Abstract
Obwohl Metaphern in der politischen Rede weit verbreitet sind, sind sie kaum Gegenstand eigener Untersuchungen, man konzentriert sich immer auf Inhalte und Argumente (211). Mit der konstruktivistischen Wende wurde zwar ein Interesse an Sprache und Diskursen entwickelt, aber die Auseinandersetzung mit Sprache blieb eher oberflächlich (212). Als rhetorisch werden dann meist auch nicht die Elemente der klassischen Rhetorik untersucht (Stilmittel), sondern der strategische Einsatz von Argumenten; Rhetorik scheint meist "entweder Ornament oder Lug und Trug" zu sein (212). "Dass rhetorische Mittel aber auch Realität schaffen, wird darüber vielfach vergessen. Wirklichkeit wird nämlich nicht nur durch das konstruiert, was ich sage, sondern auch, wie ich es sage" (212; Herv. orig.). Metaphern werden von Hülsse als "Produzenten sozialer Wirklichkeit" verstanden (213); er untersucht folglich hier ihre wirklichkeitskonstituierende Rolle. damit greift er auf die Kernfrage des Konstruktivismus zurück, die mit dem Aufkommen des moderaten Konstruktivismus etwas aus den Augen verloren wurde, und zwar die von Berger und Luckmann gestellte Frage "Wie entsteht gesellschaftliche Wirklichkeit?" Sein Ziel: "Ich werde zeigen, dass Metaphern soziale Realität schaffen, indem sie alltagsweltliche Vorstellungen (z.B. über Familien) auf abstrakte Phänomene (wie die EU-Erweiterung) projizieren" (213). Dazu wird eine Methode der Metaphernanalyse entwickelt. Zunächst diskutiert Hülsse verschiedene Varianten des Konstruktivismus, der insgesamt von der Idee zusammengehalten wird, das "soziale Wirklichkeit das Resultat intersubjektiver Konstruktionen" sei (214). Dieser ontologische Grundkonsens werd von einem tiefen epistemologischen Graben unterbrochen, der moderate / positivistische Konstruktivisten von radikalen / post-positivistischen Konstruktivisten trennt, wobei letztere ersteren eine Unvereinbarkeit von Ontologie und Epistemologie vorwerfen, da einerseits Intersubjektivität angenommen, andererseits aber zwischen Subjekt und Objekt getrennt werde. Der moderate Konstruktivismus beschäftigt sich in erster Linie mit der Erklärungskraft von Ideen und Identitäten, der Erklärung von Identitäten mit Hilfe von Ideen oder Normen bzw. mit der Wirkung von Normen und ihrer Internalisierung sowie mit verständigungsorientiertem Handeln. Das heißt: mit der Wirkung ideeller Faktoren. Die Frage, wie Ideen entstehen, gerät dabei vielfach aus dem Blick; damit wendet sich der moderate Konstruktivismus eigentlich nicht der Frage nach der Entstehung sozialer Wirklichkeit zu. Demgegenüber befasst sicher der post-positivistische Konstruktivismus gerade mit der Entstehung gesellschaftlicher Realitäten (… er beginnt an dem Punkt, an dem schon Max Weber ansetzte). Aus der Sicht des radikalen Konstruktivismus ist die Sprache der Schlüssel zum Verständnis, wie die Dinge das wurden, was sie sind: "Ideen, Normen, Identitäten und andere ideelle Faktoren sind sprachliche Konstrukte. Sie werden erst durch Sprechhandlungen, die selbst wiederum in Diskurse eingebettet sind, wirklich … Die Entstehung einer Idee zu rekonstruieren bedeutet folglich, den sie konstituierenden Diskurs zu analysieren" (215). Arbeiten der post-positivistischen Konstruktivisten sind daher oft Diskursanalysen. Gegen den post-positivistischen Konstruktivismus führt Hülsse dennoch zwei Einwände an: Zum einen sein oberflächliches Verständnis von Sprache (Konzentration