Abstract
Emotionszustände sind aus 2 wichtigen Komponenten zusammengesetzt. Die erste Komponente äußert sich in charakteristischen physischen Reaktionen, welche gemes- sen und beobachtet werden können, die zweite Kompo- nente betrifft das subjektive, bewusste Gefühlserleben. Die durch das autonome Nervensystem gesteuerten emo- tionsbegleitenden vegetativen Veränderungen haben im Wesentlichen eine handlungsvorbereitende Funktion und daher folgt ihr Muster nicht laienpsychologisch plausiblen semantischen Kategorisierungen, sondern hängt von der spezifischen Handlungsdisposition ab, welche in einem speziellen emotionalen Kontext aktiviert wird (z.B. Flucht oder Bewegungsstarre). Ausdrucksphänomene wie Gestik und Mimik haben dagegen eine vorwiegend kommunika- tive Funktion. Um daher Emotionen wie Furcht, Ärger oder Stolz zu verstehen, müssen wir die Beziehungen zwischen dem Gefühlserleben, welches wahrscheinlich im Kortex repräsentiert ist, und den damit assoziierten physiologi- schen Veränderungen verstehen, welche hauptsächlich durch subkortikale Gehirnstrukturen ausgestaltet werden. Einige Wissenschaftler behaupten, dass es eine sehr enge Beziehung zwischen den beiden Komponenten (physische Veränderung und Gefühl) gäbe. Folgerichtig wird eine begrenzte Anzahl sog. prototypischer Basisemo- tionen angenommen, welche in der Regel auf durch All- tagserfahrungen geleiteten Kategorisierungen beruhen und durch Worte wie Furcht, Ärger, Trauer usw. beschrie- ben werden. Die empirische Evidenz für eine solch enge Beziehung zwischen diskreten Gefühlszuständen und fes- ten emotionsspezifischen physiologischen Reaktionsmus- tern ist jedoch eher schwach. Wahrscheinlicher ist, dass sich das emotionale oder das Affektsystem aus einer motivatio- nalen Basis entwickelt hat, welche eine sehr viel einfachere Organisationsstruktur aufweist. Die Evolution hat den Or- ganismus geprägt auf diejenigen Umgebungsbedingun- gen besonders zu reagieren, welche für sein Überleben von Bedeutung sind. Dies hat beispielsweise zur Folge, dass de- fensive Verhaltensweisen beim Auftreten feindseliger oder bedrohlicher Reize sofort gebahnt werden und appetitive Verhaltensweisen in Gegenwart von »gastfreundlichen« Umgebungsbedingungen vorgebahnt werden. Die neuro- nalen Schaltkreise für diese Systeme sind in den phyloge- netisch älteren Teilen des Gehirns lokalisiert. Tierexperi- mentelle Befunde belegen, dass die Amygdala die Kern- struktur des defensiven Reaktionssystems darstellt. Die Modulation der Schreckreaktion durch affektive Prozesse ist dabei ein guter Indikator für die Aktivierung der oben genannten subkortikalen neuronalen Schaltkreise. Wahr- scheinlich tritt die Potenzierung der Schreckreaktion zu einem frühen Zeitpunkt im Ablauf des defensiven Verhal- tensprogramms auf, nämlich kurz nachdem die Bedrohung entdeckt wurde. In dieser frühen Phase defensiver Orientie- rung unterbricht der Organismus seine aktuelle Tätigkeit, verfällt in eine Bewegungsstarre, fokussiert seine Aufmerk- samkeit auf den bedrohlichen Reiz, und bereitet sich auf eine mögliche Flucht vor. Genau in dieser Phase befindet sich der Mensch beim Betrachten affektiver Bilder, wo die Aufmerksamkeit genau auf die Hinweisreize gerichtet ist und der Organismus sich in einer bewegungslosen Position der Reizaufnahme befindet.
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Hamm, A. O. (2006). Psychologie der Emotionen. In Neuropsychologie (pp. 527–534). Springer-Verlag. https://doi.org/10.1007/3-540-28449-4_49
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