Gute Arbeit

  • Wildner M
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Gut 200 Jahre lang hat das industrielle Bild von Arbeit unser Leben und unsere Kultur geprägt. Die Erwerbsarbeit, die sich den Regeln der Fabriken und der Maschinen unterordnen musste, regelte jeden Tag des Lebens, vom Kindergarten an. Jeder Lebensabschnitt glich einem Gefäß, in dem der Mensch vollständig aufging, genauer, in dem sich die Persönlichkeit wie in einer Flüssigkeit auflöste wie eine Brausetablette. War das die höchste Erfüllung oder nur die Folge totaler Vereinnahmung? Und gibt es dort, wo man ohne Erwerbsarbeit nichts weiter ist als lästig, dazu wirklich Alternativen? Was daraus folgt, beschrieb Hannah Arendtschon in den Fünfzigerjahren, als deutlich wurde, wie sehr die Automation das Bild von Arbeit verändern wird. Der modernen Gesellschaft, stellte sie nüchtern fest, gehe die Arbeit aus – „und damit die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht“. Arbeitslos, also erwerbslos zu werden ist die Urangst der Industriegesellschaft. Es ist eine klassenlose Angst, unter der Manager und Chefärzte genauso leiden wie Maurer und Taxifahrer. Dabei geht es nicht nur ums Geld: Keiner gibt mehr den Rahmen vor. Niemand sagt, was zu tun ist. Die Folge ist Verzweiflung, dann Lethargie, so wie es in der berühmten Sozialstudie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ * aus dem Jahr 1933 zu lesen ist. Ohne Arbeit, das ist das Credo der Industriegesellschaft, bist du nicht am Leben. Unter diesem Vorzeichen erscheint jeder Versuch, schlechte, gefährliche, langweilige, monotone Arbeit durch Maschinen zu ersetzen, als Anschlag auf Leib und Leben. Das ist das perfide Resultat einer Politik, die die Kultur der Unselbstständigkeit bis heute fördert, wo es geht. Akademiker und Bessergebildete lernen gerade, dass nun auch sie zu den Modernisierungsverlierern gehören. Algorithmen und Computer werden deren Jobs übernehmen, heißt es im Feuilleton. Die eigentliche Nachricht lautet: Lernen lohnt sich nicht mehr. Die Maschine gewinnt immer. Es gibt keine gute Arbeit mehr, nur schlechte Perspektiven. Und es gibt kein Entrinnen. Dabei entlädt sich Frust und Enttäuschung. Die Moderne versprach immer, dass der menschliche Geist uns von der körperlichen Plackerei befreit. Das ist das zentrale Projekt der Aufklärung – Freiheit bedeutet in erster Linie, nicht mehr für seine Existenz schuften zu müssen. Maschinen und Automaten sollen tun, was wir lassen können. Menschen hingegen sollen schöpferisch denken, Neues ersinnen und die Maschinen organisieren. Doch stattdessen werden im Maschinenzeitalter immer mehr menschliche Tätigkeiten mechanisiert, Dienstleistungen industrialisiert und Prozesse normiert

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Wildner, M. (2015). Gute Arbeit. Das Gesundheitswesen, 77(01), 6–7. https://doi.org/10.1055/s-0034-1398511

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