Abstract
Die Postwachstumsbewegung, man merkt es schon am Na men, hat einstweilen keine Geschichte zu erzählen – jeden falls keine, die es mit der Erfolgsgeschichte der Wachstums wirtschaften aufnehmen könnte. Schließlich ist die materielle Verbesserung von Lebensbedingungen, wie sie in den 1950er und 60er Jahren in Westeuropa und Nord amerika erfolgt ist und gegenwärtig in den Schwellenlän dern geschieht, keine Schimäre, sondern die konkrete le bensweltliche Erfahrung von Millionen von Menschen – und damit eine Geschichte, die sie über sich selbst erzäh len können. Was könnte man dem entgegensetzen? Eine solche Gegengeschichte muss jedenfalls auch eine gute Ge schichte sein – eine von den Möglichkeiten eines besseren, gerechteren, qualitätsvolleren Lebens, das nicht die einen auf Kosten der anderen führen. Das Einschlagen eines Postwachstumspfades und die Einübung reduktiver Wirtschaftsformen und Lebensstile wird aber nicht vor dem Hintergrund von Katastrophen szenarien attraktiv. Eine solche kulturelle Transformation benötigt ein positives Ziel und zwar eines, das mit der ei genen Identität und mit der Person, die man sein möchte, in Verbindung gebracht werden kann. Niemand tut etwas abstrakt, sondern immer nur konkret: Es muss benennbar und erfahrbar sein, wofür man sich einzusetzen bereit ist. Dafür taugen der Klimawandel, der CO 2 Haushalt und die ganze naturwissenschaftlich grundierte Apokalyptik nicht. Dafür braucht es positive, anschauliche, lebenswirkliche Ziele: so etwas wie ein Unternehmen, das nicht wächst, das eine Gemeinwohlbilanz vorlegt, in dem das Gehaltsgefüge auf den Kopf gestellt ist und der Chef am wenigsten verdient, weil er ja den besten Job hat, oder wo die Kunden, die am wenigsten abnehmen, einen günstigeren Preis bekommen als die, die große Mengen kaufen. Die Stiftung FUTUR ZWEI hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Strategien und Konzepte alternativer Wirtschaftsakteure in Geschichten zu kommunizieren – damit erstens das Neue in die Welt und in die Wirtschaft kommt und zweitens eine Heuristik für eine Postwachstumsökonomie entstehen kann. Bereits 1963 hat Heinrich Böll mit seiner " Kleinen An ekdote zur Senkung der Arbeitsmoral " eine Gegengeschich te zur Auffassung über wirtschaftliches Handeln in der Welt des Profitwahnsinns geschrieben. Er schildert die Begeg nung eines Touristen mit einem Fischer. Der armselig be kleidete Fischer, der an seinem Ankerplatz schläft, wird vom Touristen gefragt, weshalb er nicht auf See sei und Fisch fange. Der Fischer antwortet, dass sein morgendlicher Fang so gut und ausreichend gewesen sei, dass er für die kom menden Tage ausgesorgt habe. Das leuchtet dem Touristen nicht ein und er empfiehlt dem Fischer, sich doch bei sol chen Erfolgsaussichten hoher Fangquoten eine ganze Flot te Boote anzuschaffen. Denn mit solch einer Flotte könne er beruhigt im Hafen sitzen und die Sonne genießen. Das mache er heute auch schon, lautet die Antwort des Fischers. Welche zeitgenössischen – und realen – Geschichten aber zeigen, dass es möglich ist, als westlicher Konsument nicht dauerhaft so viel von anderen, ärmeren Ländern zu beziehen? Oder dass es schier unmöglich ist, unablässig mehr Energie und Ressourcen jeglicher Art in Anspruch zu nehmen, als einem global zustehen? Es gibt viele aktu elle Beispiele eines anderen Produzierens und Konsumie rens, von denen im Folgenden einige dargestellt seien.
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Giesecke, D. (2014). Postwachstum: Geschichten „zur Senkung der Arbeitsmoral“. WSI-Mitteilungen, 67(7), 551–554. https://doi.org/10.5771/0342-300x-2014-7-551
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