auf die inhaltliche Ebene von Diskursen; das wird v.a. von Seiten der Sozialwissenschaftlichen Hermeneutik kritisiert; die "Sinnproduktion zwischen den Zeilen" bekomme die Diskursanalyse nicht in den Blick), zum anderen seine methodische Schwäche (es gibt weder eine Methode zur Untersuchung von Metaphern, noch eine Diskussion darüber; meist geben Diskursanalytiker keine Auskunft darüber, nach welchen Kriterien Texte ausgewählt und analysiert wurden) (215). Hülsse bezeichnet die Diskursanalyse daher mit Keller nicht als sozialwissenschaftliche Methode, sondern als Untersuchungsprogramm (217). Theorie der Metapher Hülsse entwickelt seinen Metaphernbegriff durch eine Gegenüberstellung des Metaphernverständnisses der antiken Rhetorik und "dem heute in den Sprachwissenschaften üblichen, konstruktivistischen Verständnis" (217), um daraus seine Kritik am heute vorherrschenden kognitiven Metaphernansatz anzusetzen. Metapher bezeichnet das "Phänomen des bildhaften Sprechens". Die klassische Rhetorik rückt die Substitution einer primären semantischen Texteinheit durch eine sekundäre in den Vordergrund; der eigentliche Ausdruck werde durch den uneigentlichen ersetzt. Sinn und Zweck der Substitution seien rhetorischer Art: Metaphern seien Ornat und stilistisches Steigerungsmittel der Rede (Steigerung der poetischen Ausdruckskraft oder der Überzeugungskraft eines Arguments) (217). Damit wird vorausgesetzt, dass der Sprecher sich seiner Sprache bewusst sei und diese intentional einsetze. Die heutigen Sprachwissenschaften sind - so Hülsse - von dieser Position abgerückt und sehen die Metapher nicht mehr als Ausschmückung und Steigerung der Rede und insofern auch nicht als Substitution des eigentlichen durch einen uneigentlichen Ausdruck. Vielmehr wird betont, dass sie die Bedeutung des eigentlichen Ausdrucks erweitern und mit neuen Bedeutungen anreichern, wodurch sie ihn erst konstituieren: "Hierin liegt das wirklichkeitskonstituierende Moment der Metapher" (218). Die moderne Linguistik hat also ein konstruktivistisches Metaphernverständnis, woraus sich Anschlussmöglichkeiten an die sozialwissenschaftliche Literatur ergeben; v.a. eine wissenssoziologische Interpretation dränge sich auf (218). "Die Metapher lässt sich als sprachliche Manifestation des auf Edmund Husserl und Alfred Schütz zurückgehenden Konzepts der Lebenswelt auffassen. Dieses besagt im Kern, dass Menschen primär in ihrer alltäglichen Lebenswelt Erfahrungen sammeln und dass für sie alles, was außerhalb dieser ‚sinnlich wahrnehmbaren Welt' (…) liegt, nur schwer zugänglich ist (…)" (218). Die einzige Möglichkeit, etwas über die nicht wahrnehmbare Welt zu erfahren, liege in der analogischen Übertragung der Alltagswelt auf die abstrakte Welt. Das ist auch das Prinzip der Metapher: Die Übertragung des Bekannten auf etwas Unbekanntes. "Für den abstrakten Gegenstand wird somit das zur Realität, was im entsprechenden alltagsweltlichen Kontext normal und selbstverständlich ist. Dadurch werden Metaphern zu Produzenten einer als selbstverständlich empfundenen Wirklichkeit" (218). Kognition/Diskurs Meist wird das metaphorische Sprechen als Ausdruck bzw. Reflex metaphorischen Denkens verstanden (v.a. Lakoff/Johnson) und entspricht damit dem Funktionsprinzip von Kognitionsprozessen: In der Konfrontation mit etwas Unbekannten greifen wir auf etwas Bekanntes zurück (Übertragung von frames auf etwas Neues). Die Linguistik interpretiert das als