungszweck, sondern auch für Zwecke,
die ursprünglich nicht intendiert waren.
– Reiche Benutzererfahrung – Benutzern sollen Um-
gebungen zur Verfügung gestellt werden, in denen sie
mit Daten und Anwendungen nahtlos, sofort verständ-
lich und verzögerungsfrei arbeiten können.
– Nicht nur auf die Vorhut der Web-Anwendungen
abzielen, sondern auf die breite Masse der Anwen-
dungen.
Zumindest einige dieser Prinzipien lassen sich direkt auf
die Angebote der Bibliotheken übertragen, beispielswei-
se die Weiterverwendung von Komponenten. Doch wie
man einigen Beiträgen dieses Heftes entnehmen können
wird, sind diese Prinzipien besonders fruchtbar, wenn
man sie nicht nur auf rein technische Aspekte, sondern
auch auf bibliothekarische Strukturen, Inhalte und Meta-
daten bezieht.
Michael Welsch, Kulturanthropologe an der Kansas Sta-
te University, sagt in seinem vielzitierten Video „The Ma-
schine is us/ing us“
10
, dass wir angesichts des Web 2.0
einige Dinge werden überdenken müssen. Dieser Kurz-
film ist sehenswert, und sein Fazit gilt auch für die Bib-
liothek: Wir müssen damit anfangen, die (digitale) Biblio-
thek zu überdenken.
6
Lessig, Lawrence (2006): Eine freie/befreite Kultur für den
Remix. In: Lutterbeck, Bernd; Gehring, Robert und Matthi-
as Bärwolf (Hgg.): Open Source Jahrbuch 2006. Berlin.
7
Eine prägnante Beantwortung der Frage „What makes a ser-
vice Library 2.0?“ bieten Laura C. Savastinuk und Micha-
el E. Casey, der den Begriff Library 2.0 entscheidend ge-
prägt hat, an. Casey, Michael E. und Laura C. Savastinuk
(2006): Library 2.0. Service for the next-generation library.
In: Library Journal, Jg. 131, H. 13, S. 40. Online verfügbar
unter <http://www.libraryjournal.com/article/CA6365200.
html>, zuletzt geprüft am 19.04.2007.
8
Walt Crawford unterscheidet „Library 2.0“ (die Marke) und
Library 2.0 (das Konzept) in Crawford, Walt (2006): Libra-
ry 2.0 and ‚Library 2.0‘. In: Cites and Insights, Jg. 6, H. 2.
Online verfügbar unter <http://cites.boisestate.edu/civ6i2.
pdf>.
9
Anlehnung an Web 2.0. In: Wikipedia, die freie Enzyklopä-
die <http://en.wikipedia.org/wiki/Web_2.0> sowie O‘Reilly,
Tim (2006): Was ist Web 2.0? Übersetzt von Patrick Holz.
Online verfügbar unter <http://twozero.uni-koeln.de/content/
e3/index_ger.html>, zuletzt geprüft am 15.04.2007.
10
Wesch, Michael: The Maschine is us/ing us <http://www.
youtube.com/watch?v=NLlGopyXT_g>.
des Publizierens frei zugänglicher und unbeschränkt ver-
wendbarer Information dient nicht nur unmittelbar den Bib-
liotheken und dem Fortschritt des Bibliothekswesens, son-
dern sollte darüber hinaus auch der wissenschaftlichen
Öffentlichkeit vorgelebt werden. Open Access sollte nicht
nur als Aufgabe der Verlage, sondern vor allem als eine
Haltung der Autoren verstanden werden.
Analog reicht es für eine Bibliothek 2.0 nicht aus, neue
Techniken einzuführen. Entscheidend ist vielmehr, dass
sich Bibliothekarinnen und Bibliothekare den neuen Mög-
lichkeiten öffnen. Die Maxime „Mein Katalog, meine Ka-
talogdaten, meine Digitalisate“, nach der leider oft noch
geredet und gehandelt wird, ist in der Zeit von YouTube,
Wikipedia und Mash-Ups nicht mehr zu halten und ver-
zichtet vor allem leichtsinnig auf die Potentiale der neuen
Kultur von Offenheit, Austausch und Remix
6
.
Warum „Bibliothek 2.0“?
Angesichts der konkreten Vielfalt der in diesem Heft be-
handelten exemplarischen Projekte mag sich die Frage
stellen, warum wir damit fortfahren, unser Thema unter
dem Oberbegriff „Bibliothek 2.0“ zu fassen. Web 2.0 ist
das neue Buzzword des Internets, und alles scheint heut-
zutage 2.0 sein zu müssen. Allein in diesem Heft werden
wir uns mit der Auskunft 2.0, der Informationskompetenz
2.0 und dem OPAC 2.0 beschäftigen. Wird sich all das so
deutlich ändern, dass man von einem Versionssprung re-
den muss? Ist die versteckte Reminiszenz an die Welt der
Softwareentwicklung berechtigt, in der die Zyklen zwischen
neu erscheinenden Produktversionen bewusst kurz ge-
halten werden, weil der Benutzer zum Ausprobieren neu-
er Ideen angeregt und auf sein Feedback gebaut werden
soll? Oder sind die diskutierten Entwicklungen normale
Weiterentwicklungen der bisherigen Dienste, die einfach
nur auf den aktuellen Buzzword-Stand gebracht worden
sind? Wir hoffen, dass die/der LeserIn nach der Lektüre
dies selbst zu entscheiden vermag
7
.
Zunächst möchten wir nun einen kurzen Überblick über
unseren Begriff der „Bibliothek 2.0“ und damit zugleich
über die Themen dieses Hefts geben.
