Abstract
Psychiatrische Diskurse über Perversionen und „sexuelle Abirrungen“ sowie die Entwicklung und Wirkmacht von Diagnose-Manualen, die Homo- und Transsexualität als psychische Störungen charakterisierten und dies im Fall von Trans* aber z. B. auch Transvestitismus noch immer tun, ebenso die heteronormativen Vorstellungen unserer Kultur, sind mit psychotherapeutischen Diskursen eng verschränkt.In der therapeutischen Praxis bedeutet dies unter anderem noch immer, dass Menschen, die psychotherapeutische Hilfe suchen und nicht der „Norm“ entsprechen, mit Vorurteilen, stereotypen Geschlechter‑, Beziehungs- und Sexualitätsvorstellungen konfrontiert sind oder sowohl ihre Lebensentwürfe als auch ihr Begehren als Ausdruck psychischer Unreife beurteilt werden.Darüber hinaus reproduzieren psychotherapeutische Diskurse nicht nur diskriminierende Strukturen, sondern sind mit Michel Foucault vielmehr selbst Teil jenes Macht-Wissenskomplexes, der Subjekte auf spezifische Weise hervorbringt und damit zugleich reguliert.Anti-Diskriminierungspolitiken, die Forderungen nach Gleichstellung ausgehend von einer unterdrückten sozialen Gruppe formulieren, haben zwar gesellschaftspolitisch viel erreicht, doch werden sie von diskurstheoretischen Ansätzen dafür kritisiert, dass sie die Identitätskategorien „unterdrückter“ oder „ausgeschlossener“ Subjekte und damit die Entgegensetzung und Hierarchisierung zwischen Norm und Abweichung weiter fortschreiben und Identitäten essentialisieren oder aber „ausgeschlossene“ Subjekte in die heteronormative Ordnung assimilieren, um für sie ebenfalls „Normalität“ zu proklamieren, was zu einer erneuten Unterwerfung führt.Im vorliegenden Artikel möchte ich daher über gleichstellungspolitische Ansätze hinausgehen, da diese Ansätze Identitätskategorien re-produzieren und fortschreiben. Stattdessen werde ich – ausgehend von queeren Konzepten – dafür plädierenden, den Bereich der Norm selbst in Frage zu stellen und zu dekonstruieren. Darüberhinaus werde ich zeigen, inwiefern insbesondere queere Ansätze als produktive und kritische Interventionen in psychotherapeutischen Diskursen und Praxen wirken können.Psychiatric discourses on perversions and “sexual aberrations”, the development and impact of diagnostic manuals which characterize(d) e.g. homo- and transsexuality as psychic disorders, as well as heteronormative discourses of our society are linked to psychotherapeutic discourses and perceptions. For the psychotherapeutic practice this means that people who look for therapeutic support and do not correspond to “norms” are still in danger of being confronted with prejudices, stereotypical ideas of gender, sex, relationships and sexualities and their ways of life may be judged as a sign for psychic immaturity.Moreover psychotherapeutic discourses do not simply produce discriminating structures, but can—following Michel Foucault—be perceived as part of a power-knowledge-system which produces and regulates subjects in a specific way.Anti-discriminating policies and demands for equality based on a suppressed social group has been very successfully in the past, but where also in the focus of critique for reproducing oppressed and excluded identities, for further opposing the categories of norm and aberration and for essentializing identities or assimilating the “other” to the “norm” which goes hand in hand with new structures of oppression.In my article I would like to follow queer perceptions going beyond equality policies. I will argue for questioning and deconstructing the norm as such. It is the aim of my article to show how queer perceptions can work as productive and critical interventions within psychotherapeutic discourses and practices.
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Hutfless, E. (2019). Zur Kritik der Heteronormativität – Queere Perspektiven in der Psychotherapie. Psychotherapie Forum, 23(1–2), 44–50. https://doi.org/10.1007/s00729-019-0116-z
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