Begleitung traumatisierter Frauen während der Geburt

  • Martina K
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Abstract

Jede Hebamme begleitet im Laufe ihrer Berufstätigkeit wissentlich oder unwissent-lich auch Frauen durch Schwangerschaft und Geburt, die aus unterschiedlichen Gründen an den Folgen eines Traumas leiden. Unsere Autorin ging in ihrer Masterarbeit der Frage nach, was Hebammen benötigen, um diese nicht einfache Aufgabe zum Wohle der ihnen anvertrauten Frauen zu erfüllen. In diesem Beitrag fasst sie wichtige Voraussetzungen für eine traumasensible Arbeits-und Sichtweise in Gesundheitsberufen zusammen. Oft ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich, dass eine Frau aufgrund eines früheren Erlebens traumatisiert ist. Umso wichtiger ist es, auf mögliche Anzeichen dafür zu achten: Lässt die Frau die Geburt klaglos über sich ergehen? Wirkt sie dabei wie abgeschaltet, abwesend? Oder gerät eine Frau, obwohl bei der Geburt zunächst alles ganz normal verläuft, irgendwann völlig außer sich und ist fürs ­ geburtshilfliche­Personal­nicht­mehr­erreichbar?­In­die-sem Fall endet die Geburt vielleicht operativ und es stellt sich die Frage: warum eigentlich? Weil ein früheres Trauma solch weitreichende Folgen haben kann, sollten Heb-ammen die Möglichkeiten kennen, diese Frauen gut und sicher durch die Geburt zu leiten. Definition­Trauma Merke Ein Trauma ist "ein vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilf-losigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst-und Weltver-ständnis bewirkt" [4]. Bei einem Trauma handelt es sich um ein einschneiden-des, die Existenz eines Menschen bedrohendes Ereignis. Ob etwas als Trauma erinnert wird oder nicht, ist ein sub-jektives Erleben. Entscheidend ist, ob und welche Strate-gien­der­Person­zur­Bewältigung­zur­Verfügung­stehen­ und dass diese genutzt werden können. Wer sich in einem solchen­Moment­als­hilflos­und­ohnmächtig­empfindet,­ sieht keine Handlungsmöglichkeiten. Dann ist die Wahr-scheinlichkeit sehr hoch, dass das Geschehen als Trauma erinnert wird. Ein weiteres Kriterium entsprechend dieser Definition­ist­das,­was­infolge­des­Ereignisses­passiert:­Die­ veränderte­Sicht­der­Person­auf­sich­selbst­und­auf­die­ Welt.­Viele­Betroffene­beschreiben­das­sehr­passend­mit­ dem Satz: "Danach war nichts mehr so wie vorher!" Beispiel Wie­eine­Person­ein­Ereignis­erlebt,­ist­entscheidend­für­ dessen Verarbeitung und mögliche Folgen. So kann ein und dasselbe Ereignis-zum Beispiel ein Überfall-für eine Frau weitreichende Folgen haben, für eine andere aber nach einer kurzen Zeit der Belastung ohne Auswir-kungen bleiben. Die erste Frau in dem Beispiel hatte im Moment des Über-griffs­vielleicht­die­Möglichkeit,­für­sich­zu­sorgen­und­zu­ handeln,­indem­sie­sich­in­Sicherheit­bringen­oder­fliehen­ konnte. Sie fühlt sich danach einige Zeit belastet und gestresst, hat aber nach einer Weile das Gefühl, dass alles wieder seinen Gang geht. Ihr Leben hat sich nach dem Überfall nicht gravierend geändert. Für sie ist die Welt weiter ein sicherer Ort. Die andere Frau in dem Beispiel hatte dagegen das ­ Gefühl,­handlungsunfähig­zu­sein­und­keinen­Einfluss­auf­ die Situation zu haben. Sie erlebte sich als ohnmächtig. Sie­geht­nach­dem­Vorfall­nach­Hause­und­findet­nicht­ mehr zurück in ihr unbeschwertes Leben. Sie zieht sich zurück, ist schreckhaft, hat vielleicht Alpträume. Ihre Welt hat sich langfristig verändert. Prävalenz Nicht jedes traumatische Erleben muss Folgen haben. Schätzungen gehen davon aus, dass circa 50% aller Men-schen in ihrem Leben eine traumatische Erfahrung machen. Ungefähr 30% leben ihr Leben nach einer kurzen Zeit der Anpassung unbeeinträchtigt weiter. Weitere 30% scheinen stabil-diese Stabilität kann allerdings zusam-menbrechen, sobald eine weitere Belastung auftritt. Das kann beispielsweise eine Schwangerschaft sein. Das letz-te Drittel benötigt zur Integration des Ereignisses von vornherein Unterstützung. Diese Menschen entwickeln eine­Posttraumatische­Belastungsstörung­(PTBS)­[8].­Für­ Deutschland wird eine Lebenszeitprävalenz von 1,5-2%

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Martina, K. (2017). Begleitung traumatisierter Frauen während der Geburt. Die Hebamme, 30(03), 200–205. https://doi.org/10.1055/s-0043-104595

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