Die Frage, was Bibliothek 2.0 genau ist, ist in der Tat nicht
leicht zu beantworten, und ebenso schwer lässt sich ab-
grenzen, was Bibliothek 2.0 nicht ist. Zum einen ist Bib-
liothek 2.0 eine Bewegung bzw. deren „Markenname“
8
.
Als Basis der Definition dient, das lässt der Name schon
vermuten und ist bereits mehrfach dargelegt worden, das
Web 2.0. Ein Definitionsansatz besagt, dass die Bibliothek
2.0 die Ideen und Prinzipien des Web 2.0 auf die Biblio-
theken überträgt. Man kommt jedoch nicht damit weiter,
einen unscharfen Begriff durch einen anderen, nicht viel
schärferen Begriff zu definieren. Wir wollen daher zu-
nächst genauer benennen, welche zentralen Prinzipien
wir mit dem Web 2.0 verbinden
9
:
– Das Web ist die Plattform – nicht der lokale Rechner
oder dessen Betriebssystem.
– Daten-getriebene Anwendungen – Inhalte stehen im
Vordergrund, nicht ihr Aussehen oder einzelne, vorge-
gebene Anwendungen dieser Inhalte.
– Die Vernetzung wird verstärkt durch eine „Archi-
tektur des Mitwirkens“ – jeder soll Inhalte nach ei-
genem Bedarf verwenden und mitmachen können.
– Innovationen beim Aufbau von Systemen und Seiten
durch die (Wieder-)Verwendung von Komponenten,
die von verschiedenen Entwicklern erstellt worden
sind und beliebig miteinander kombiniert werden
können – hierbei muss es nicht immer um Open-Sour-
ce-Software gehen, aber das Verfahren lehnt sich an
das Open-Source-Entwicklungsmodell an.
– Verwendung einfacher Geschäftsmodelle durch das
verteilte, gemeinsame Nutzen von Inhalten und tech-
nischen Diensten.
– Das Ende des klassischen Softwarelebenszyklus
– die Projekte befinden sich immerwährend im Beta-
Stadium. Neue Features werden versuchsweise zur
Verfügung gestellt, alle Features stehen stets zur Dis-
position. (Das impliziert die ständige Interaktion mit
den Benutzern.)
– Die Software eignet sich nicht nur für einen einzel-
nen Verwendungszweck, sondern auch für Zwecke,
die ursprünglich nicht intendiert waren.
– Reiche Benutzererfahrung – Benutzern sollen Um-
gebungen zur Verfügung gestellt werden, in denen sie
mit Daten und Anwendungen nahtlos, sofort verständ-
lich und verzögerungsfrei arbeiten können.
– Nicht nur auf die Vorhut der Web-Anwendungen
abzielen, sondern auf die breite Masse der Anwen-
dungen.
Zumindest einige dieser Prinzipien lassen sich direkt auf
die Angebote der Bibliotheken übertragen, beispielswei-
se die Weiterverwendung von Komponenten. Doch wie
man einigen Beiträgen dieses Heftes entnehmen können
wird, sind diese Prinzipien besonders fruchtbar, wenn
man sie nicht nur auf rein technische Aspekte, sondern
auch auf bibliothekarische Strukturen, Inhalte und Meta-
daten bezieht.
Michael Welsch, Kulturanthropologe an der Kansas Sta-
te University, sagt in seinem vielzitierten Video „The Ma-
schine is us/ing us“
10
, dass wir angesichts des Web 2.0
einige Dinge werden überdenken müssen. Dieser Kurz-
film ist sehenswert, und sein Fazit gilt auch für die Bib-
liothek: Wir müssen damit anfangen, die (digitale) Biblio-
thek zu überdenken.
6
Lessig, Lawrence (2006): Eine freie/befreite Kultur für den
Remix. In: Lutterbeck, Bernd; Gehring, Robert und Matthi-
as Bärwolf (Hgg.): Open Source Jahrbuch 2006. Berlin.
7
Eine prägnante Beantwortung der Frage „What makes a ser-
vice Library 2.0?“ bieten Laura C. Savastinuk und Micha-
el E. Casey, der den Begriff Library 2.0 entscheidend ge-
prägt hat, an. Casey, Michael E. und Laura C. Savastinuk
(2006): Library 2.0. Service for the next-generation library.
In: Library Journal, Jg. 131, H. 13, S. 40. Online verfügbar
unter <http://www.libraryjournal.com/article/CA6365200.
html>, zuletzt geprüft am 19.04.2007.
8
Walt Crawford unterscheidet „Library 2.0“ (die Marke) und
Library 2.0 (das Konzept) in Crawford, Walt (2006): Libra-
ry 2.0 and ‚Library 2.0‘. In: Cites and Insights, Jg. 6, H. 2.
Online verfügbar unter <http://cites.boisestate.edu/civ6i2.
pdf>.
9
Anlehnung an Web 2.0. In: Wikipedia, die freie Enzyklopä-
die <http://en.wikipedia.org/wiki/Web_2.0> sowie O‘Reilly,
Tim (2006): Was ist Web 2.0? Übersetzt von Patrick Holz.
Online verfügbar unter <http://twozero.uni-koeln.de/content/
e3/index_ger.html>, zuletzt geprüft am 15.04.2007.
10
Wesch, Michael: The Maschine is us/ing us <http://www.
youtube.com/watch?v=NLlGopyXT_g>.
Sign up today - FREE
Mendeley saves you time finding and organizing research. Learn more
- All your research in one place
- Add and import papers easily
- Access it anywhere, anytime
Start using Mendeley in seconds!
Readership Statistics
4 Readers on Mendeley
by Discipline
25% Humanities
25% Social Sciences
by Academic Status
50% Librarian
25% Other Professional
25% Post Doc
by Country
50% Germany