Versprachlichung des Denkens: "Der Metapherngebrauch in der Sprache reflektiert den Operationsmodus menschlichen Denkens. Wir reden in Metaphern, weil wir bildhaft-vergleichend denken" (219). Im kognitiven Metaphernansatz sind Metaphern ein individuelles Phänomen (Ergebnis individueller Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitungsprozesse). Beim ersten Mal ist jede Metapher eine kreative Metapher in dem Sinne, dass sie von jedem bei einer bestimmten Gelegenheit "erfunden" wurde. Wenn sie sich ausbreitet und personenübergreifend zur Deutung eines Phänomens durchsetzt, erfolgt ihr Gebrauch habitualisiert (219). Je nach Grad der Habitualisierung unterscheidet die Linguistik zwischen konventionellen und toten Metaphern, wobei "meint": vollständig habitualisiert (man ist sich gar nicht mehr über den bildhaften Ursprung von Metaphern im Klaren, das Bild ist gestorben). Konventionelle Metaphern werden ebenfalls routiniert verwendet und die Sprecher müssen sich der Metaphorik nicht notwendigerweise bewusst sein, der metaphorische Ursprung ist aber noch nicht vollständig verblasst. Idealtypisch ist also die Vorstellung einer Karriere der Metapher hin zur vollständigen Habitualisierung (220). Die Übergänge zwischen kreativen, konventionellen und toten Metaphern sind fließend. Hülsse betont dies, um herauszuarbeiten, dass Metaphern sich im Laufe der Zeit von einem "individuellen" zu einem "überindividuellen" Phänomen wandeln. Bei konventionellen und toten Metaphern macht es wenig Sinn, ihren Gebrauch als individuelle, kognitive Reflexionsleistung zu betrachten (220): "Hier haben wir es mit Verwendungsroutinen zu tun, denen die Sprecher gleichsam automatisch folgen. Eine häufig verwendete Metapher mag - darüber können wir nur spekulieren - ursprünglich aus einer individuellen Verstehensleistung hervorgegangen sein, im Moment ihres Gebrauchs hat sie weniger mit Kognition zu tun als mit dem Diskurs, in den sie eingebettet ist. Wir verwenden ebenso zwangsläufig wie automatisch die Metaphern, die der Diskurs, in dem wir uns bewegen, vorgibt. Und jeder Diskurs hat eine bestimmte Metaphorik im Gepäck, auf die die Diskursteilnehmer zurückgreifen müssen, den nur diese Metaphern stehen ihnen überhaupt zur Verfügung (vgl. Doty 1993: 302). Innerhalb eines Diskurses gibt es somit feste Verknüpfungen zwischen bestimmten Metaphern und Phänomenen. Wenn wir über einen Gegenstand sprechen, haben wir mithin kaum eine andere Wahl, als die zu seiner Bezeichnung üblichen Metaphern zu verwenden. Daher erscheint mir ein diskursiver Metaphernansatz zur Analyse konventioneller Metaphern besser geeignet als ein kognitiver" (220, Herv. orig.). Dieser ist bisher jedoch kaum ausgearbeitet worden (Ansätze bei Milliken 1999!). Das Individuum spielt hier nur eine untergeordnete Rolle: Der Diskursgegenstand kann nicht anders gedacht und artikuliert werden als mit Hilfe der bereitgestellten Metaphern; dem individuellen Erfindungsreichtum sind durch den Diskurs Grenzen gesetzt (meist handelt es sich um kreative Erweiterungen) (221). Wichtig: Chilton und Chilton/Lakoff zur Container-Metapher und Personen-Metap
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Hülsse, R. (2003). Sprache ist mehr als Argumentation. Zur wirklichkeitskonstituierenden Rolle von Metaphern. Zeitschrift Für Internationale Beziehungen, 10(2), 211–246. https://doi.org/10.5771/0946-7165-2003-2-211
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